Holderbank AG
«Holderbank wird unterschätzt» – das Dorf aus der Sicht des Gemeindeammann

Gemeindeammann Herbert Anderegg zu den verborgenen Schönheiten des Dorfes und den Schwierigkeiten bei der Integration der Neuzuzüger. Er sagt, weshalb es mit der Erstellung von neuem Schulraum bisher harzte.

Ruth Steiner
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Gemeindeammann Herbert Anderegg vor dem Schulraumprovisorium aus dem Jahr 1974 (rechts). Auf diesem Areal will die Gemeinde ein neues Schulhaus mit Turnhalle erstellen.

Gemeindeammann Herbert Anderegg vor dem Schulraumprovisorium aus dem Jahr 1974 (rechts). Auf diesem Areal will die Gemeinde ein neues Schulhaus mit Turnhalle erstellen.

Alex Spichale

Dass Holderbank mit der gleichnamigen Gemeinde im Kanton Solothurn verwechselt wird, kommt öfters vor. «Unsere Gemeindeschreiberin könnte Ihnen in Lied davon singen», sagt Gemeindeammann Herbert Anderegg und lacht.

Doch auch er muss nicht lange nach einer Anekdote zu diesem Thema suchen. Da gab es nämlich einmal eine Bundesfeier, an der man im Aargau vergeblich auf die musikalische Umrahmung des Festes wartete. Die Band hatte ihre Instrumente im Solothurnischen aufgestellt.

Das aargauische Holderbank liegt auf halbem Weg zwischen Lenzburg und Brugg. Für die meisten präsentiert sich das Dorf recht unspektakulär, auf den ersten Blick sind keine namhaften Sehenswürdigkeiten auszumachen.

Derartige Äusserungen hört Gemeindeammann Anderegg gar nicht gerne. «Holderbank wird unterschätzt», sagt er betont. Die meisten Leute urteilten einzig nach ihren Erfahrungen, die sie bei der Durchfahrt durch die langgezogene Gemeinde machten.

«Wer sich jedoch die Mühe nimmt und einen zweiten Blick auf den Ort wirft, wird überrascht sein», sagt er. «Wir sind ein Dorf, das alles zu bieten hat, was die Natur bereitstellt, aber man muss das Schöne halt ein bisschen suchen.»

Tatsächlich liegen die Bijous von Holderbank nicht an der Hauptstrasse, sondern in der Peripherie. So ist Holderbank Teil des Auenschutzparkes, der sich von Wildegg bis Brugg erstreckt.

Im östlichen Dorfteil laden der Kernenberg und das Naturschutzgebiet «Schümel» ein, sie zu erwandern, Flora und Fauna zu geniessen. Und Anderegg schwärmt von «der traumhaften Aussicht», die man von dort ins Mittelland, Aare- und Schenkenbergertal geniesst – gute Sicht vorausgesetzt.

Doch auch im Winter hat das Dorf etwas zu bieten, was man sonst in der Region weit suchen muss: Den Skilift Engi auf dem Kernenberg – genug Schnee vorausgesetzt. Aktuell mangelt es daran.

Holcim wichtiger Steuerzahler

Holderbank hat 1215 Einwohner. So klein das Dorf, so gross sein Name: 650 Arbeitsplätze stehen in der Gemeinde zur Verfügung, der grösste Arbeitgeber im Ort ist die Holcim. Der weltweit tätige Zementhersteller Holderbank (seit 2015 Lafarge-Holcim) hat den Dorfnamen rund um den Erdball getragen.

Der Betrieb spült der Gemeinde jährlich einen schönen Batzen an Aktiensteuern in die Kasse. Von den 863 000 Franken aus dem vergangenen Jahr geht ein Grossteil auf das Konto von Holcim.

Schümel-Bebauung einte Dorf

Lange Jahre hat die Einwohnerzahl in Holderbank stagniert. Doch seit der Jahrtausendwende ist sie um über 60 Prozent gestiegen. Aktuell auf 1215 Personen. Das hat nicht zuletzt mit der Bebauung des «Schümel»-Areals, dem einstigen Steinbruch der «Zementi» zu tun.

Als sie die Produktion in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Holderbank einstellte, kaufte die Gemeinde den Steinbruch. Er wurde anschliessend mit Ausbruchmaterial aufgeschüttet, das beim Bau des Bözberg-Tunnels (A3) anfiel.

Im 2-Minuten-Takt haben die Lastwagen ihre Ladungen hergekarrt, erinnert sich der Ammann. Eine schwere Belastung für das Dorf, eine jedoch, die sich gelohnt habe. Eine «grosszügige Einzonungspraxis des Kantons» machte anschliessend den Weg frei für die Bebauung des ehemaligen Steinbruchs mit Wohnblöcken.

In Etappen wurden bis heute 187 Eigentums- und Mietwohnungen erstellt, die alle bezogen sind. Weitere fünf Häuser befinden sich im Bau oder sind in Planung.

Bei der Integration hapert es

Gemeindeammann Anderegg ist froh über diese Entwicklung. Das Schümel-Quartier habe die gefühlte Zweiteilung des Dorfes aufgehoben. Zuvor hatte sich der Steinbruch wie eine Zunge mitten ins Dorf hinein erstreckt. Hingegen wünscht er sich eine bessere Integration der neuen Quartierbewohner. Ein Dorffest im «Schümel» brachte wenig Erfolg. Jetzt probiert man es halt noch einmal.

Die Einwohnerzahl von Holderbank wuchs. Doch fehlte ein Laden zum Einkaufen. Ein unhaltbarer Zustand. «Vor fünfzehn Jahren hatten wir gar keinen Laden mehr. Das geht nicht für eine Gemeinde mit Entwicklungsperspektiven», sagt Anderegg.

Diese Situation änderte sich, als vor zehn Jahren der Coop an der Kantonsstrasse eine Tankstelle mit einem Pronto-Laden eröffnete. Mit etwas Engagement der Gemeinde hat sich später am Rande des neuen «Schümel»-Quartiers ein Denner-Satellit angesiedelt. «Beide laufen sehr gut», weiss der Ammann.

Herbert Anderegg

Der 59-Jährige ist seit 2012 Gemeindeammann von Holderbank. Zuvor präsidierte er einige Jahre die Finanzkommission. Er wurde im zweiten Wahlgang gewählt. Schon Andereggs Vater stand in den Fünfziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts in zwei Anläufen während 24 Jahren der Gemeinde vor. Dafür erhielten er das Ehrenbürger- und die Familie das Ortsbürgerrecht. Bis auf wenige Jahre hat Anderegg im Dorf gelebt und ist stark verwurzelt. Er hat eine technische Ausbildung und arbeitet bei einer Bank als Business Analyst. Anderegg ist Vater von vier Kindern. Drei sind ausgeflogen, mit dem jüngsten Sohn lebt er in einer Männer-WG. (str)