Hübsch, kreativ, einfühlsam: Laura Decet ist nicht nur wegen ihres Frauseins ein spezieller Zugführer. Die Maturandin führt als Oberwachtmeister 20 männliche Rekruten. Sie spricht über ihre körperlichen Grenzen, den Mama-Effekt und wie sie sich an die Manieren ihrer Kollegen gewöhnt hat.

Zwei Tage nach ihrer Maturfeier tauschte sie Abendkleid gegen Tarnanzug, High Heels gegen Kampfstiefel, stutzte ihre langen und lackierten Fingernägel und kaufte sich Sport-BHs und Wandersocken. Sie wollte keine Zeit verlieren.

Nun, zehn Monate später, trägt sie die Fingernägel noch immer kurz, die Kampfstiefel sind eingelaufen, und Laura Decet ist noch immer im Militär.

Lehren, fordern, kommandieren

Die 20-Jährige aus Lenzburg startete eine Kaderlaufbahn bei der Schweizer Armee und führt nun als Oberwachtmeister einen Zug von 20 Rekruten. Umgeben vom Berg-Triplett Rigi, Pilatus und Titlis bringt sie in der Kaserne Emmen den Rekruten das Schiessen bei, geht marschieren, fordert, kommandiert. Bei ihrer Gattung, der Fliegerabwehr, ist sie momentan die einzige Frau, die Mitte Juni zum Leutnant befördert wird.

Ins Militär wollte sie schon von klein auf: «Als ich fünf Jahre alt war, zog mein Vater ein letztes Mal seine Militäruniform an. Ich sah darauf sein Namensschild und dachte mir: So eines will ich auch mal haben», so Laura. Trotzdem sieht sie mit ihrem langen, hellbraunen Haar und dem verschmitzten Lachen nicht aus wie jemand, der sich gerne über Drillpisten quält und durch Schlamm robbt.

Sie hat die Alte Kantonsschule in Aarau besucht und nebenbei viel Musik gemacht, spielte Klavier und Klarinette, tanzte und nahm Gesangsunterricht.

Frauen nicht bevorzugen

Ihre Motivation fürs Militär ist eine andere: «Meiner Meinung nach müsste jede Person in der Schweiz dienstpflichtig sein, egal ob Mann oder Frau. Es ist nicht Ziel der Emanzipation, dass Frauen bevorzugt werden», ist Laura überzeugt.

Auf die Bemerkung hin, dass aber nicht jede Frau gemacht ist fürs Militär, sagt sie: «Na und, sind es alle Männer, die hier sind? Die haben keine Wahl und müssen einfach!»

Aufgewachsen mit zwei gleichaltrigen Brüdern lernte Laura schon früh, sich durchzusetzen und für ihre Meinung einzustehen. Während der Rekrutenschule hatte sie von Anfang an ihren Platz unter den Männern. «Am ersten Tag wurde ich ständig gemustert und gefragt, was ich denn freiwillig hier mache. Doch eigentlich waren die anderen Rekruten beeindruckt von meiner Motivation. Ich wurde mit offenen Armen empfangen und wir waren eine tolle Truppe», sagt Laura.

Doch die Erwartungen an eine Frau im Militär sind nicht minder hoch: «Als Frau muss man sich den Respekt erarbeiten. Da jeder weiss, dass man seinen Dienst freiwillig leistet, wird automatisch mehr erwartet. Um dann auch noch das körperliche Defizit aufzuholen, muss man woanders viel besser sein als die Männer, ansonsten fällt man der Truppe schnell zur Last.»

Laura kompensiert ihre Grösse und die geringere Muskelkraft mit ihrer schnellen Auffassungsgabe. Sie ist klug, versteht schnell, denkt über den Tellerrand hinaus. Dies kommt ihr in ihrer Truppengattung zugute: «Das System der Fliegerabwehr ist sehr interessant, aber auch komplex. Man muss stets den Kopf beisammen haben, die Technik verstehen. Dabei ist es eine Nebensache, möglichst schnell laufen oder weit marschieren zu können.»

Jeder kommt an Grenzen

Einmal musste sie während eines Marsches die Packung, die mit 25 Kilogramm rund halb so schwer ist wie sie selbst, den anderen abgeben, weil die Schultern so sehr schmerzten. «Es war mir sehr unangenehm und ich habe es seither nie mehr gemacht.» Die zehn Monate, die sie nun schon in der Schweizer Armee ist, hätten sie verändert: «Ich bin distanzierter geworden, erwachsener, und ich kenne meine körperlichen Grenzen», sagt Laura Decet.

Zum ersten Mal an ihrem Entscheid gezweifelt, ins Militär zu gehen, hatte Laura in der zweiten Woche der Offiziersschule: «Während eines Marschs haben wir uns total verlaufen, das Funkgerät war ausgestiegen, es regnete in Strömen, ich fror und war mit meinen Kräften am Ende. Doch jeder kam in dieser Zeit mal an seine Grenzen», sagt Laura.

Und trotzdem lebt sie fürs Militär. Während ihres kurzen Wochenendes nimmt sie Unterlagen mit nach Hause, malt Plakate, schreibt Planungen, beschriftet Karten. «Ich habe momentan beinahe kein ziviles Leben mehr, doch das ist meine eigene Schuld. Ich will gefordert werden!» sagt Laura. In der Kanti wäre sie als übermotiviert bezeichnet worden. Doch im Militär kommt ihr diese Zielstrebigkeit zugute.

Laura sitzt breitbeinig auf ihrem Stuhl, der Tarnanzug schlabbert um ihre schmalen Hüften. Ihre Kolleginnen seien anfangs erschrocken über ihre Freundin: «Es fällt mir manchmal schwer, den militärischen Ton abzulegen. Da wird man an der Kasse beim Einkaufen schon mal komisch angeschaut, wenn man zu bestimmt oder forsch antwortet», sagt Laura lachend. Doch das Militär sei viel mehr als strikte Hierarchie und Herumkommandieren: «Es bietet auch für Frauen sehr viel mehr: Man wird gefordert, lernt sich selbst besser kennen, aber man lernt auch, vor eine Truppe hinzustehen und zu führen. Was den Umgang mit Menschen betrifft, sind Frauen einfühlsamer als die Männer. Diese Eigenschaft wird von den Rekruten im straffen militärischen Alltag begrüsst.»

Und genau diese Eigenschaft sei es, die Laura von ihren männlichen Zugführer-Kollegen unterscheidet: «Ich habe nun mal den Mama-Effekt. Ich merke viel schneller, wenn es jemandem nicht gut geht und kann mit den Rekruten offen darüber sprechen. Es besteht keine Hemmschwelle, da sie bei mir keine Angst zu haben brauchen, im Stolz verletzt zu werden.» Auch führe sie ihre Leute, ohne gross schreien zu müssen: «Ich führe nicht mit Potenz, sondern mit Sympathie», sagt Laura augenzwinkernd.

Doch man solle nicht mit der Erwartung, als Frau anders behandelt zu werden, ins Militär gehen. «Wenn du so denkst, bist du am falschen Platz. Hier besteht keine Grundeinstellung zur Rücksichtnahme, man wird genau gleich zurechtgewiesen wie alle anderen.» Auch sollte man nicht versuchen, die Männer zu erziehen: «Sie haben nun einmal andere Gesprächsthemen, machen anzügliche Witze oder essen unanständig. Als Frau hat man sich hier anzupassen», meint Laura lachend.

Rouge statt Tarnfarbe

Anfang August wird Laura mit dem Abverdienen fertig. Dann gönnt sie sich erstmals lange Ferien. Doch ihre nächste Herausforderung hat Laura schon geplant: «Ich habe mich für das Jurastudium an der Uni St. Gallen eingeschrieben und will mich auf Wirtschaftsrecht spezialisieren, vielleicht sogar den Doktortitel machen.»

Als angehende Anwältin wird Laura die Kampfstiefel wieder gegen Absatzschuhe eintauschen, statt Wandersocken feine Strümpfe tragen und die Tarnfarbe durch Rouge ersetzen. Was bleibt, ist der streng frisierte Dutt nach hinten. Und eine Anwältin, die vielleicht etwas breiter sitzt als die anderen.