Prozess
Geschlagen, gewürgt, misshandelt: Im Suff durfte ihm niemand blöd kommen

In der psychiatrischen Klinik lernen sich ein Mann und eine Frau kennen und lieben. Sie bekommen einen gemeinsamen Sohn. Doch weil er austickt, wenn er säuft, zerbricht die Beziehung. Vor Gericht stand er auch wegen anderer Delikte.

Mario Fuchs
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Reihenweise Vorwürfe: Der Mann schlug seine Lebenspartnerin mit der Faust ins Gesicht, brach ihr die Nase, würgte und misshandelte sie. (Symbolbild)

Reihenweise Vorwürfe: Der Mann schlug seine Lebenspartnerin mit der Faust ins Gesicht, brach ihr die Nase, würgte und misshandelte sie. (Symbolbild)

Keystone

Diese Verhandlung beginnt mit einem Antrag, wie es ihn nicht allzu oft gibt: Der Verteidiger bittet um Tenü-Erleichterung. «Selbstverständlich, bei diesen Temperaturen», entscheidet Gerichtspräsidentin Eva Lüscher – die Herren im Saal dürfen ihre Vestons ausziehen. Weniger hitzig wird es an diesem Donnerstag am Bezirksgericht Lenzburg deswegen nicht.

Thierry (Namen geändert), auf den ersten Blick ein freundlicher junger Mann, chic gekleidet, gut gebaut, tickt immer dann aus, wenn er trinkt. Sein Vorstrafenregister hat zehn Einträge. Thierry sagt von sich selbst: «Wenn ich getrunken habe, war ich ein grosskotziger, asozialer Mensch. Der Hinterletzte.»

Die Liste der Straftaten, die dem 32-Jährigen diesmal vorgeworfen werden, ist ebenfalls lang: einfache Körperverletzung, Drohung, Nötigung, sexuelle Nötigung, Irreführung der Rechtspflege, Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte, Beschimpfung, Hausfriedensbruch, Strassenverkehrsdelikte. Vieles davon mehrfach.

Sie hat immer noch Angst

Am meisten darunter litt seine ehemalige Lebenspartnerin Elena. Kennen gelernt hatten sie sich als Patienten in der psychiatrischen Klinik. Sie waren nie verheiratet, haben aber einen Sohn zusammen.

Elena beantwortet die Fragen des Gerichts vom Gang aus, sagt, sie habe immer noch Angst. Gemäss Anklageschrift hat Thierry seine Freundin misshandelt, bedroht und genötigt – immer wieder, über Jahre.

Mal hat er sie mit der flachen Hand samt Fingerringen auf den Kopf geschlagen, mal mit der Faust ins Gesicht, sodass Elenas Nase brach. Er würgte sie, drückte sie an die Wand, warf sie zu Boden. Schnitt ihr in die Wange. Später drohte er ihr, sie umzubringen, hielt ihr ein Gewehr an den Kopf. «Ich traute es ihm zu», sagt Elena mit zitternder Stimme.

Auch ein Polizist und eine Prostituierte berichten von ihren Erlebnissen mit Thierry. Beide Zeugen betonen, sie seien sich aus ihrem Berufsalltag vieles gewohnt – aber alles habe ein gewisses Mass. Nicht so bei Thierry. Die Prostituierte sagt: «Er behandelte mich wie ein Tier.» Die Zeit sei abgelaufen, er habe weitermachen wollen, gegen ihren Willen. Danach forderte er sein Geld zurück, weil er nicht zufrieden war, und drohte, eine Waffe im Auto zu holen.

«Du hesch mich versecklet!»

Thierry rutscht im Gerichtssaal unruhig auf seinem Stuhl herum, wirkt genervt. Was erzählt wird, interessiert ihn nicht so genau, lieber bespricht er sich mit seinem Verteidiger. Die Gerichtspräsidentin muss mehrmals um Ruhe bitten. Mit halblauten Sätzen gibt er zu verstehen, was er von den Vorwürfen hält: nichts.

«Du hesch mich versecklet!», fährt es einmal aus ihm heraus, als seine Ex-Freundin vom gemeinsamen Sohn erzählt. Ihm geht es nur um das Kind: Er wolle endlich sein regelmässiges Besuchsrecht. Ja, er habe Fehler gemacht, sei kein guter Partner gewesen.

Aber er habe Elena nie misshandelt oder bedroht. Denn: «Dann hättest du ganz anders ausgesehen, viel schlimmer!» Elena wolle nur, dass er seinen Sohn nie mehr sehen könne. Die Verkehrsdelikte gibt er zu, auch, dass er Polizisten bedroht und angegriffen hat. Der Rest: «Alles erfunden.»

Er sagt, seit 2012 keinen Schluck Alkohol mehr getrunken zu haben, bis zu dreimal in der Woche besuche er Therapiesitzungen. «Seit ich nicht mehr trinke, habe ich auch keine Probleme mehr.»

Der Staatsanwalt taxiert das Abstreiten als «reine Schutzbehauptungen» und fordert eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten. Elenas Anwältin will zusätzlich 9000 Franken Genugtuung und rund 8000 Franken Schadenersatz. Thierrys Verteidiger zweifelt Elenas Schilderungen an: Beide seien psychisch krank, es sei eben eine «schwierige Beziehung» gewesen. Sechs Monate bedingt sind für ihn das Maximum.

Das Gericht glaubt Elena und verurteilt Thierry zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe, die allerdings zugunsten der ambulanten Therapie ausgesetzt wird. Elena erhält 5000 Franken Genugtuung und einen Teil ihrer Arztkosten zurückerstattet.

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