Fall Anna

Grossmutter wollte helfen und landete im Gefängnis - jetzt erzählt sie

Einst Schulleiterin, Gemeinderätin und Hauptmann in der Schweizer Armee – diesen Sommer plötzlich Häftling: Martina Hess in Bremgarten.

Einst Schulleiterin, Gemeinderätin und Hauptmann in der Schweizer Armee – diesen Sommer plötzlich Häftling: Martina Hess in Bremgarten.

Die Grossmutter, die ihre Enkelin in Frankreich vor der Justiz versteckte, schreibt an einem Buch über ihre Untersuchungshaft in Lenzburg, Es war eine Zeit, die ihr nahe ging.

Martina Hess wollte ihrer Enkelin helfen – und landete im Gefängnis. Im Mai hatte sie sich mit der 9-jährigen Anna* nach Frankreich abgesetzt, um deren Rückführung nach Mexiko zu verhindern.

Deshalb läuft jetzt gegen Martina Hess ein Strafverfahren wegen Entführung, Entziehung von Minderjährigen und Freiheitsberaubung – und deshalb sass die 65-Jährige im Sommer drei Wochen lang in Lenzburg in Untersuchungshaft. Begründung: Verdunkelungsgefahr. Eine Zeit, die ihr naheging und die sie jetzt in einem Buch verarbeiten will.

«Anna reagierte mit wahnsinniger Angst»: Nachdem sie mit ihrer Enkelin untergetaucht ist, erzählt Martina Hess via Skype von der Verhaftung. (Tele M1, 26.5.2015)

«Anna reagierte mit wahnsinniger Angst»: Nachdem sie mit ihrer Enkelin untergetaucht ist, erzählt Martina Hess via Skype von der Verhaftung. (Tele M1, 26.5.2015)

«Ein Gefängnis ist eine Welt für sich», sagt Martina Hess. Sie betrat sie an einem Wochenende im Juni. Am Samstagmorgen wurde sie von der Polizei abgeholt, dem Haftrichter vorgeführt. «Vor den Leuten, die zum Shoppen unterwegs waren, wurde ich ausgeladen. Grosse Augen rundherum», erinnert sie sich.

Der Staatsanwalt hatte zwei Monate Untersuchungshaft beantragt. Das Zwangsmassnahmengericht prüfte das Gesuch – und hiess es gut. Effektiv dauerte die U-Haft aber bloss drei Wochen. Martina Hess und ihrem Anwalt erscheint dies nach wie vor ungerechtfertigt, ja gar willkürlich.

Martina Hess ist wütend auf die Behörden und reist illegal zurück in die Schweiz – ihre Argumente und was die Aargauer Staatsanwaltschaft dazu sagt. (Tele M1, 10.6.2015)

Martina Hess ist wütend auf die Behörden und reist illegal zurück in die Schweiz – ihre Argumente und was die Aargauer Staatsanwaltschaft dazu sagt. (Tele M1, 10.6.2015)

Bei der Oberstaatsanwaltschaft heisst es auf Anfrage dazu: «Wie lange man für die erforderlichen Einvernahmen und Untersuchungen benötigt, lässt sich oftmals nicht präzis vorhersagen.» Weil man das Verfahren «höchst prioritär und mit vollem Elan rasch an die Hand genommen und bearbeitet» habe, habe man die erforderlichen Einvernahmen innert dreier Wochen durchführen können. Daraus den Schluss zu ziehen, die angeordneten zwei Monate seien «a priori zu lang gewesen», wäre laut Oberstaatsanwaltschaft falsch: «Immerhin hat das Gericht die Anordnung als verhältnismässig angesehen.» Martina Hess erhob gleich nach dem Urteil im Juni beim Obergericht Beschwerde. Am 3. Juli wurde sie entlassen.

Drei Wochen verbrachte sie dennoch im Zentralgefängnis Lenzburg. Die ehemalige Lehrerin, Inspektorin und Schulleiterin war einst Gemeinderätin und Hauptmann in der Schweizer Armee. Nie hätte sie gedacht, «nach 40 Jahren Engagement für den Staat im Gefängnis zu landen».

Nur ein kleiner Teil von uns sieht jemals ein Gefängnis von innen: Wer darin arbeitet und wer mit dem Gesetz in Konflikt kommt. Und wer «drin» war, berichtet in der Regel nicht offen davon.

Martina Hess will es tun, weil sie sagt: «Gefängnisse sind auch ein Teil unseres Rechtsstaats. Aber ich habe Dinge erlebt, von denen ich der Meinung bin, dass sie eines Rechtsstaats unwürdig sind.»

Was Hess anspricht, sind Fragen der Menschlichkeit, des Verständnisses, der Fairness – und des «Luxus», den man von «draussen» gewohnt ist.

Der Vater des mit ihrer Grossmutter untergetauchten Mädchens ist aus der U-Haft entlassen worden. Er sei in erster Linie geschockt – dennoch findet er klare Worte. (Tele M1, 23.05.2015)

Der Vater des mit ihrer Grossmutter untergetauchten Mädchens ist aus der U-Haft entlassen worden. Er sei in erster Linie geschockt – dennoch findet er klare Worte. (Tele M1, 23.05.2015)

Beim Spaziergang im Hof lernt sie zwei drogensüchtige Frauen kennen, die bereuen, nie eine Ausbildung gemacht zu haben. Lehrerin Hess will helfen. Sie fragt den Leiter des Zentralgefängnisses, ob sie die Frauen unterrichten dürfe.

Reaktion nach einem halben Tag: «Die Tür wurde aufgerissen, eine Gruppe Vollzugsangestellte, gross und bewaffnet, standen da, dazwischen der Leiter.» Seine Antwort: Er müsse ihr leider mitteilen, dass er der Bitte nicht entsprechen könne. Es sei nicht erlaubt, Mitgefangenen zu helfen.

Das Bundesgericht hat entschieden: Die 9-jährige Anna muss zurück nach Mexiko (Tele M1, 12.7.2015)

Das Bundesgericht hat entschieden: Die 9-jährige Anna muss zurück nach Mexiko (Tele M1, 12.7.2015)

Wie Pascal Payllier, Chef des Amts für Justizvollzug, erklärt, habe man das Gesuch abgelehnt, weil Hess im Status der Untersuchungshaft eingewiesen war und Unterricht bereits durch die Organisation «Bildung im Strafvollzug» angeboten werde.

Ein anderes Mal versuchte sie, via ihren Ehemann die Busse einer Insassin zu bezahlen, damit diese freikommt und ihre Stelle nicht verliert. Reaktion: Hess wird in eine Einzelzelle verlegt – Hilfe ist nicht erlaubt. Payllier sagt, es bestehe kein Zusammenhang zwischen der Verlegung und dem Hilfeangebot. Man habe Martina Hess aus Verdunkelungsgründen «in Absprache mit der zuständigen Staatsanwaltschaft in eine Einzelzelle verlegt», wobei Einzelzellen generell der Standard für die U-Haft seien.

Per Gesuch fragt sie nach Früchten und erhält prompt ein Körbchen Äpfel. Sie fragt, ob die anderen Frauen auch welche erhielten – die Antwort ist negativ. Konsequenterweise gibt sie auch ihre Äpfel wieder zurück. Doch sie erlebt auch Mitgefühl. Auf Fahrten zu Einvernahmen habe die Polizei häufig auf Handschellen verzichtet.

«Viele wussten, warum ich hier bin, und zeigten sich verständnisvoll.»

Hinter Gittern schreibt sie ihre Erlebnisse auf. Mit dem, was ihr zur Verfügung steht: Bleistift und Papier. Doch als sie einmal vom Duschen zurückkommt, sind die Notizen weg.

«Zum Glück lese ich Krimis. Ich hatte eine Kopie geschrieben und versteckt.» Justizvollzugschef Payllier sagt, der Vorfall sei nicht bekannt, es sei deswegen auch keine Beschwerde eingegangen.

Für Martina Hess bleibt ein fahler Nachgeschmack. Und die Gewissheit, dass man auch dann im Gefängnis landen kann, wenn man eigentlich nur helfen will.

*Name geändert

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