Welch bizarre Szene am Lenzburger Bezirksgericht: Der Angeklagte (und schuldig Gesprochene) greift sich den Kopf seines verdatterten Verteidigers und drückt ihm einen Kuss aufs Haupthaar, wirft Kusshände Richtung Gesamtgericht unter Gerichtspräsidentin Eva Lüscher. Was ist passiert? Der 30-jährige Besnik wurde zu 22 Monaten Gefängnis, 10 davon unbedingt, verurteilt. Grund für seine Freude: den unbedingten Teil hat er bereits abgesessen. Die Staatsanwaltschaft hatte 30 Monate unbedingt gefordert.

Es ist eine Drogengeschichte, die verhandelt wird. Besnik, ein Albaner, hat mit Heroin gehandelt. Das gibt er zwar nicht zu, doch die Indizien sind klar, auch wenn er sagt, er habe das Rauschgift zum Eigenbedarf besessen. Abgepackt in Minigrip-Beuteln? Dabei habe die ärztliche Untersuchung keinen Heroinkonsum gezeigt. Bloss Kokain, und der Konsum dieses Stoffes ist seine zweite Gesetzesübertretung. Das gibt er zu; Abbauprodukte wurden nachgewiesen.

Verdeckte Fahnderin

Staatsanwältin Karin Scheidegger stützt sich auf die Aussagen zweier Frauen. Da ist Eveline, ebenfalls 30-jährig, die vor gut einem Jahr erwischt worden ist, als sie in Rupperswil Heroin für eine ihrer «Kundinnen» abwog. Heroin, das letzte, nicht das erste, das sie bei Besnik erstanden habe. Eveline hat auch einer verdeckten Fahnderin der Kantonspolizei Aargau für 100 Franken 1,3 Gramm Heroingemisch verkauft. Im abgekürzten Verfahren hat das Gericht Eveline verurteilt: 12 Monate Freiheitsstrafe bedingt aufgeschoben, bei einer Probezeit von drei Jahren. Dazu kommt eine Busse von 2500 Franken, eine früher bedingt ausgesprochene Strafe von 3000 Franken wird fällig und vor allem: Eveline muss monatlich einmal zur Beratung zur Suchthilfe. Kneift sie da, muss die stellenlose Restaurationsfachfrau die 12 Monate absitzen.

Die zweite Frau, die Besnik belastet, ist eine ehemalige Mitbewohnerin von Eveline: Sie gab zu Protokoll, dass Besnik während eines guten Jahres Eveline regelmässig besucht und ihr Heroin verkauft habe. Die mutmassliche Menge: gut 50 Gramm reines Heroin.

Räubergeschichten?

Die Staatsanwältin skizziert das System des albanischen Drogenhandels (AZ vom 6. September) mit drei oder vier Akteuren: Der Zentralist in Albanien liefert über den Läufer – zum Beispiel Besnik – Stoff an die Abnehmer – zum Beispiel Eveline. Teilweise sei noch ein Logistiker zwischengeschaltet, es braucht Fahrzeuge, und kommuniziert werde per Handys mit Prepaid-Nummern für verschiedene Länder. Oder, noch weniger gut kontrollierbar: per Internet.

Räubergeschichten, nennt der Verteidiger diese Ausführungen: Behauptungen, Mutmassungen, keine Beweise. In der Tat: Auf Besniks Handy fehlt Evelines Nummer, derweil Eveline mit dem Handy bei Besnik ihre Bestellungen aufgegeben hat. Unter drei verschiedenen Handynummern. Und Besnik habe nach Rupperswil, Suhr, Reinach und Hochdorf geliefert.

Starke Indizien

Kein Geständnis, kaum Beweise, und dennoch: Das Gericht folgt im Wesentlichen der Staatsanwaltschaft, die Besnik weder Reue noch Einsicht zuschreibt und ihm unglaubhafte Schutzbehauptungen sowie hohe kriminelle Energie unterstellt. Einige Aussagen Besniks sind denn auch hanebüchen. Er sei auf der Durchreise durch die Schweiz gewesen, um seinen kranken Grossvater in Belgien zu besuchen. Und dann macht er ausgerechnet in Rupperswil Halt und verkauft Heroin. Trägt kleinere Schweizer Banknoten und Münzen, Geld «in Stückelung», knapp 2300 Franken, in seinen Hosentaschen, als ob die Schweiz zu durchqueren Tage dauern würde. Und vor allem: Er trägt «gassenübliche» Portionen zu fünf Gramm Heroingemisch in Minigrip-Beuteln auf sich.

Das Gericht erachtet eine Strafe von 22 Monaten, 10 davon unbedingt, für angemessen: Besnik hat keine Vorstrafen. Die Probezeit von drei Jahren soll abschreckende Wirkung haben. «Das Urteil ist vertretbar», sagt die Staatsanwältin, «auch wenn ich mir ein mutigeres Gericht gewünscht hätte.» Die Staatskasse wirds freuen: Es fallen keine weiteren Gefängniskosten an. Und Besnik? Er steigt am Tag nach dem Prozess ins Flugzeug, um in Albaniens Hauptstadt Tirana erstmals seinen Sohn, im Mai geboren, in die Arme nehmen.