Renate Senn, die Pflichtverteidigerin des Vierfachmörders von Rupperswil, hat ein Jahr lang geschwiegen. Sie wollte sich auf ihre Arbeit konzentrieren und ihren Feinden keine Aufmerksamkeit geben. Zum Tabu erklären will sie das Vorgefallene aber auch nicht. Deshalb hat sie sich jetzt bereit erklärt, darüber zu sprechen, was während des Mordprozesses vor dem Bezirksgericht geschehen war.

«Ich habe mehrfach anonyme Todesdrohungen erhalten. Per Mail und per Post an meine Kanzlei sowie an meine Privatadresse», sagt sie. Die Polizei stufte die Lage als gefährlich ein und wurde von sich aus aktiv, als sie auf Medienportalen die Online-Kommentare über Senn analysiert hatte.

Die Anwältin war in einen Shitstorm geraten, nachdem sie Aspekte der Tat relativiert hatte. Kommentarschreiber wünschten ihr, sie solle dasselbe erleben wie die Opfer des Vierfachmordes. Senn stand deshalb während des Prozesses und in den Wochen danach unter Polizeischutz.

Die Drohungen waren so konkret und so massiv, dass die Aargauer Kantonspolizei die ergriffenen Schutzmassnahmen nicht für ausreichend hielt. «Die Polizei hat mir geraten, für zwei Wochen unterzutauchen», sagt Senn.

Sie befolgte die Empfehlung nicht. «Ich wollte nicht zulassen, dass mich die Drohungen so weit treiben. Und ich fühlte mich in der Pflicht, für meine anderen Klienten da zu sein.»

Senn kam mit dem Schrecken davon. In der Anwaltsszene sorgen die Drohungen für Entsetzen. Verteidiger von Schwerverbrechern stossen zwar regelmässig in breiten Bevölkerungskreisen auf Unverständnis. Aber zu einem derart folgenreichen Angriff kam es zuvor nie.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute: