Er lässt keine Zweifel aufkommen, wer hier der Chef ist: Eine dominante Erscheinung, gross gewachsen, in schwarzes Leder gekleidet, mit Gold behangen; ein kantiges Gesicht, ein finsterer Blick. «Was soll ich dich lehren? Das Müllern – oder das andere auch?», fragt er in einem Befehlston, der keine Widerrede duldet. Dabei holt er mit seinen Armen weit aus, unterstreicht die Worte mit markanten Gesten. Der vor ihm stehende junge Mann zuckt zusammen, zieht den Kopf ein, nickt kaum merklich. Regisseurin Annina Sonnenwald unterbricht die Szene. «Perfekt», ruft sie begeistert.

Seit Mitte Jahr studiert Sonnenwald mit Strafgefangenen der Justizvollzugsanstalt Lenzburg ein neues Theaterstück ein. Es ist die vierte Aufführung, die sie mit den «Lenzburgern» realisiert. «In der Mühle», heisst der Titel. Die Choreografie stammt von Simona Hofmann. Im zeitgenössischen Verständnis entspricht der eben geprobte Akt einem Anstellungsgespräch, in dem der Mühlebesitzer seinen neuen Lehrling engagiert. In Wirklichkeit sind Müller und Lehrling jedoch hinter Gittern und verbüssen längere Haftstrafen. In der zur Theaterbühne umgebauten Gefängnis-Turnhalle werden die Häftlinge zu Laienschauspielern. Einigen von ihnen scheint die Rolle regelrecht auf den Leib geschrieben zu sein. Besonders der Müller liebt die Bühne, seine offensichtlichen Aggressionen finden in einem brillanten Schauspiel Ausdruck. Er spricht spanisch, so verhindert die Sprachbarriere ein näheres Gespräch mit ihm.

20 Insassen interessierten sich

Bei den JVA-Insassen ist das Theaterspielen beliebt. Über 20 wollten beim neusten Stück mitmachen, weiss Direktor Marcel Ruf. 12 stehen jetzt auf der Bühne: Sie kommen aus der Schweiz, Brasilien, Rumänien, Puerto Rico. Die meisten sind muskulöse Kerle mit durchtrainiertem Körper. Im Knast ist der perfekte Body die einzige «Waffe», die ihnen bleibt. Gefängnisdirektor Ruf weiss, dass Theaterprojekte mit Häftlingen längst keine Seltenheit mehr sind. «In Rumänien wird mit Strafgefangenen sogar wettbewerbsmässig Theater gespielt.» Und im berühmten St. Quentin State Prison in den USA kommen gar Shakespeare-Stücke auf die Gefängnisbühne.

Von den zwölfen, die beim aktuellen Projekt in Lenzburg dabei sind, haben einige bereits in früheren Theatern mitgemacht. Marcel Rufs Erfahrung: «Wer von den Strafgefangenen einmal spielen durfte, wird vom Theatervirus gepackt.» Zu ihnen gehört Joe. «Schreiben Sie den Namen ruhig so», sagt er. Joe ist eine elegante Erscheinung, charmant, überraschend offen, wenn es um seine persönliche Geschichte geht. Obwohl Schweizer, spricht er in einem gepflegten Hochdeutsch. Er habe lange in Deutschland gelebt, sagt er.

Im Stück «In der Mühle» hat Joe die Rolle des Erzählers und führt als «roten Faden» durch die Geschichte. Wo nötig, fungiert er als Übersetzer fürs Publikum, weil die Protagonisten auf Wunsch in ihrer Muttersprache sprechen dürfen.

Als Erzähler ist Joe auf der Bühne praktisch omnipräsent, trotzdem steht er weniger im Rampenlicht als andere. Umso mehr Schlagzeilen jedoch hat sein Fall vor Jahren gemacht. Wegen Gewaltdelikten wurde er zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Seit neun Jahr ist der heute 52-Jährige nun in Lenzburg inhaftiert. In der JVA produziert er täglich Joghurt. Joe sagt, er mache beim Theater mit, weil er Vorurteile abbauen wolle, welche in der Öffentlichkeit gegenüber Straftätern herrschten. «Ich will dem Publikum zeigen, dass im Gefängnis nicht einfach Monster sitzen», erklärt er.

Bemerkenswert ist zudem, dass nun das Publikum erstmals Gelegenheit bekommt, die Gesichter hinter den Theaterleuten kennen zu lernen. Zumindest ein ganz kleines bisschen. Am Anfang des Stücks wird ein Kurzfilm eingeblendet, in welchem die zwölf Mitspieler ein wenig in ihre Seelen blicken lassen. So sagt einer: «Das Theaterspielen ist ein kleines Stück Freiheit, auch wenn es in Wirklichkeit nicht so ist.»

Von der Bühne in die Zelle

Punkt 19.30 Uhr: Ein uniformierter JVA-Angestellter erscheint. Ende der Theaterprobe, die Realität kehrt zurück. Die Bühne wird wieder zur Gefängnis-Turnhalle. Die Stimmung unter den Strafgefangenen ändert schlagartig: Die selbstbewusst auftretenden Theaterschauspieler verstummen, werden zu gefügigen Häftlingen. Sie packen ihre sieben Sachen zusammen, verlassen die Turnhalle, machen sich auf den Weg zur Nachtruhe. Pünktlich um 20 Uhr werden die Zellentüren hinter ihnen ins Schloss fallen, wie üblich. Der JVA-Mitarbeiter nimmt das Funkgerät zur Hand. «Es sind erst elf vorbei, es kommt noch einer», sagt er zu seinem Kollegen, der die zwölf Insassen ein Stockwerk höher in Empfang nehmen soll.