Restaurative Justiz

Im Gefängnis Lenzburg treffen sich Opfer und Täter zu Gesprächen – das löst auch bei Schwerverbrechern Unerwartetes aus

Die Begegnung mit Opfern hat diesem Gefangenen geholfen.

Die Begegnung mit Opfern hat diesem Gefangenen geholfen.

In der Justizvollzugsanstalt Lenzburg treffen sich Opfer und Täter zu Gesprächen. Was als Hilfe für von Verbrechen traumatisierte Menschen gedacht war, löst auch bei Schwerverbrechern Unerwartetes aus.

In den vergangenen Tagen waren Menschen aus der ganzen Schweiz nach Lenzburg gereist und unsicheren Schrittes durch die Schleuse der Justizvollzugsanstalt getreten. Vielen von ihnen hat man die Angst angesehen; sie schwitzten, blickten nervös umher. Dabei waren sie freiwillig im Gefängnis.

Die Menschen sind Opfer einer Straftat und nehmen in der Strafanstalt an Dialogen mit Tätern teil. Diese Gesprächsrunden sind Teil der Restaurativen Justiz, einer Justizphilosophie, die Täter und Opfer in einen gemeinsamen Prozess einbezieht. Vor zwei Jahren wurden in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg zum ersten Mal in der Schweiz restaurative Dialoge durchgeführt. Aufgrund der positiven Bilanz läuft das Projekt weiter.

Restaurative Justiz war bis anhin in der Schweiz selbst unter Gefängnisdirektoren ein unbekanntes Konzept. «Als ich vor 2,5 Jahren bei meinen Kollegen nachgefragt hatte, wusste keiner genau, was das war», sagt Marcel Ruf, Direktor der Justizvollzugsanstalt Lenzburg. Dabei spielen restaurative Verfahren in Europa, zum Beispiel in Belgien, seit Jahrzehnten eine Rolle im Strafvollzug und sind auch im angelsächsischen Raum weit verbreitet.

Restaurative Justiz beruht auf der Begegnung zwischen Tätern und Opfern. Das können die respektiven Täter und Opfer sein. In Lenzburg wurden anhand der Verbrechen, unter deren Folgen die Opfer leiden, Täter gesucht, die freiwillig am Projekt teilnehmen. Dazu gehören Einbruch, Raub, versuchte Tötung und Mord.

Auch die Täter haben Angst vor den Begegnungen

Nicht nur die Opfer fühlen sich vor den Gesprächen unwohl. Zwar wurde mit der ehemaligen Malerei ein neutraler Raum ausserhalb des Hauptgebäudes gewählt. Trotzdem ist es eine ungewohnte Umgebung. Doch die Opfer sind nicht die Einzigen, die sich unwohl fühlen.

«Ich hatte auch Angst vor der ersten Begegnung», sagt Marco (Name geändert). Marco sieht mit seiner bulligen Statur und den Tattoos nicht aus wie ein Mann, der sich schnell fürchtet. Seit 2005 hat er nach eigenen Angaben zwei Jahre in Freiheit verbracht, wie er mit überraschend feiner Stimme erklärt. «Ich dachte, die Opfer kommen womöglich, um mich zusammenzustauchen.»

Und noch etwas anderes beschäftigte Marco vor den Dialogen – wie viele seiner Mitgefangenen, die am Versuch teilnahmen: «Die Gefangenen müssen sich völlig öffnen», sagt Direktor Marcel Ruf. Das sei für alle schwierig. Auch für Marco, der sich selber als «chli e Schüche» bezeichnet.

«Hinter meiner Statur konnte ich das gut verstecken», sagt er. Aber nie hätte er sich vorstellen können, vor Fremden zu weinen. «Hier drinnen schon gar nicht.» Doch die Überwindung hat sich gelohnt. «Ich habe gemerkt, dass da zwei Welten aufeinanderprallen», sagt er.

Briefkontakt mit den Opfern der Tat

Und erklärt an seinem persönlichen Beispiel eines Raubes: «Als Täter hat man das Ziel, mit Geld wieder herauszukommen. Man denkt nicht ‹Oh, da hat es noch eine ältere Dame im Raum›.» Erst in den Dialogen habe er realisiert, dass auch körperlich unversehrte Opfer noch Jahre später mit den Folgen eines Verbrechens kämpfen. Er tauschte sich mit verschiedenen Opfern aus, ist mit zwei davon immer noch in Briefkontakt. «Für mich ist das ein Weg, um der Gesellschaft zurückzugeben.»

Geführt werden die Gesprächsrunden in Lenzburg von Claudia Christen (siehe Interview). Sie hat das Konzept der Restaurativen Justiz in die Schweiz und mit dem von ihr gegründeten «Swiss RJ Forum» in die Schweizer Gefängnisse gebracht. «Die langfristigen Folgen, unter denen die Opfer leiden können, machen die Täter jedes Mal sehr betroffen», sagt sie.

Offen kommunizieren ohne Machtgefälle

Auch für Marcos Mitgefangenen Kurt (Name geändert) seien die Gespräche nicht leicht gewesen. Kurt, verurteilter Mörder, ist ein forscher Typ, der durchscheinen lässt, dass er sein Innerstes höchstens mal mit einer Partnerin teilen würde. Auch er ist überzeugt von der Restaurativen Justiz.

«Man kann auf Augenhöhe kommunizieren», sagt er. Als Täter sei er seit der Einvernahme der Macht der Behörden ausgesetzt. In den Dialogen dagegen habe er offen kommunizieren können. Er sei überrascht gewesen, als die Frau neben ihm über zehn Jahre nach einer Tat noch gezittert hat. Mitleid sei das falsche Wort, aber er habe Empathie verspürt, konnte mit den Opfern mitfühlen.

«Die Gespräche waren für mich das i-Pünktchen auf der Therapie», sagt Kurt. «Ich sage nicht, dass ich jetzt ein besserer Mensch bin. Aber man bekommt einen besseren Einblick in sich selber und die Konsequenzen seines Handeln.» Kurt ist seit mehr als 16,5 Jahren im Gefängnis und wird nach Artikel 59 verwahrt. Er hat im Drogenrausch in einer Bar einen Mann erschossen. «Ich wäre hier, falls seine Angehörigen ein Gespräch wollen», sagt er. Aber aktiv bohren und im schlimmsten Fall Wunden aufreissen werde er nicht.

Alles, damit die Opfer wieder besser schlafen können

Strafanstalt-Direktor Marcel Ruf hält sich aus den Restaurativen Gesprächen raus. In Lenzburg nehmen die pensionierten Gefängnisleiter Werner Burkard (Ringwil) und Bruno Graber (Zentralgefängnis Lenzburg) an den Gruppengesprächen teil. Bruno Graber sagte gegenüber Radio Bern, er wünsche, dass die Restaurative Justiz als Ansatz mehr in die Gesetzgebung aufgenommen werde. Momentan arbeiten Vertreterinnen und Vertreter von «Swiss RJ Forum» alle ehrenamtlich. Laufend werden neue Personen ausgebildet.

«Zu unserem gesetzlichen Auftrag gehören unter anderem die Resozialisierung, die Bildung und das Erhalten der Gesundheit der Gefangenen», sagt Marcel Ruf. In der Regel könne der Strafvollzug nichts für die Opfer machen. Und da sieht Ruf die Sinnhaftigkeit der Restaurativen Justiz. «Wirklich wissen, was es bedeutet, kann man nur, wenn man mit Opfern gesprochen hat», sagt er.

Wenn eine Person ihm sage, dass sie jetzt wieder besser schlafen könne, dann habe es sich auf jeden Fall gelohnt. «Und wenn es im Sinne der Resozialisierung auch beim Gefangenen eine positive Wirkung hat, ist es wie der 5er und das Weggli.»

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