Um herauszufinden, wie es um die Fassade von Schloss Lenzburg steht, muss man genau hinhören. Jonas Kallenbach von der kantonalen Denkmalpflege klopft mit einem Sackmesser an den Verputz: «Ein tiefer Ton ist gut, wenn es höher klingt, ist es hinter dem Verputz hohl.» Das Sackmesser ist nur ein Behelfsgerät. «Der erfahrene Baumeister kann mit einem Metallstab gegen die Fassade klopfen und hört ganz genau, wie es dahinter aussieht», sagt Kallenbach.

An manchen Stellen ist der Verputz so rissig geworden, dass er mit blossen Händen von der Wand gekratzt werden kann.

Die Fassade des Schloss Lenzburg wird erneuert

An manchen Stellen ist der Verputz so rissig geworden, dass er mit blossen Händen von der Wand gekratzt werden kann.

Seit 2014 steht das Schloss auf dem Prüfstand. Zunächst wurde es mit einem Helikopter umflogen und von blossem Auge inspiziert. «So kann festgestellt werden, wo sich der Verputz bereits gelöst hat», sagt der zuständige Bauherr des Kantons, Sandro Hächler. Risse sind Gift für die Fassade. «Wenn Wasser eindringt und im Winter gefriert, sprengt es den Verputz regelrecht.» Auch am Fels, auf dem das Schloss steht, hat der Zahn der Zeit genagt. In den 20er-Jahren wurde die Schlossfassade im Besitz der Familie Ellsworth zum letzten Mal saniert. 1956 kauften die Stadt und der Kanton das Schloss, die Anlage wurde von 1978 bis 1985 tiefgreifend saniert.

Nach dem Augenschein wurde das Schloss gründlich abgeklopft. Kallenbach zeigt das Resultat der Untersuchungen: Eine Karte, auf der das Schloss aussieht wie eine gescheckte Kuh. «Der Verputz muss so zusammengesetzt sein, dass die Mauer atmen kann. Wasser darf nicht hinter dem Verputz gefangen sein», erklärt er. Im Mittelalter bestand der Verputz aus Wasser, Sand und Kies. Kalk diente als Bindemittel. Bei der letzten Sanierung wurde viel Zement verwendet. Damit wird die Fassade steinhart – und undurchlässig. Neben dem unteren Tor haben die Arbeiter mit dem Abschlagen des Verputzes begonnen, geräuschvoll hauen sie in die Hülle des Lenzburger Wahrzeichens.

Verschafft Überblick: Drohnenvideo von Schloss Lenzburg.

Drohnenvideo vom Schloss Lenzburg.

Das Schloss Lenzburg aus der Vogelperspektive. 

Gerüstbau als Herausforderung

Die Kantonsarchäologie begleitet die Schlosssanierung. «Es ist eine einmalige Gelegenheit, das Schloss genauer anzuschauen», sagt Archäologe Stephan Wyss. Die Schlossmauern verraten viel über die Vergangenheiten: In guten Zeiten haben die Schlossherren schön passende Bollensteine aufeinandergestapelt. In schlechten Zeiten wurden die Mauern mit allem gefüllt, was sich finden liess, zum Beispiel Bauschutt und Ziegel von abgebrochenen Gebäuden.

«Möglicherweise kommt unter dem Verputz etwas bisher Unbekanntes zum Vorschein, etwa ein alter Eingang», sagt Wyss. Auch der Gerüstbau ist bei der Fassadensanierung eine Herausforderung. Der Untergrund ist uneben, die Gerüste müssen in der Schlossmauer verankert werden. Auch Kantonsbaumeister François Chapuis wagt sich auf das Gerüst, bis zuoberst auf das Dach. Dort zückt er entzückt sein Smartphone für ein Bild. «Die Gelegenheit zu einer solchen Aussicht werde ich nie wieder haben.»

Die Fassade des Schloss Lenzburg wird erneuert.

Bauarbeiten auf Schloss Lenzburg

Die Fassade des Schloss Lenzburg wird erneuert. 

Die heutige Silhouette des Schlosses entstand nicht in einem Schub. Jeder Schlossherr baute die Burg nach seinen Bedürfnissen um. Die Habsburger bauten das Ritterhaus. Auch die Berner haben um- und angebaut und an verschiedenen Stellen ihren Bären platziert. Genau so einzigartig wie die Erbauungsgeschichte sind auch die Verputzschichten am Schloss. «Wir haben hier etwa sechs bis sieben verschiedene Schichten», sagt Kallenbach.

Verputz aus 15. Jahrhundert

Der älteste noch vorhandene Verputz befindet sich am Ritterhaus und stammt wohl aus dem 15. Jahrhundert. Neu ist nicht automatisch besser, im Gegenteil. «Der ältere Verputz ist oft der beste und kann noch weitere hundert Jahre halten», sagt er. Deshalb wird auch nicht die gesamte Fassade erneuert, sondern nach der gescheckten Karte vorgegangen. Jeder, der in den letzten tausend Jahren am Schloss Hand angelegt hat, tat dies nach den Möglichkeiten und dem Wissensstand der jeweiligen Zeit.  

«Vielleicht merkt man in hundert Jahren, dass wir etwas besser hätten machen können», sagt Kallenbach. «Doch so steht jeder Eingriff für eine Zeit.» Ein Geschichtsbuch aus Stein und Mörtel. Der Weg zuoberst auf das Gerüst führt vorbei am Berner Bär und seinem Kompagnon, dem Habsburger Adler. Sie können sich glücklich schätzen, dass heute friedliche Zeiten herrschen, in denen die Geschichte bewahrt wird. Sonst wären sie vielleicht längst mit einem Aargauerwappen überpinselt worden.

Aargauer Schlösser in Bildern: