Fahrwangen

Geschäftsführer von Fretz Men über Entlassungen: «Wir sehen nichts, das unsere Probleme lösen würde»

Vinzenz Lauterburg musste der Belegschaft die traurige Nachricht überbringen.

Vinzenz Lauterburg musste der Belegschaft die traurige Nachricht überbringen.

Wie gestern bekannt wurde, schliesst Fretz Men die Schuhfabrik in Fahrwangen. Der Geschäftsführer Vinzenz Lauterburg erklärt nun, weshalb die dreissig Jobs gestrichen werden und in welche Richtung die Marke sich weiterwickeln soll.

Der Berner stammt aus der Familie, der das Unternehmen gehört. Und er ist seit Januar Chef der Firma Fretz Men AG in Fahrwangen. Vinzenz Lauterburg (48) erklärt, weshalb eine der letzten grösseren Schuhfabriken der Schweiz geschlossen werden muss. Weshalb bis zu 30 Personen den Job verlieren werden.

Ein traditioneller Schuhproduzent ohne eigene Fabrik ist schwer vorstellbar. Warum lässt sich die Schliessung von Fretz Men nicht verhindern?

Die Familie ist seit vielen Jahren stolz auf die Produktion in Fahrwangen. Wir sind stolz auf die Mitarbeiter, die jeden Tag mit Herzblut die Schuhe produzierten. Unter dem Strich ist es aber halt leider so, dass die Schweiz als Produktionsstandort für Schuhe zu teuer ist.

Gibt es keinen Spielraum mehr für weitere Produktionsoptimierungen?

Im Moment sehen wir nichts, das unser Problem lösen würde. Die Herstellung von Fretz-Men-Schuhen in Fahrwangen ist seit einigen Jahren stark defizitär. Damit wir in die Zukunft des Unternehmens investieren können, müssen wir angesichts der sich verschärfenden Wettbewerbssituation unsere Mittel bestmöglich einsetzen.

Schuhfabrik Fretz Men baut bis zu 30 Stellen ab

Schuhfabrik Fretz Men baut bis zu 30 Stellen ab

Die Firma Fretz Men verkaufte Millionen von Herrenschuhen. Vor über 100 Jahren starte das Familien-Unternehmen am Hallwilersee als Einlage-Sohlen-Fabrik. Nun müssen bis zu 30 Stellen abgebaut werden.

Sie haben schon bisher wichtige Schuhbestandteile aus dem Ausland eingesetzt.

Wir bezogen Sohlen aus Italien. Und unsere Lederschäfte stammten hauptsächlich aus Indien.

Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie am Montag um 11 Uhr der Belegschaft den Entscheid mitteilen mussten?

Ich wollte angesichts des traurigen Entscheids unseren Mitarbeitenden die grosse Wertschätzung entgegenbringen, die sie verdienen. Es war ganz bestimmt einer der schwierigsten Momente in meiner beruflichen Karriere, mit diesen schlechten Nachrichten vor den Mitarbeitenden zu stehen, die während Jahren ihre Leidenschaft, ihr Herzblut für die Firma gegeben haben. 

Viele Mitarbeitende sind seit Jahrzehnten dabei...

... in Einzelfällen sogar über 40 Jahre. Für die Familie ist es ganz klar, dass wir für die Entlassenen eine möglichst gute Lösung finden wollen. Wir haben einen freiwilligen Sozialplan erstellt. Wir hoffen, es wird anerkannt, dass er grosszügig ausgestaltet ist.

Die Schliessung ist vorgesehen für Ende Jahr.

Wir werden noch die ganze Herbst-/Winterkollektion fertigstellen. Das dauert voraussichtlich bis Ende Oktober.

Was bleibt denn überhaupt noch in Fahrwangen?

Insgesamt etwa 15 Stellen. Vor allem das Know-how des Schuhs. Wir werden das Design, die Entwicklung, das Marketing, den Vertrieb sowie die Administration und Buchhaltung weiterhin hier haben. 

Und?

Ein kleines Atelier. Wir werden im Seetal ganz wenige, spezielle Schuhe produzieren. Schuhe mit dem Label «Swiss made».

Die Marke Fretz Men bleibt erhalten?

Ja, wir haben einen guten Ruf. Man attestiert uns, dass wir einen qualitativ guten, bequemen Schuh produzieren. Jetzt geben wir noch etwas Gas, indem wir diese Schuhe aufpeppen.

Sie wollen die Marke weiterwickeln.

Das ist richtig. Einerseits möchten wir in die Technologie investieren. Es gibt eine gute, seit langem anhaltende Zusammenarbeit mit Gore-Tex. Gleichzeitig ist uns die Nachhaltigkeit wichtig: Wir denken an einen zu fast 100 Prozent biologisch abbaubaren Schuh.

Aber der Schuh wird in Osteuropa oder Asien hergestellt?

Es ist vorgesehen, mit mehreren Lieferanten zu arbeiten. Uns ist die Nähe wichtig. Deshalb prüfen wir auch Hersteller innerhalb Europas.

Was ist Ihre Vision von der Marke Fretz Men?

Ich stelle mir die Entwicklung in Richtung eines immer noch zeitgemässen Schuhs vor, modisch, smart, im Stil immer einen kleinen Schritt voraus. Er soll wie bisher bequem und qualitativ hervorragend verarbeitet sein.

Und in welchem Preissegment?

Unser Ziel liegt zwischen 100 und 250 Franken. Etwas abhängig davon, wie viel die Weiterentwicklung kosten wird.

Was ist Ihre Beziehung zur Schuhbranche?

Ich liebe Schuhe, kannte sie aber bis vor kurzem nur als Konsument. Es gibt nichts Schöneres als einen sauberen Halbschuh, den man zu Jeans tragen kann.

Und was haben Sie bis anhin beruflich gemacht? 

Ich war vor allem im Bereich Finanzen und Controlling tätig. Ich bin eher der Zahlenmensch. Es ist uns gelungen, mit Steffen Fredslund als Verkaufsleiter und Torsten Kunz als Leiter Kollektion zwei sehr erfahrene Führungskräfte zu gewinnen. Beide verfügen über einen starken Leistungsausweis in der Schuh- und Modebranche.

Wem gehört die Firma Fretz AG?

Die Aktien werden von drei Familienstämmen gehalten. Meine Mutter, ihre Schwester und ihr Bruder halten je ein Drittel der Aktien. Es ist für mich eine Ehre, in einem Unternehmen zu arbeiten, das die Ururgrosseltern gegründet haben. Ich bin überzeugt, dass wir, so wie wir aufgestellt sind, unsere Ziele erreichen können.

In Ihrem Industriegebäude wird Ende Jahr ziemlich viel Raum frei. Was machen Sie damit?

So viel wird gar nicht frei. Wir betreiben weiterhin ein Atelier und das Lager spielt eine wichtige Rolle. Was mit dem Rest geschehen wird, ist noch offen. Darüber haben wir uns noch nicht gross Gedanken gemacht. Der Komplex gehört der Familie.

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Autor

Urs Helbling

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