Drachental Seetal: mehr als ein PR-Gag von Seetal Tourismus? Steckt der Verein am Ende auch hinter der Kaiman-Geschichte dieses Sommers? René Bossard, Präsident von Seetal Tourismus, dementiert Letzteres entschieden. Der Mediensonntag mit Kindern – neben der AZ war die Schwäbische Zeitung dabei – zeigte: Familien mit Kindern im Primarschulalter können sich trefflich verweilen. Und die Frage, ob es Drachen überhaupt gibt, tritt in den Hintergrund, denn wer als Drachenforscherin tätig ist, wie Vanessa (8) und Alexandra (12) aus Schöftland, Antonia (9) und Franzi (11) aus Kreuzlingen, darf Hand anlegen. Zum Beispiel auf Schloss Heidegg, dem Sitz der Hochschule für Drakologie.

An Drachengerüchen schnuppern

Im Arbeitszimmer von Professor Ambrosius Ferdinand Sigismund Maria von und zu Drachenfels steht nicht nur ein Drachenei im Kasten, hängt nicht nur der Stammbaum der Seetaler Drachen an der Wand mit den vier Ästen: Wasser-, Feuer-, Luft-Flug- und Feld-, Wald- und Wiesendrachen. Die Geräte mit ihren teilweise sphärischen Geräuschen habens den Kindern angetan. Das Drakophonmeter misst die Lautstärke der Drachen, derweil der Drachenradar zur Ortung der Wesen dient.

Der Drachenmagnetograph misst die Stromstärke der Drachen unter Strom; der Drachentranslator übersetzt Wörter, die man lauthals eingibt, in die Drachensprache. Mittels Fernrohr kann man übers Seetal blicken und Drachen zu erspähen versuchen. Dem gleichen Zweck dienen die Drachenforschungsbrillen. Der Drakoalarm – ein Augenzwinkern gehört bei aller Wissenschaftlichkeit dazu – zeigt dem Benutzer, ob ein Drache in ihm steckt. Und man kann dank Drakodorograph an Drachengerüchen schnuppern.

Drachenforscherin Marianne Naunheim mit Alexandra, Vanessa und Franzi (von links).

Drachenforscherin Marianne Naunheim mit Alexandra, Vanessa und Franzi (von links).

Die Gutundgut GmbH hat das Drachental entwickelt und betreut das Projekt. Marianne Naunheim begleitet die jungen Forscherinnen. Seetal Tourismus bietet Schulklassen fachliche Begleitung an. Lehrpersonen können unter verschiedenen Angeboten im Aargauer und Luzerner Seetal wählen (drakologie.ch). «Luzern übernimmt die Hälfte der Kosten von 460 Franken pro Klasse; mit dem Kanton Aargau stehen wir in Verhandlungen», sagt Naunheim. Zusätzlich zum Buch «Die Seetaler Drachen-Saga» von Dan Wiener, allerliebst illustriert von Andrey Fedorchenko, gibt es ein Forschungsheft mit Aufgaben, «Lehrplan 21»-kompatibel, wie Marianne Naunheim betont. Mit vielen Transfermöglichkeiten: Geschichte, Geografie, Technik, Deutsch, Biologie, Bildnerisches Gestalten.

Das Projekt wurde im April 2018 lanciert, im Beisein der Regierungsräte Urs Hofmann (AG) und Robert Küng (LU). Inzwischen ist im Mai dieses Jahres auf Schloss Hallwyl das erste Drachenfest abgehalten worden. So erfolgreich – 1400 Besucher – dass, so Naunheim, nächstes Jahr eine zweite Auflage erfolgt.

Drachenskelett in Beinwil ausgegraben

Beim Schloss Hallwyl kommt das mobile Drachenforschungslabor zum Einsatz. Die vier Mädchen entscheiden sich für die Feuerdrachen. Also wird mit einer Lupe und Sonnenhilfe mal Feuer entfacht. Und Alexandra sammelt Brennnesseln für einen Trank. Am Mediensonntag drängt die Zeit, denn das Schiff nach Beinwil am See fährt um halb vier. Kein Kaiman in Sicht. Zur letzten Aktivität des Tages, dem Ausgraben eines Drachenskeletts bei der Jugendherberge, das der Drachenforscher Dr. Jus Hostel – Nomen est Omen – 2018 zusammen mit einer Plastikschaufel entdeckt hat. Aber wie ist der Drache zur Zeit der Pfahlbauer umgekommen? Vergifteter Fisch? Ist er an einem Schwan erstickt, wie Vanessa meint? Oder war am Ende der Schwan von einem Zitteraal elektrisiert, der dem Drachen beim Verschlucken des Schwans den Rest gegeben hat, wie Antonia vermutet?

Drachen verbinden Seetal mit Luzerner Hausberg

Die Neugier wecken, angeregt durch szenografische Inszenierungen – das ist, so Marianne Naunheim, das Konzept. Dazu kommt die Vernetzung und Verbindung verschiedener bestehender Örtlichkeiten im Seetal, seis in Römerswil, wo man fischen und Spuren der Wasserdrachen folgen kann, seis bei Fauchi auf Schloss Lenzburg oder beim Drachen Pilu auf dem Pilatus. Eine Erlebniskarte für Familien weist den Weg. Und wer mit dem Drachenforscherpass mindestens sieben Stempel holt, kriegt einen Forscherpreis.

Eine nachhaltige Geschichte? «Es wäre schön, wenn alle Schülerinnen und Schüler aus dem Tal in ihrer Schulkarriere einmal auf eine solche Drachenexpedition gehen würden», meint Raphael Enzler von Gutundgut. Das könnte eine Verankerung bewirken. Doch er sieht die Sache pragmatisch: Wenn nicht, seis halt in zehn Jahren vielleicht vorbei. Nach einer Startfinanzierung im Rahmen der Neuen Regionalpolitik, die auch strukturschwache Tourismusregionen fördert, sucht man die Zusammenarbeit mit bestehenden Einrichtungen wie den Schlössern Heidegg und Hallwyl. Auch die Wirtschaft ist im Boot. Der Drache Hypopoppa vertritt die Hypothekarbank Lenzburg; der Milchverwerter Emmi bringt die Seetaler Drachen demnächst als Kaffeerahmdeckeli in die Seetaler Wirtshäuser.