Lenzburg
Grosse Schülerrochade: 300 Zügelkisten sind parat

Bald gilt es ernst: In einer grossen Schülerrochade werden die Kompetenzzentren für die Primar- und Oberstufe an der Regionalschule umgesetzt. Dabei sind mehr als nur logistische Hürden zu meistern.

Ruth Steiner
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Chris Iseli

«Geh du vor, ich habe keinen Schlüssel zum Büro», sagt Emil Klaus, Schulleiter an der Bezirksschule, zu seinem Sek/Real-Kollegen Edgar Kohler. Er lacht verschmitzt. Noch
ist Kohler alleiniger «Hausherr» im Lenzhard-Campus, schon bald jedoch wird Klaus sein Büro in der Bezirksschule im Bleicherain räumen und bei Kohler einziehen. Die Oberstufenschulleiter werden sich in Zukunft den Raum teilen.

Die Frage rund um den Arbeitsraum der Schulleiter ist jedoch nur ein klitzekleines Puzzleteil in der ganz grossen Rochade, welche die anstehende Schulstandortkonzentration an der Regionalschule Lenzburg mit sich bringt. Auf das neue Schuljahr 2016/17 gilt es ernst: Die Schulanlage Angelrain wird das Kompetenzzentrum für die Primarstufen, der Campus Lenzhard Oberstufen-Standort.

Emil Klaus ist in den letzten Monaten bereits ein wenig heimisch geworden im «Lenzhard». Die beiden Schulleiter haben viel Zeit investiert, damit die Züglerei physisch wie auch psychisch so reibungslos wie nur möglich über die Bühne geht. Nicht nur für die Schülerinnen und Schüler sei es ein grosser Schritt, für die betroffenen Lehrpersonen sei der Wechsel ebenso einschneidend, sagen sie. Verbunden mit allem, was in einem solchen Augenblick dazukommt: Unsicherheit, Bedenken, Angst.

Kultur muss wachsen

240 Bezler wechseln in den Lenzhard-Campus, 70 zusätzliche Primarschüler starten das neue Schuljahr im Angelrain-Areal. 300 Zügelkisten aus Karton hat Kohler bestellt. Diese werden, wenn es dann so weit ist, in den Klassen verteilt, wo sie mit Schulmaterial gefüllt und mit einer grossen farbigen Etikette haargenau beschriftet werden. Mit den Händen zeichnet Emil Klaus die Grösse der Beschriftung in die Luft: «Das ist sehr wichtig, damit die Kisten direkt ins richtige Schulzimmer geliefert werden. Andernorts gemachte Fehler wollen wir keinesfalls wiederholen.» Die Männer nicken einander zustimmend zu.

Die organisatorischen Aufgaben sind das eine, um eine derartige Herkulesaufgabe zu bewältigen. Ein ganz besonderes Augenmerk aber gilt der psychologischen Weichenstellung. Aus diesem Grund haben die zwei Schulleiter die Zügelaktion nicht allein im stillen Kämmerlein ausgeheckt. Die beteiligten Parteien frühzeitig mit ins Boot zu holen, war für Klaus und Kohler ein wichtiger Aspekt, um den anstehenden Veränderungsprozess für die Beteiligten so verträglich wie möglich zu gestalten. Nur so könne fruchtbarer Boden für eine neue prosperierende Kultur entstehen, sind Klaus und Kohler sich einig.

In einem extra eingesetzten Steuerungsausschuss haben diverse Lehrpersonen aktiv mitgearbeitet. Kohler: «Kultur kann man nicht verordnen, Kultur muss langsam zusammenwachsen.» Dabei vertreten Klaus und Kohler die gleiche Haltung: Die Ideen dazu müssten aus der Praxis wachsen. Befehle von oben wären wohl wenig zielführend. Auch diesbezüglich konnten die zwei Schulleiter von Erfahrungen andernorts profitieren. «Seither sehen wir dem bevorstehenden Prozess gelassener entgegen.»

Konfliktpotenzial erkannt

Auch wenn alles darangesetzt wird, den Ablauf möglichst schlank über die Bühne zu bringen, machen sich die zwei Schulleiter keine Illusionen: Es ist Konfliktpotenzial da, wenn die Bezler im Alltag auf die bisherigen Lenzhard-Platzhirsche treffen werden. «Ganz ohne Reibereien und Gerangel wird es wohl nicht vonstattengehen, wenn auf einen Schlag zusätzlich 240 Jugendliche in der gleichen Altersstufe auf dem Areal sind.»

Deshalb will man genau hinschauen, verstärkt Präsenz markieren in den Pausen. Der Zusammenhalt der jungen Menschen aus Real, Sek und Bez soll von Anfang an gefördert werden. Gemeinsam mit den Lehrpersonen und der Schulsozialarbeit sind spezielle Projekte geplant. Ebenso haben die Schulleiter die Klassenzimmer-Zuteilung dem Einigungsprozess untergeordnet. Innerhalb der Altersstufe werden die Real, Sek und Bez bunt gemischt. Die Bezler, weiss Schulleiter Emil Klaus, seien erleichtert, seit sie um ihr neues Schulzimmer wissen. Bei ihnen habe sich schon Unsicherheit bemerkbar gemacht vor dem einschneidenden Wechsel.

Primarstufen-Schulleiter Reto Kunz erwartet «nur» noch 70 neue Schüler. Die ersten Klassen sind bereits im vergangenen Jahr mit dem Start der Bautätigkeit auf der Schulanlage Lenzhard ins «Angelrain» gezügelt.

Schulstandortkonzentration: Wichtige Termine

Die Primarschüler packen die Kisten zuerst. Bereits am
2. und 3. Juni, also noch im aktuellen Schuljahr, wird die Primarstufe vom Lenzhard-Campus ins Angelrain-Areal gezügelt. Das Bauamt ist mit den schweren Arbeiten beauftragt, die Schülerinnen und Schüler haben an diesen zwei Tagen frei. Umgekehrt gilt es unmittelbar nach den Sommerferien ernst: Am 8. und 9. August zügeln die Bezirksschüler vom «Angelrain» ins «Lenzhard».

Im Gegensatz zu ihren Gspänli aus der Unterstufe werden sie jedoch bei der ZügelAktion mit anpacken. Geplant ist, dass die Bezler die Zügelkisten in die bereitgestellten Lastwagen heben, die Oberstufenschüler sie dann am Ziel entladen: Das erste Gemeinschaftswerk der Real- und Sek-Schülerinnen und Schüler mit ihren neuen Kolleginnen und Kollegen aus der Bez. Der offizielle gemeinsame Schulstart wird mit einem symbolischen Akt am 10. August eingeläutet. Und am 16. September wird die sanierte und erweiterte Schulanlage Lenzhard eingeweiht. (str)

Grosses schluckt Kleines nicht

Doch auch Kunz steht vor der grossen Herausforderung, für alle ein neues Schulzimmer zu finden. Zumindest vorübergehend. Wenn das Bleicherain-Schulhaus, dessen Bauprojekt derzeit aufliegt, saniert ist, sieht die Situation dann wieder anders aus. «Zwischenzeitlich werden die Mittelstufenklassen die beiden Pavillons zwischen dem Angelrain- und dem Bleicherainschulhaus beziehen», sagt Kunz. Die vorhandenen Schulräume seien damit ausgeschöpft.

Wie seine beiden Schulleiter-Kollegen weist auch Kunz mit dem Finger auf sensiblen Punkte, welche die Standortzusammenführungen mit sich bringen. «Organisatorisch ist vieles am Schreibtisch lösbar. Die Themen, welche Lehrpersonen, Kinder, aber auch Eltern in ihrem Schulalltag betreffen, können jedoch nicht rein rational angegangen werden.» Man sei im Angelrain mitten im Prozess, welcher dem Thema «bewegt unterwegs» gewidmet ist, sagt Reto Kunz. «Die grosse Schule darf die kleine nicht einfach schlucken.» Auch im Angelrain-Schulareal soll eine neue Kultur etabliert werden, die den bisherigen Traditionen und Anlässen beider Standorte Rechnung trägt.

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