Niederlenz

«Grau bin ich schon lange»: Einer der dienstältesten Gemeindeschreiber im Bezirk geht in Pension

Thomas Steudler im Sitzungszimmer. Vor sich hat er die Botschaften seiner ersten und letzten Gmeind ausgebreitet.

Thomas Steudler im Sitzungszimmer. Vor sich hat er die Botschaften seiner ersten und letzten Gmeind ausgebreitet.

Kanzler Thomas Steudlers erste und letzte Gmeind tragen das Datum vom 23. November – dazwischen liegen 31 Jahre. Eine seiner grössten Freuden war die Willkommenskultur im Dorf, die er vor drei Jahrzehnten erleben durfte.

«Graue Eminenz im Dorf» und «Sechster Gemeinderat»: Das ist der Ruf, der den langjährigen Amtsinhabern unter den Gemeindeschreibern früher voraus ging. Ist das so, Herr Steudler? Diese Frage entlockt Thomas Steudler ein herzliches Lachen: «Grau bin ich schon lange», sagt er. «Spass beiseite: Ich habe mich stets als Berater und Dienstleister von Gemeinderat und Bevölkerung gesehen.»

Nach 31 Jahren geht der Niederlenzer Kanzler in den Ruhestand. Wenige Monate vor der ordentlichen Pensionierung. Mit Steudler geht einer der dienstältesten Gemeindeschreiber im Bezirk. Nur Ruth Rippstein in Ammerswil, Ruedi Holliger in Boniswil und Peter Weber in Egliswil sind länger im Amt.

Alt Gemeindeammann Walter Gloor, kann sich nach so vielen Jahren nicht mehr genau erinnern, womit der junge Steudler vor über drei Jahrzehnten den Gemeinderat Niederlenz zu überzeugen vermochte, dass es im Oktober 1987 zum Stellenantritt kam. «Er war wohl der Beste», meint Gloor, bis Ende 1997 Niederlenzer Ammann und Steudlers Vorgesetzter. Steudler sei zwar von Bellikon auf dem Mutschellen hergezogen, jedoch in Staufen aufgewachsen und habe somit die Region gut gekannt.

Gloor hat Steudler in Erinnerung als «gschaffigen, kompetenten Mitarbeiter, der die Geschäfte stets gut vorbereitet hat». Er habe einige Reformen nach Niederlenz gebracht, ohne dabei jedoch die Verwaltung komplett umkrempeln zu wollen. Steudlers Neuerungen seien sympathischer Natur gewesen, sagt Gloor und nennt ein Beispiel: Vor dem Gemeindehaus hat der junge Gemeindeschreiber jedes Jahr ein Tannenbäumchen aufgestellt und Schilder mit den Namen der jeweiligen Jungbürger an die Äste gehängt.

Ammann vermittelt Wohnung

Thomas Steudler weiss jedoch, dass er mit seinem Reform-Eifer beim Gemeinderat durchaus auch an Grenzen gestossen ist. Als er nämlich sein Textsystem mit einem Computer ersetzen wollte, hiess es vonseiten des Gemeinderats: «Sie sind nicht zum Schreiben da, sondern zum Studieren und als Berater des Gemeinderats.» Diese Geschichte ist heute eine gern erzählte Anekdote. Die Zeiten haben sich seitdem massiv geändert: Längst ist der Computer ein unverzichtbares Schreibgerät geworden – auch für den Gemeindeschreiber.

Als Thomas Steudler von Bellikon nach Niederlenz kam, war er 33 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern. Weil es schon damals am Bareggtunnel staute, habe er «spätestens um sechs Uhr in der Früh durch die Röhre fahren müssen», wollte er nicht in der Autoschlange stecken bleiben. Schon bald jedoch fuhren auf dem Mutschellen Zügelwagen vor. Damals hatte der Gemeindeschreiber ganz selbstverständlich noch in der Gemeinde zu wohnen. Dabei hatte sich Gemeindeammann Walter Gloor höchstpersönlich um eine adäquate Wohnung für die junge Familie gekümmert. Kaum waren die Zügelkisten ausgepackt, wurde Steudlers ein zum Kauf stehendes Einfamilienhaus angetragen. Vermittler war diesmal nicht Ammann Gloor, sondern Dorfpolizist Kurt Häsler, erzählt Thomas Steudler. Diese Gesten widerspiegelten die freundschaftliche Aufnahme, die er mit seiner Frau Brigitte und den Kindern im Dorf erfahren habe, sagt er.

Fürs Gespräch hat der abtretende Gemeindeschreiber die Botschaft mit den Geschäften zu seiner letzten Gmeind am Freitag, 23. November 2018 (siehe Box unten) vor sich. Ebenso die Dokumente seiner ersten Gemeindeversammlung 1987, die er tief aus dem Gemeindearchiv hervorgekramt hat. Sinnigerweise fand die erste Gmeind ebenfalls am 23. November statt. Steudler blättert in den Papieren. Was hat die Niederlenzer damals bewegt? Nach dem Waldsterben zeigten sich die Ortsbürger grosszügig und sprachen einer Forstgemeinde in der Innerschweiz, die «nicht auf Rosen gebettet war», einen Betrag von 20 000 Franken zur Rettung des Schutzwaldes.

Beim Sichten der Traktandenliste der Wintergmeind 1987 der Einwohnergemeinde muss Thomas Steudler schmunzeln. Das gelbe Schulhaus, für das vor 31 Jahren ein Sanierungskredit von 3,3 Millionen Franken gefordert wurde, taucht nun drei Jahrzehnte später, wieder auf. Der Baukredit für die Erneuerung soll an der Sommergmeind 2019 vorgelegt werden.

Top und Flop

Worüber hat sich Thomas Steudler am meisten gefreut? Die Willkommenskultur im Dorf, die er vor drei Jahrzehnten erleben durfte, ist das eine. Zufrieden ist Steudler auch, dass es gelungen ist, ein Regionales Zivilstandsamt einzurichten. «Zusammen mit dem damaligen Lenzburger Stadtschreiber Christoph Moser habe ich mich für die Idee einer regionalen Zentralisierung mit Standort in Lenzburg oder Niederlenz eingesetzt.» Aus der Idee wurde Realität, die sich seit 2004 bewährt.

Was bedauert Steudler am meisten, wenn er die vergangenen drei Jahrzehnte Revue passieren lässt? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. «Ich habe nicht nur bedauert, sondern enttäuscht bin ich gewesen über die mangelnde Bereitschaft der Niederlenzer, vor zehn Jahren die Fusion mit Nachbar Lenzburg zumindest vertieft zu prüfen.» In einer Referendumsabstimmung hatte Niederlenz im Februar 2009 dem Ansinnen frühzeitig einen Riegel geschoben. «Wir waren zu früh», sagt Steudler heute.

Ebenfalls zu früh dran war Niederlenz nach Ansicht Steudlers mit der Idee, eine gemeinsame Informatik-Plattform für die Gemeinden einzurichten. Der Gedanke war im Zusammenhang mit den Milleniums-Diskussionen aufgekommen: Befürchtungen waren laut geworden, dass die Computer den Jahrtausendwechsel nicht bewältigen könnten. Der Vorstoss der Niederlenzer kam bei den andern Gemeinden nicht gut an. Steudler lacht, die Idee versandete nämlich nicht. «Später wurde der Gemeindedienstleister Publis Public Info Service AG gegründet.»

Und dann sind da noch zwei Bundesgerichtsfälle, welche die Gemeinde und damit auch den Gemeindeschreiber beschäftigt haben. Das Lenzhardfeld, wo heute die Pferdeklinik gebaut wird, brachte Niederlenz nach Lausanne. Um eine ungewollte Bebauung durch einen Industriebetrieb zu verhindern, sollte das Land ausgezont werden. Das Bundesgericht hat die Gemeinde jedoch zurückgepfiffen. Ebenfalls vor Bundesgericht endete ein Kiesabbauvorhaben im Wäldli «Wilägerte» im Jahr 1997. Auch hier zog Niederlenz den Kürzeren.

Auf die Bretter

Auf seine Pläne für den neuen Lebensabschnitt angesprochen, muss Thomas Steudler nicht lange überlegen. «Zuallererst fahre ich einen Monat lang in Adelboden Ski. Und zum ersten Mal werde ich den Neujahrs-Apéro in Niederlenz schwänzen und stattdessen endlich einmal die Skirennen am Kuonisbergli live erleben können.»

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