Während über dem Schloss Hallwyl Dohlen in der wärmenden Sonne ihre Kreise ziehen, steigt im Alten Rittersaal Ina Link auf ein Gerüst, schiebt ihre Schutzbrille über die Augen und greift zur Laserpistole.

Voller Konzentration feuert sie auf einen russüberzogenen Dachbalken. Es knistert. Rauchfäden bilden sich. Zentimeter für Zentimeter frisst sich der kleine rote Laserpunkt in den Russ, bis eine helle Farbe zum Vorschein kommt. Für Jahrhunderte lag diese verborgen.

Frühjahrsputz mit Laser am Schloss Hallwyl

Frühjahrsputz mit Laser am Schloss Hallwyl

Seit drei Wochen lasert die Restauratorin nun den mittelalterlichen Russ von den Dachbalken. Und legt Bemalungen aus dem 14. Jahrhundert frei. Ornamente, Ranken- und Winkelmalereien, schwarz auf weiss, weiss auf schwarz, eingefasst von roten Begleitbändern. Erstaunlich, wie gut sich die verborgenen Verzierungen erhalten haben.

Ina Link, Restauratorin seit 27 Jahren, stützt die vier Kilogramm schwere Laserpistole auf einer Querstange des Gerüsts und hält kurz inne. «Endlich haben wir ein Mittel, das nur auf den Schmutz geht und nicht auf die Malerei», sagt sie. Erst die neue Lasertechnik ermöglicht eine Reinigung der Balken. Als das Schloss zwischen 1998 und 2004 umfassend saniert wurde, gab es noch keine Methode, um die Gemälde freizulegen. Die Denkmalpflege befürchtete: Durch eine Reinigung würde auch die Malerei abgetragen. Man sicherte die Balkendecke, doch liess sie schmutzig.

Skalpell gegen Pistole getauscht

Der Russ könnte von 1415 stammen. Als die Eidgenossen den Aargau eroberten, steckten Berner Truppen das Schloss in Brand. Wahrscheinlicher aber hätten vor allem die offenen Kamine die Balken geschwärzt, sagt Jörn Wagenbach, Direktor Museum Aargau.

Wenn also Hunderte Jahre später die Restauratorin mit ihrem Laser auf das Gebälk schiesst und dabei die kleinen Partikel verbrennen, dann kehrt ein mittelalterlicher Russgeruch zurück in die Gegenwart und verbreitet sich im Raum. Am Boden steht das meterhohe Kühlgerät des Lasers und brummt stoisch. Bei früheren Restaurationen setzte Ina Link auf Sandstrahler und Skalpelle. Beides habe in Hallwil nicht funktioniert: Der Sandstrahler wäre zu stark, das Skalpell zu scharf. Nur beim Laser lässt sich die Intensität so regulieren, dass er die Farbschicht verschont. Präzision ist dennoch gefragt.

Denn: Kommt Ina Link an einen neuen Balken, lässt sich die Malerei kaum erahnen. Sie beginnt mit grösserem Abstand und geringerer Leistung. Schicht für Schicht tastet sie sich heran. Was darunter erscheint, beeindruckt alle Beteiligten. «Die Ornamente sind von hoher Kunst», sagt Link. «Gemalt mit freier Hand, nicht mit Schablonen.»

Die Restauration verlangt ein ebenbürtiges Können. Ina Link muss die mittelalterliche Pinselführung verinnerlichen, wenn sie mit dem drei Millimeter grossen Laserpunkt den Rändern entlangfährt. Pro Tag lasert sie bis zu acht Stunden, gut zwei Meter legt sie dabei frei. Zeit bleibt noch bis Ende Monat – im April wird das Museum seinen Gästen die freigelegten Deckenbalken präsentieren.