Meitlisonntag

Im Seetal ist in diesen Tagen kein Mann mehr sicher vor den Frauen

Meisterschwanden: Im «Löwen» geht den Frauen Andy Gutknecht in den Grasbogen. Bevors in die nächste Beiz geht, wird er hin- und hergeschwungen.

Meisterschwanden: Im «Löwen» geht den Frauen Andy Gutknecht in den Grasbogen. Bevors in die nächste Beiz geht, wird er hin- und hergeschwungen.

Für drei Tage übernehmen in Meisterschwanden und Fahrwangen die «Weiberherrschaft». Der Brauch geht auf 1712 zurück. Seither wird während drei Tagen ausgelassen gefeiert.

Die Strasse an diesem Donnerstagabend in Meisterschwanden ist menschenleer. Auch im «Löwen»-Saal ists ruhig. Ein Alleinunterhalter spielt vor sich hin, an den Wänden kleben Poster mit nackten Frauen. Es ist 20 Uhr.

«Warten Sie, in einer Stunde geht die Post ab», sagt eine Serviertochter beim Vorbeigehen. Sie muss es wissen: Zum 25. Mal erlebt sie den Meitlisonntag. Den Brauch, der auf das erfolgreiche Eingreifen der Seetaler Frauen im 2. Villmergerkrieg von 1712 zurückgeht. Seither übernehmen die Frauen für drei Tage im Januar die «Weiberherrschaft».

Die Serviertochter hatte recht: Auf einen Schlag ist der «Löwen» rappelvoll, die ersten Paare wirbeln über die Tanzfläche. Die Frauen machen keinen langen Tanz: Sie angeln sich einen Mann nach dem andern. Schliesslich ist Damenwahl. Ein «Trösterli», meint eine Tänzerin augenzwinkernd. «In wenigen Tagen übernehmen die Männer wieder die Macht, wir Frauen müssen wieder ins zweite Glied treten.»

Die Stimmung hebt sich, als die Frauen aus Meisterschwanden unter Trommelwirbel in die Wirtschaft treten. Stolz, in schwarze Roben gekleidet. Mit Rüschen, Schleifen, Spitzen, mit federgeschmückten Hüten auf ihren Häuptern. Und dem Grasbogen in der Hand. Damit fangen sie später Männer, die ihnen als würdig genug erscheinen. Einheimische und neuerdings auch Auswärtige schleppen sie ins nächste Lokal.

Vorerst aber tanzen die Weiber, dann schnappen sie sich einen jungen Einheimischen. «Eine Frau, die dich nach Hause trägt» spielt der Unterhalter, währenddem der Grasbogen gespannt, der Mann hineingelegt wird.

Lauthals gehts vom «Löwen» ins «Rütli». Nicht, dass es für den jungen Mann besonders bequem wäre im Netz, erbarmungslos schütteln sie dieses nach rechts, nach links, in die Höhe. Im «Rütli» steigt er aus.

Erleichtert, aber auch etwas majestätisch. Schliesslich war es für ihn eine Ehre, im Netz zu liegen. So leicht kommt er nicht davon: Er muss sich – so will es der Brauch – von den Frauen loskaufen, mit Weisswein, heuer mit mehr Mineralwasser. Sie wollen ja weiter auf Männerfang gehen. Auffallend ist, dass viele junge Frauen am Meitlisonntag mitmachen. Das mache Spass, meinen sie. Schliesslich seien ihre Mütter und Grossmütter schon dabei gewesen.

In Fahrwangen ist die Stimmung ebenso ausgelassen, auch wenn nicht alle Beizer ihre Türe für den Meitlidonnerstag öffnen. Deshalb ist die Mehrzweckhalle in ein Tanzlokal, vielmehr in eine Disco umgewandelt worden. «Es ist nicht mehr so wie früher», flüstern sich zwei ältere Frauen zu. Ernst meinen sie es nicht: Kess fordern sie die jungen Männer zum Tanzen auf.

Bis eine andere Gruppe Frauen mit dem Grasbogen daherkommt. Darin liegt Gemeinderat Christian Tschannen. Ordentlich schwer sei dieser, witzeln sie. Was Tschannen nicht stört. Galant küsst er nach Tradition jede Frau. Und auch dem az-Fotografen gibt er vor lauter Freude einen Kuss auf die Wange. So schnell landet man(n) nicht wieder im Frauennetz.

Am Sonntag und Montag wird im oberen Seetal weitergefeiert.

Meistgesehen

Artboard 1