Lenzburg
Hier war die Ururgrossmutter einst Schlossherrin

Das Bild der Lenzburg auf einem Zuckerbeutel führt Kate und Josh Fincke aus Amerika aufs Schloss und auf die Spuren ihrer Vorfahrin Julia Clarke Fincke Ellsworth.

Ruth Steiner
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Josh Fincke und seine Tante Kate mit Geschichtsvermittlerin Johanna Rey auf den Spuren ihrer Vorfahren hier im Rosengarten auf Schloss Lenzburg. Chris Iseli

Josh Fincke und seine Tante Kate mit Geschichtsvermittlerin Johanna Rey auf den Spuren ihrer Vorfahren hier im Rosengarten auf Schloss Lenzburg. Chris Iseli

Chris Iseli

«Oh my goodness, this is so exciting, what a beautiful place.» Josh Fincke und seine Tante Kate sind ganz aus dem Häuschen, als Geschichtsvermittlerin Johanna Rey sie auf Schloss Lenzburg in den Rosengarten führt.

«Stellen Sie sich vor, hier im Schlosscafé hat Ihre Ururgrossmutter vor hundert Jahren den Kaffee getrunken.» Sicher hat sie dabei die wunderschönen Spätsommertage genauso genossen, wie die beiden Nachkommen von Julia Fincke Ellsworth es vergangene Woche bei ihrer Visite auf der Lenzburg taten. Hier hofften die beiden aus den Vereinigten Staaten angereisten Nachkommen mehr über die Schlossgeschichte und ihre steinreichen Vorfahren zu erfahren.

Josh Finckes Ururgrossmutter Julia Clarke Fincke Ellsworth war die zweite Frau von James Ellsworth, einem amerikanischen Industriellen und vor einhundert Jahren Schlossherr auf der «Lenzburg».

Finckes sind keine direkten Nachkommen von James. Julia hatte zwei Kinder mit in die Ehe gebracht – zu ihnen gehörte Benjamin, der Urgrossvater von Josh. «Obwohl James Ellsworth nicht Benjamins leiblicher Vater war, hatten die beiden lange Jahre eine sehr enge Beziehung», weiss Joshs Tante Kate Fincke. Allerdings sei das Verhältnis mit den Jahren durch verschiedene Vorkommnisse getrübt worden, Stiefvater und Stiefsohn hätten sich auseinandergelebt. Auf jeden Fall habe Benjamin von James Ellsworths Erbe nicht profitieren können. Und dann erzählt Josh, wie es zum Trip in die Schweiz kam.

Familie sprach von Schlossbesitz

Es war eine Tasse Kaffee oder vielmehr das Bild auf dem Zuckerbeutelchen, das den Stein ins Rollen und die beiden Fincke-Nachkommen nun nach Lenzburg brachte.

«Auf dem Zuckerpäckchen war ein Schloss abgebildet und darunter stand Schloss Lenzburg.» Der Kaffeetrinker war Josh Fincke aus Boston, serviert worden war ihm das Getränk bei einem Aufenthalt in Luzern. Josh erinnert sich, dass ihm beim Lesen des Namens schlagartig bewusst worden sei, dass es sich dabei um jenes sagenumwobene Schloss Lenzburg handeln musste, von dem seit Generationen Geschichten in der Fincke-Familie herumgeisterten. Der Gedanke, dass seine Vorfahren einst Schlossbesitzer waren, sei ihm zwar immer etwas fremd vorgekommen, verrät er. «Und wir wussten nie, ob sich die überlieferten Erzählungen tatsächlich so zugetragen hatten.» Genau dem wollte der Informatikspezialist aus Boston letzte Woche vor Ort auf den Grund gehen.

Der Rest der Geschichte ist rasch erzählt: Josh Fincke und seine Tante Kate sassen mit Johanna Rey über den historischen Fotoalben ihrer Vorfahren, lernten die noble Lebenswelt von Julia Fincke Ellsworth kennen und tauchten für einen Moment ein in ihre Familiengeschichte, die sich vor einhundert Jahren in einer so ganz andern Welt abgespielt hat, als sie selber heute leben. «My goodness, this is so exciting.»

Schlossbesitzer: Er wollte nur den Tisch und kaufte das Schloss

Angeblich kaufte der Amerikaner James W. Ellsworth (1849–1925) Schloss Lenzburg im Jahre 1911 nur, um sich im Schlossmobiliar einen Nussbaumtisch aus der Zeit Kaiser Barbarossas zu sichern. Er bezahlte für den Besitz mit Mobiliar 550 000 Franken. Sohn Lincoln berichtete später: «Der damalige Eigentümer des Gebäudes weigerte sich, den Barbarossa-Tisch meinem Vater zu verkaufen, liess aber durchblicken, dass er die ganze Liegenschaft zu veräussern gedenke.»
Der neue Schlossherr hatte eine Tellerwäscherkarriere hinter sich: Vom Buchhalter einer Kohlenfirma war er zum Manager eines gewaltigen Wirtschaftsimperiums aufgestiegen. Dazu gehörten Kohlenminen. James baute zudem den ersten Wolkenkratzer Chicagos, das Ellsworth-Building.
Zur grossen Enttäuschung des Vaters schlug sein einziger Sohn Lincoln (1880–1951) eine völlig andere Laufbahn ein. Zwar hatte Lincoln Ellsworth den Pioniergeist seines Vaters geerbt, ihn lockte jedoch nicht materieller Erfolg, sondern das Erforschen unbekannter Welten. Mit dem norwegischen Polarforscher Roald Amundsen unternahm er diverse Expeditionen. Als Lincoln Ellsworth starb, ging das Schloss an seine Witwe Mary Louise Ellsworth-Ulmer über. Als sie den aufwendigen Besitz abstossen wollte, zeigten diverse geschäftstüchtige Personen Interesse, doch die aargauische Regierung schob einem Spekulationskauf den Riegel. 1956 übernahmen der Kanton Aargau und die Einwohner- und Ortsbürgergemeinden Lenzburg die Schlossbesitzung. Eine gemeinsam errichtete Stiftung «Schloss Lenzburg» kaufte den Schlosshügel samt den daraufstehenden Gebäuden und dem antiken Schlossmobiliar für 500 000 Franken. Die Anlage wurde restauriert und der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht.
Die Einwohnergemeinde Lenzburg erwarb das nicht unmittelbar zur Burg gehörende Bau- und Landwirtschaftsland samt dem Bauerngut zum Preis von 1 500 000 Franken.
Quelle: Jahresschrift der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau