Chroniken

«Hier kann ich mich einbringen»: Urhallwiler Heinrich Urech ist der Dorfchronist

Heinrich Urech dokumentiert seit 2011 das Hallwiler Dorfleben.

Heinrich Urech dokumentiert seit 2011 das Hallwiler Dorfleben.

Seit 2011 dokumentiert Heinrich Urech das Hallwiler Dorfleben. Spätestens im Alter von 75 Jahren ist aber Schluss.

Geburten, Eheschliessungen und Tode. Fein säuberlich sind sie in den schweren Büchern aufgelistet, die vor Heinrich Urech auf dem Tisch liegen. Seit 1924 werden in Hallwil die Dorfchroniken geführt, sie dokumentieren die Entwicklung und das Geschehen innerhalb der Gemeinde. Alle paar Jahre oder gar Jahrzehnte wird das Amt des Chronisten weitergegeben, seit neun Jahren ist Urech der Dorfchronist in Hallwil. Beworben hatte er sich nicht, er wurde gefunden, wie er sagt: «Es wird immer wieder jemand gesucht, der das Amt übernehmen möchte. Ich war zu diesem Zeitpunkt frisch pensioniert und hatte Zeit», sagt Urech.

Der 73-Jährige lebt seit Geburt in Hallwil und ist ein «Urhallwiler», wie er sagt. Für einige Jahre verschlug es ihn ins Welschland und ins Tessin. Er kehrte jedoch wieder in das kleine Dorf zurück. «Hier habe ich alles, was ich brauche, zudem kann ich mich in Hallwil einbringen und helfen, an einem anderen Ort wäre ich nur eine Nummer», sagt der Vater und Grossvater.

Das Amt als Dorfchronist ist nicht das erste, dass er in der Gemeinde bekleidet. Urech war Mitglied und Präsident der Finanzkommission. Vorgaben für seine Aufgabe als Dorfchronist erhielt er keine. «Man sagte mir nur, dass ich Augen und Ohren im Dorf offenhalten soll, um alles in die Chronik aufzunehmen, was mir wichtig erscheint», so der Dorfchronist. Geburten, Eheschliessungen und Tode erfasst er nicht, Urech konzentriert sich auf andere Themen.

Als Dorfchronist äussert er auch seine persönliche Meinung

Die Hallwiler Dorfchronik wurde vor einigen Jahren digitalisiert, schon Urechs Vorgänger schrieb sie am Computer und nicht mehr von Hand in Schönschrift. Im Schnitt ein bis zwei Tage pro Monat sichtet er Material und trägt es in einer Mappe zusammen. Eine Mappe pro Jahr, unterteilt in 12 Monate. Themenmässig ist in der Dorfchronik beinahe alles zu finden. Im November 2019 zum Beispiel eine genaue Dokumentation über die Geschehnisse an der damaligen Wintergmeind, an welcher der Souverän die Erhöhung des Steuerfusses auf 127 Prozent abgelehnt hat. Darunter steht die Meinung des Dorfchronisten, gelb hinterlegt in einem eigenen Abschnitt. Demnach verstand Urech die Argumente der Gegner der Steuerfusserhöhung, sieht aber auch die Probleme, die ein gleichbleibender Steuerfuss mit sich bringt. «Wir haben doch kaum noch Geld im Sack und erhalten jetzt auch nichts mehr vom Finanzausgleich», so Urech.

Er frage sich immer, was wichtig sei, sagt Heinrich Urech. «Für mich ist es die Entwicklung des Dorfes.» So ist in der Chronik auch der Abbruch der alten Kistenfabrik im Jahr 2014 zu finden. Wo früher das markante Gebäude stand, ist heute die Landi.

Streng wird es für den Dorfchronisten am 27. September. Urech dokumentiert nicht nur Abstimmungen auf kommunaler Ebene, sondern auch jene auf kantonaler und nationaler. Die Wahlergebnisse von Hallwil stellt er jeweils den Ergebnissen der anderen Dörfer gegenüber. «Hier sieht man auch, dass der Leitspruch von Hallwil ‹einfach andersch› teilweise stimmt», erklärt er. Öffentlich ist die Dorfchronik nicht, eingesehen werden kann sie auf der Gemeindekanzlei Hallwil.

Hallwil ist auf der Suche nach einer Nachfolge

Ewig will der Hallwiler aber nicht Dorfchronist bleiben. «Ich habe bei meiner Annahme des Amtes schon gesagt, dass ich spätestens im Alter von 75 Jahren aufhöre», sagt Urech. Das Amt sei zwar sehr interessant, «aber wenn der Zeitpunkt zur Übergabe gekommen ist, wird es mir nicht besonders fehlen», so Urech. Um Hallwil genügend Zeit für die Suche nach einer Nachfolge zu geben, liess er das Amt bereits jetzt ausschreiben. «Sollte sich bereits jetzt jemand melden, übergebe ich den Stift auch gerne schon früher», sagt der amtierende Dorfchronist.

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