Weil der Interviewtermin in der Mittagszeit liegt, lädt Lisetta Loretz Crameri gleich zum Essen ein. Auf dem Tisch steht eine Kürbissuppe, gewürzt mit Ingwer, Koriander und thailändischem Basilikum, die Quarksauce zu den Kartoffeln ist mit Kapuzinerkresse verfeinert, deren orange Blüten auch dem Salat eine fröhliche Farbigkeit verleihen. In der Wasserkaraffe liegen Steine; Rosen- und Verveine-Blätter, Zitronenmelisse und Bohnenkraut aromatisieren das Getränk. Ein Mahl, wie man es von einer Heilkräuterfachfrau erwartet und das ein ungewohntes Geschmackserlebnis bietet.

Lisetta Loretz Crameri, die in Brunegg in einem Haus mit grossem Naturgarten wohnt, bietet Heilkräuterworkshops an, bei welchen die Teilnehmer ihre eigenen Salben und Tinkturen herstellen können. Aber auch Massagen und Lebensberatungen gehören ins ganzheitliche Konzept der Heilkräuterfrau. Aufgewachsen ist sie im urnerischen Maderanertal, wo sie heute noch Kräuterwanderungen durchführt. «Das ist ein richtiges Urtal, nur Berge und viel Schatten, aber ich liebe es, es hat mich geprägt», erzählt sie. Mutter, Grossmutter und Tante wussten viel über die Natur. «Man hatte ja nichts Chemisches, dafür viele Kinder.» Die Affinität zu den Kräutern wurde ihr sozusagen in die Wiege gelegt.

Acht Jahre lang arbeitete die dreifache Mutter und sechsfache Grossmutter als Museumspädagogin auf dem Schloss Lenzburg und leitete dort Veranstaltungen zum Thema mittelalterliche Heilkunst. «Da wusste ich, das ist es», erklärt Loretz Crameri den Auslöser ihrer Leidenschaft. Sie begann Heilkräuter-Kurse anzubieten. «Anfangs lief es harzig, ich war schon froh, wenn fünf Personen kamen.» Gleichzeitig bildete sie sich weiter, auch zur Lebens- und Gesundheitsberaterin. Seit 10 Jahren ist sie selbstständig, und die Nachfrage nach ihrem Wissen nimmt stetig zu.

«Nicht krank zu werden, ist das Wichtigste», erklärt Lisetta Loretz Crameri mit Überzeugung. Dafür müsse das Immunsystem stark sein. Der Aufwand, sich selbst zu heilen beziehungsweise gesund zu bleiben, soll allerdings möglichst klein sein. «Man kann in die Natur hinausgehen und essen, was es dort gibt», rät die Heilkräuterfachfrau. Dabei begebe man sich nicht in Gefahr, wie oft behauptet werde. Sie ist überzeugt, dass auch bei den heutigen Menschen der gesunde Instinkt, nichts Giftiges zu essen, noch vorhanden ist.

«Wenn etwas ‹gruusig› ist, spucken wir es aus. Auch die oft verschmähte Vogelbeere ist nicht giftig, sondern im Gegenteil sehr gut für die Leber.» Bärlauch, vor dessen Ernte wegen Verwechslungsgefahr oft gewarnt werde, sei etwas vom Gesündesten, was man essen könne, und beuge beispielsweise dem Eisenmangel vor. Dabei hat sie bemerkt, dass es in den letzten Jahren immer mehr Bärlauch gibt. Auch das Johanniskraut, das gegen Depressionen eingesetzt werden könne, habe sich vermehrt. Die Heilkräuterfrau ist überzeugt, dass das verstärkte Vorkommen dieser Pflanzen auf die sich ebenso ausbreitenden Krankheiten, gegen welche die Kräuter helfen, zurückzuführen ist. «Die Natur stellt bereit, was wir brauchen.»

Die verschiedensten Heilkräuter wachsen selbstverständlich auch im Garten von Lisetta Loretz Crameri. Sie führt den Besuch durch ihr Reich, bietet hier eine Nachtkerzenknospe zum Kosten an, dort eine Kapuzinerblüte. Als die Schreibende daraufhin zum Taschentuch greifen muss, lacht die Fachfrau und erklärt: «Kapuzinerkresse wirkt schleimlösend.» Dass die orangefarbenen Blumen ihren Garten richtiggehend überwuchern und sogar die gepflanzten Kartoffeln überwachsen haben, stört sie nicht – im Gegensatz zu ihrem Ehemann, der es gerne etwas ordentlicher hätte. «Ich kann nichts ausreissen», gesteht sie.

Zwar verkauft Lisetta Loretz Crameri auch Tees, Essenzen und Balsam, die sie selbst produziert hat, viel anregender empfindet sie allerdings die Workshops, an welchen sie mit den Teilnehmern in der Natur Kräuter sammelt und anschliessend zeigt, wie man daraus Tinkturen herstellt. «Beim Sammeln der Kräuter und Herstellen der Salben kommen alle zur Ruhe, man kann nicht jufle», erklärt die Fachfrau. «Das ist das Schönste daran: dass man sich Zeit für sich selbst nehmen muss.»