Es regnet. Der Wind «chutet» die Frisur von Marianne Horner zünftig durcheinander. Trotzdem möchte sich die sehr wahrscheinlich neue Ammerswiler Frau Gemeindeammann für das Porträt im Freien auf dem Dorfplatz fotografieren lassen. «Dieser Ort mitten im Dorf soll symbolisieren, dass ich als Gemeindeammann den direkten Austausch mit der Bevölkerung suche. Und dies bei jedem Wind und Wetter», sagt sie und schmunzelt.

Auch die Farbe des Regenschirmes kommt nicht von ungefähr. «Ich habe mir gedacht, orange bringt einen Farbtupfer in diesen tristen Morgen», sagt sie. Die Farbe ist kein Hinweis auf irgendeine politische Haltung Horners. Auf keinen Fall will sich die 48-Jährige in ein politisches Schema pressen lassen.

In Ammerswil werde reine Sachpolitik betrieben, sagt sie und betont, dass alle vier sich zur Wiederwahl stellenden Gemeinderäte ebenso wie die neue Kandidatin Rita Brunner ohne Parteibuch politisieren. «Die politischen Parteien sind in Ammerswil nicht aktiv», erklärt Horner. Sowieso stehe Ammerswil vor grösseren Herausforderungen, als irgendwelche politischen Anschauungen breit zu klopfen.

Soziale Plattformen schaffen

Mit allen Mitteln will das Dorf seine Lebensqualität aufrechterhalten. Für Neuzuzüger attraktiv bleiben, obwohl in den vergangenen Jahren wichtige Infrastruktur verloren gegangen ist. Zuletzt hat sogar der Volg geschlossen. Mit vereinten Kräften will man diesen «wichtigen sozialen Treffpunkt in Ammerswil anderweitig kompensieren».

Horner ist die soziale Vernetzung im Dorf ein Hauptanliegen. Immer wieder kommt sie darauf zu sprechen. Als zuständige Gemeinderätin hat sie verschiedene neue Plattformen geschaffen, wo sich die Ammerswiler treffen können: Der Verein Ammerswil Kultur, der Seniorenausflug und eine Kita im Dorf gehören dazu. Die Nachbarschaftshilfe im Dorf funktioniere prima, bringt sie ein weiteres Beispiel. «Es gehen nur wenige Ammerswiler ins Altersheim.»

Als Frau Gemeindeammann will Marianne Horner alles daran setzen, die Grundschule im Dorf so lange wie möglich zu erhalten. Dazu brauche es jedoch junge Familien, die ins Dorf ziehen.
In Ammerswil wohnen aktuell 680 Menschen. Die Infrastruktur erlaube eine Steigerung auf rund 750 Personen, sagt Horner. «Wohnraum ist da, auch für Familien mit Kindern.»

Ammerswil ist die kleinste Gemeinde im Bezirk. Vor diesem Hintergrund stellt sich unweigerlich die Frage nach dem Zusammengehen mit einer Nachbargemeinde. Zu diesem Thema zeigt Marianne Horner eine ganz nüchterne Haltung. «Im Moment wollen wir eigenständig bleiben. Doch bringt es nichts, die Augen zu verschliessen vor der steigenden Aufgabenflut, die auf die Gemeinden zukommt. Irgendwann werden diese für die kleinen Gemeinden alleine nicht mehr zu prestieren sein.»

Von Zürich in den Aargau

Auch Marianne Horner ist eine Zugezogene. Vor zwanzig Jahren ist die Familie aus der Region Zürich ins Dorf gekommen. Ihr Dialekt verrät ihre Innerschwyzer Wurzeln noch beim genauen Zuhören. Aufgewachsen als jüngstes von sieben Kindern hat sie sich schon früh mit den Geschwistern zusammenraufen und gemeinsam tragbare Lösungen suchen müssen. Eine Lebenserfahrung, die ihr in der politischen Arbeit jetzt zugute komme, sagt Horner. «Politik ist kein Alleingang, sondern eine Gruppenarbeit. Nur so funktionierts.»

Das erste Heim in Ammerswil hat Familie Horner gemietet. «Wir wollten zuerst ausprobieren, ob uns Ammerswil und das Leben auf dem Land tatsächlich auch zusagen», erzählt Marianne Horner und lacht. Es hat. Mittlerweile wohnt sie mit ihrem Mann und den drei in Ausbildung stehenden jungen erwachsenen Söhnen im Eigenheim. Einmal da, sei ein Wegzug zu keiner Zeit mehr ein Thema gewesen, im Gegenteil. «Wenn ich zu Beginn jeweils heimgefahren bin, kam es mir vor, als wäre ich in den Ferien», schlägt sie tüchtig die Werbetrommel für das Walddorf.

Halbe Sachen gibt es bei Marianne Horner nicht. Mit einem Nachdiplomstudium zu den Grundlagen im öffentlichen Gemeinwesen bereitet sich die 48-Jährige auf das Ammannamt vor. In den vergangenen Jahren hat die einstige Kinderkrankenschwester nebst dem Familien-Management ihr berufliches Tätigkeitsgebiet völlig neu ausgerichtet. Mit einem Master in Kulturmanagement von der Universität Basel in der Tasche will sie ihre Selbstständigkeit mit verschiedenen Mandaten im Kulturbereich weiterführen.

Andernorts gibt es mittlerweile eine Gemeindepräsidentin. Das möchte Marianne Horner nicht. «Mir gefällt der Titel Frau Gemeindeammann. Das ist traditionell und ehrenvoll», sagt sie kurz und bündig.