Lenzburg

Gerichtsfall: War die Säure-Attacke nur eine Lüge?

Im Lenzburger Bezirksgebäude fand die Gerichtsverhandlung statt.

Im Lenzburger Bezirksgebäude fand die Gerichtsverhandlung statt.

Ein 45-jähriger Türke soll einen Mithäftling angestiftet haben, seiner Ex-Frau und deren Freundin Säure ins Gesicht zu spritzen. Alles gelogen, behauptet dieser. Für das Bezirksgericht Lenzburg waren beide Geschichten dubios.

Die Vorgeschichte: Einst waren Ali und Betül (alle Namen geändert) glücklich verheiratet, hatten zwei Kinder gezeugt, wohnten in der Region. Doch das ist vorbei, die Liebe der beiden hat sich verflüchtigt.

Ali soll seiner Frau gegenüber gewalttätig geworden sein und sie sexuell missbraucht haben. Weil sie ihn anzeigte, sitzt er nun im Lenzburger Zentralgefängnis im vorzeitigen Strafvollzug, verurteilt zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Noch ist das Verfahren nicht abgeschlossen, Ali hat das Urteil vor Bundesgericht angefochten.

Im Gefängnis sind Alis Emotionen offenbar erneut hochgekocht. Er soll beabsichtigt haben, sein Recht nicht nur auf dem juristischen Weg einzufordern, sondern Selbstjustiz an Betül und ihrer Freundin Rita zu verüben. Weil die zwei Frauen deshalb Strafanzeige einreichten, sitzt er jetzt erneut vor dem Richter.

In der Anklageschrift wird dem 45-jährigen Ali vorgeworfen, er habe seinen Mitgefangenen Cem, der kurz vor der Entlassung (und Ausschaffung in sein Heimatland) stand, überredet, er solle Betül und Rita aufsuchen, sie zusammenschlagen und ihnen «etwas Schlimmes» antun. Er solle die zwei Frauen derart im Gesicht verletzen (vor Gericht war die Rede von Säure als Mittel zum Zweck), dass sie sich zeitlebens an ihn erinnern würden. Denn wegen der beiden Frauen sitze er unschuldig im Gefängnis.

Rita hatte im ersten Verfahren Aussagen gemacht, die Ali schwer belasteten. Dafür wolle sich Ali nun an den beiden rächen. Cem sollte eine Entschädigung erhalten, wenn er den Frauen in Alis Auftrag einen Denkzettel verpasse.

Das Geld sollte Cem von Alis Cousin erhalten. Wie befohlen, hat Cem die Frauen angerufen, auf Telefonnummern, die ihm Ali gegeben hatte. Doch er führte die beauftragte Abrechnung nicht aus. Stattdessen warnte Cem Betül und Rita vor Alis Absichten.

Zweifel an Glaubwürdigkeit

Laut Ali ist das alles erstunken und erlogen. Vor dem Bezirksgericht behauptet er, sein ehemaliger Mithäftling Cem habe diese Geschichte erfunden, um an Geld für Drogen zu kommen. Ali und Cem waren Anfang 2013 einige Wochen gemeinsam in einer Zelle gesessen. Alis Abwesenheit in der Zelle habe Cem genutzt, in den privaten Dokumenten, die man nicht habe wegschliessen können, zu wühlen und sich die notwendigen Informationen zu beschaffen, ist Ali überzeugt.

Weshalb er einen Rache-Auftrag erteilen sollte, wenn er dem Rechtsstaat doch vertraue, fragt Ali das Gericht, wohl mit Blick auf das vor Bundesgericht hängige Verfahren.

Auch wenn er sich mit seinem Anwalt auf deutsch unterhält, so lässt der Beschuldigte sich die vom Gericht gestellten Fragen von einer Dolmetscherin auf türkisch übersetzen und gibt in seiner Muttersprache Antwort.

Gerichtspräsidentin Danae Sonderegger erklärt dem vor ihr sitzenden Beschuldigten, es sei Aufgabe des Gerichts, seine Version des Vorfalls mit den Aussagen von Cem zu vergleichen und auf deren Glaubwürdigkeit hin zu prüfen. Etwas provokativ fragt sie Ali: «Würden Sie Ihre eigene Geschichte glauben? Die Anstiftung passt doch ins Bild des ersten Verfahrens.»

Das lässt Ali nicht auf sich sitzen. «Die Anschuldigungen widersprechen meinem Charakter und meiner Haltung», sagt er, er sei ein aufrichtiger, gradliniger Mensch. Betüls Freundin, die an der Verhandlung teilnimmt, schüttelt während Alis Ausführungen immer wieder leicht den Kopf, doch äussern mag sie sich nicht mehr.

Cem hingegen, so fährt Ali vor dem Gericht fort, sei drogenabhängig gewesen, habe im Gefängnis als «Junkie» gegolten. Er habe wohl angenommen, dass sich seine Ex-Frau für die «gute Tat» finanziell erkenntlich zeigen würde.

Anschliessend zerpflückt auch Alis Verteidiger während fast einer Stunde Cems zu Protokoll gegebene Äusserungen bis ins kleinste Detail und folgert: «Er ist ein professioneller Lügner, dem immer wieder etwas Neues einfällt, wenn ein Schwindel auffliegt.»

Freispruch trotz der Zweifel

Cem kann zu den Vorwürfen keine Stellung beziehen. Nach seiner Haftentlassung im vergangenen Jahr ist er ausgeschafft worden. Auch Alis Ex-Frau bleibt der Verhandlung fern, lässt sich durch ihren Anwalt vertreten.

Sie ist in der Zwischenzeit ebenfalls in die Türkei zurückgekehrt. Zu ihren beiden Kindern habe sie kaum Kontakt, lässt sie ausrichten. Ali halte sie von ihr fern, habe sie bei seinen Eltern in der Türkei untergebracht.

Der 45-jährige Ali hat derzeit kein Einkommen. Er sagt, er habe nach dem Gymnasium in der Türkei zuerst voll auf die Karte Fussball gesetzt, später eine Ausbildung als Réceptionist gemacht.

In der Schweiz habe er verschiedene Jobs ausgeübt. Die IV-Rente, die er heute wegen gesundheitlicher Beschwerden bezieht, sei derzeit sistiert. Nach dem Strafvollzug warte eine Revision auf ihn.

Das Gericht äussert Skepsis an beiden Geschichten, doch seien Cems Aussagen derart voller Widersprüche und deshalb weniger glaubwürdig als jene von Ali, sagt Gerichtspräsidentin Sonderegger.

In einem solchen Fall gelte «in dubio pro reo», im Zweifel für den Angeklagten: Ali wird von der Anklage zur versuchten Anstiftung zu mehrfacher schwerer Körperverletzung freigesprochen.

Danae Sonderegger betont jedoch: «Für das Bezirksgericht besteht kein Zweifel, dass Sie gegen Ihre Ex-Frau noch Groll hegen.» Und sie schärft dem freigesprochenen Ali ein, allfällige «Vergeltungsabsichten» seiner ehemaligen Frau gegenüber nur auf dem juristischen Weg anzustrengen.

Sollte Betül nämlich «etwas passieren», so könnte Ali, wenn er zum dritten Mal gegen seine Ex-Frau auffällig werden würde, für mehrere Jahre im Gefängnis landen.

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