Dürrenäsch/Hallwil

Im Seetal gedeihen Schweizer Raritäten

Landschaftsarchitekt und Projektleiter Victor Condrau begutachtet eine Blüte der Erlenblättrigen Felsenbirne.

Landschaftsarchitekt und Projektleiter Victor Condrau begutachtet eine Blüte der Erlenblättrigen Felsenbirne.

In Dürrenäsch und Hallwil eröffnet eine national einzigartige Wildobst-Sammlung.

Noch sind die Sträucher klein, einige blühen bereits, andere spriessen erst. Doch die Bedeutung der 1000 Pflanzen, die am Dürrenäscher Waldrand Reihe um Reihe gedeihen, ist gross. Denn das, was hier und am zweiten Standort in Hallwil wächst, ist einzigartig in der Schweiz: Auf je 1,2 Hektaren haben die Stiftung Kultur Landschaft Aare-Seetal (KLAS) und ProSpeciaRara, die Schweizerische Stiftung für die kulturhistorische und genetische Vielfalt von Pflanzen und Tieren, die erste systematische und wissenschaftlich fundierte Wildobstsammlung angelegt.

Bestehend aus einheimischen Raritäten, also Sträuchern, die teilweise in der Schweiz kaum mehr zu finden, kulturhistorisch, für den Naturschutz und das Landschaftsbild jedoch von grosser Bedeutung sind. Finanziert wird das Projekt durch den Fonds Landschaft Schweiz, diverse Stiftungen, den Kanton und Paten. Nähere Angaben zu Kosten folgen nach Abschluss des Projekts.

«Das Arboretum ist wie ein lebendiges Museum», sagt Victor Condrau. Seit 2017 sucht er mit Elisabeth Dürig, beide Landschaftsarchitekten und Projektleiter der Stiftung KLAS, in der ganzen Schweiz seltene und schützenswerte Wildobst-Sträucher, um sie in Dürrenäsch und Hallwil zusammen mit Zivildienstleistenden anzupflanzen. So entstand im Seetal eine lebendige Gendatenbank mit 420 Sorten Wildobst, den Vorgängern des heute bekannten Obstes wie Äpfel und Birnen.

«Tierlibaum» aus der Bronzezeit

Einige Sorten von Schneeball, Sanddorn oder Kornelkirschen sind in der Schweiz nur noch selten anzutreffen. «Die Suche war dementsprechend zeitintensiv», sagt Condrau. Andere Pflanzen wie die zurzeit cremefarbig blühenden Holunderbüsche, die Haselnusssträucher, deren Nüsse als Frucht gelten, die Vogelbeeren mit ihren orange-roten Beeren oder der Schwarzdorn mit seinen matt-blauen Früchten sind eher verbreitet.

Wer künftig durch den Schaugarten in Dürrenäsch spaziert, kann zwischen den Büschen aber auch alte Sorten wie die Kornelkirsche entdecken. «Bei Ausgrabungen aus der Bronzezeit fand man bereits Hinweise auf die auch als ‹Tierlibaum› bekannte Kornelkirsche», sagt Condrau. Deren unreife Früchte kann man übrigens in Essig einlegen und werden deshalb auch als «Oliven des armen Mannes» bezeichnet.

Überhaupt sind alle Früchte im Arboretum essbar. «Wir haben extra keine Eiben angepflanzt, deren Samen tödlich sein können», sagt Condrau. Der 59-jährige Landschaftsarchitekt mahnt Nascher aber trotzdem zur Vorsicht: «Nur wenige Früchte kann man roh essen, beispielsweise die Kirschpflaumen oder die Beeren des Sanddorns.»

Die meisten müsse man vorher einkochen oder einfrieren, da sie sonst bitter sind und in grösseren Mengen zu Übelkeit oder gar Kreislaufproblemen führen können. Das hat Condrau als Kind am eigenen Leib erfahren, wie er sich mit einem Schmunzeln erinnert. «Als kleiner Bub habe ich rohe Holunderbeeren gegessen. Danach war mir zwei Tage lang speiübel.» Die Beeren kann man aber kochen und daraus Sirup machen.

Konfitüren, Säfte oder Dörrfrüchte aus Wildobst sind gesund. «Die Früchte sind nicht nur sehr süss, sondern auch reich an Vitaminen, Mineralien und Ballaststoffen», sagt Condrau. «Und Schnaps aus Vogelbeeren oder Sanddorn hilft bei Erkältung, Sanddorn-Öl wird gegen Rheuma oder in der Kosmetik eingesetzt.» Neben den kulinarischen und medizinischen Vorzügen bietet das Wildobst auch einen natürlichen Lebensraum für Insekten und verschönert mit den intensiven Farben der Blätter, Blüten und Früchte das Landschaftsbild.

Das Arboretum hat deshalb nicht nur das Ziel, die raren Sorten zu dokumentieren und zu erhalten, sondern sie auch wieder in Privatgärten oder Baumschulen zu vermehren. «In vielen Gärten gedeihen monoton wirkende Thujen oder Neophyten wie der Sommerflieder», sagt Condrau. Die Besucher des öffentlichen Schaugartens sollen mithilfe von Infotafeln und Exkursionen nicht nur informiert, sondern bestenfalls auch dazu angeregt werden, selber Naschhecken wie Felsenbirne oder Sanddorn anzupflanzen.

Wildobst ist robuster

Ein anderes Ziel verfolgt der zweite Standort des Arboretums in der Nachbarsgemeinde Hallwil. Als Erwerbsanlage hat dort der «Gmüeser»-Betrieb zehn Arten angepflanzt und zeigt somit auf, dass Wildobst auch in grösserem Stil angebaut werden kann. So wie noch vor etwa 200 Jahren. Wildobst hat Potenzial: Es ist weniger anfällig auf Bakterien und Schädlinge als das Kulturobst, dafür aber bei einigen aufgrund der Dornen und Stacheln aufwendiger zu ernten. Gleich nebenan befindet sich eine weitere Wildobst-Sammlung: das Heckenrosen- oder Hagenbutten-Arboretum mit allen 27 Schweizer Sorten.

Am Sonntag wird das Arboretum feierlich eröffnet. Dort, wo jetzt noch kleine Sträucher und Bäumchen stehen, können die Besucher in drei bis vier Jahren zwischen üppigen Büschen und unter schattenspendenden Bäumen flanieren und sich für den eigenen Garten inspirieren lassen.

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