Dürrenäsch

«I wett, er chönnt zrugg luege, zrugg luege und gseh»

Der Bauerndichter Friedrich Walti in seiner Küche mit seinem letzten Buch «Herbschtblueme». Foto: Fritz Thut

Der Bauerndichter Friedrich Walti in seiner Küche mit seinem letzten Buch «Herbschtblueme». Foto: Fritz Thut

Der verstorbene Bauerndichter Friedrich Walti hinterlässt 65 Bücher – und eine grosse Lücke.

«Vo Fritz zu Fritz alles Gueti! Liebe Fritz, i danke Dir für Di Bsuech und möcht Di gärn zu mine Fründe zelle!» So signierte mir Friedrich Walti sein letztes Buch «Herbschtblueme».

Obs am gleichen Vornamen lag? Obwohl der Dürrenäscher Friedrich Walti von klein auf stets ein Begriff und ein Thema war, hatte ich erst vor wenigen Jahren – nachdem die berufliche Odyssee mein Betätigungsfeld wieder zurück ins Seetal führte – Gelegenheit, den Landwirt und Schriftsteller persönlich kennen lernen zu dürfen. Und wir verstanden uns sofort.

Das gemeinsame Sitzen am Küchentisch. Das Austauschen von Erlebnissen. Das Zeuge-Werden des gegenseitigen Umsorgens der Eheleute Dora und Friedrich Walti-Steiner. Das Sinnieren über die Chüstigkeit von echtem Bauernbrot aus dem Holzofen. Das In-Aussicht-Stellen eines Schmauses von «Härdöpfelwäihe»: «Es git doch no öppis, wo besser isch als öppis Guets» (aus «Herbschtblueme», 2005).

Für mich waren die Besuche in der Küche mit dem pure Gemütlichkeit ausstrahlenden Ofen mehr ein Nehmen als ein Geben. Beim «Bauerndichter», wie er talauf, talab überall genannt wurde, fühlte ich mich immer wohl. Seinen Geschichten zu lauschen, war bereichernd.

Der Finger auf wunden Stellen

Und hier erfuhr man noch mehr, als man in Waltis ohnehin schon sehr persönlich gehaltenen Büchern nachlesen kann. Geprägt von einer Beobachtungsgabe und Lebensweisheit, wie sie nur ganz wenigen Menschen eigen ist, verstand es Friedrich Walti, überall einen Finger auf die wunden Stellen unserer Gesellschaft zu drücken.

«Vom ‹Stallbänkli› auf das ‹Ofebänkli›» betitelte Heiner Halder im Jahr 2003 ein Künstlerporträt aus Anlass der Veröffentlichung des Bandes «Ofebänkli-Gschichte». 1960 hiess Waltis erstes Buch «Uf em Stallbänkli». Der Bogen war geschlagen.

Philosophischer Fokus

Der Wechsel vom umtriebigeren Stall auf die warme, beschauliche Ofenbank merkt man dem Inhalt von Waltis 65 Büchern an: Der Fokus wurde philosophischer, der Verfall der Werte ein immer wiederkehrendes Thema.

In seine späten Gedichte und Geschichten liess der Bauerndichter «immer auch sehr viel unverblümte, aber auch humorvolle Kritik am Zeitgeist einfliessen», wie Kollege Halder treffend beobachtete.

Es gab zwar Romane in Schriftsprache, doch Friedrich Walti liebte es, seine Gedanken von Hand so festzuhalten, wie sie ihm durch den Kopf gingen: In klarer, phonetisch einfach umgesetzter Seetaler Mundart. Abgetippt von Tochter Barbara, entstand Band um Band, die allermeisten im Eigenverlag. Unabhängigkeit war für einen Landwirt vom Schlage Waltis eine Tugend. In fast 78 Jahren hat sich im Leben von Friedrich Walti etliches angesammelt. Auch Betrübliches. Das hielt er weitgehend unter dem Deckel. Nur schwach schimmerte durch, dass er einem schweizweit berühmten Volksmusik-Interpreten das «Abkupfern» von Texten übel nahm, oder dass sich der Bauer Walti, der in einem markanten ehemaligen Untervogtshaus aus dem 16. Jahrhundert lebte, von seiner Wohngemeinde Dürrenäsch nicht immer genügend gewürdigt sah.

Der «Gschichte-Chratte»

Der positive Motor in seinem schriftstellerischen Schaffen war für Walti immer der Mensch. Er hat den Kontakt nie gescheut, sondern gesucht. Verbürgte 65 Bundesfeierreden hat er gehalten, an Hunderten von Vereinsabenden und Lesungen hat er sein Werk unter die Leute gebracht – und dabei wieder einiges erfahren, das er in seinen «Gschichte-Chratte» packte.

Dieser wird nun nicht mehr geleert. Schon vor Jahren musste der Kaffee mit Selbstgebranntem contre cœur pharmazeutischen Medikamenten weichen; nun hörte ein grosses Herz zu schlagen auf.

Und die «Härdöpfelwäihe» wartet bis in alle Ewigkeit. Danke Fritz.

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