Joshua Bell, was bringt einen gefeierten Geiger dazu, sich dem Dirigieren zuzuwenden?

Joshua Bell: Die Hinwendung zum Dirigieren war ein normaler, ja fast logischer Prozess. Ich hatte schon früh viel für Werke mit grösserer Streicherbesetzung übrig und betätigte mich immer auch als Kammermusiker. Musizieren in einem Kollektiv war gewissermassen mein tägliches Brot. Von dort aus ist es ein kleiner Schritt zur Leitung eines grösseren Kollektivs. Ich geniesse diese neue Herausforderung des Orchesterdirigierens, bei der ich täglich Neues entdecke und unglaublich viel über Musik dazulerne.

Heisst das auch, dass Sie mit den Leistungen der Dirigenten nicht zufrieden waren?

Nein, das hat damit überhaupt nichts zu tun. Aber der Wunsch, selber ein Orchester zu dirigieren, kommt wohl bei den meisten Solisten irgendwann hoch. Es ist ähnlich wie bei Schauspielern, die wollen früher oder später auch selbst Regie führen.

Das Feld ist mit guten bis ausgezeichneten Dirigenten schon dicht besetzt. Wie leicht war es für Sie, ins Metier einzudringen? Und gab es auch kritische Stimmen?

Zunächst muss ich eines klarstellen: Ich mache das nicht, um den Musikkritikern zu gefallen. Über mangelnde Anerkennung kann ich mich aber nicht beschweren. Mir geht es darum, etwas zu kreieren, von dem ich fasziniert bin. Darum beschäftige ich mich vor allem mit den grossen Meisterwerken. Ohne zugleich Violinist zu sein, könnte ich diese grandiosen Stücke aber nicht dirigieren. Das heisst natürlich nicht, dass ich immer von der Geige aus dirigiere, aber das Selbstverständnis als Solist trägt viel zu meinem Verständnis als Dirigent bei. Für mich sind Geigespielen und Dirigieren keine unterschiedlichen Professionen. Ich bin Musiker, das ist meine Profession.

Bei Instrumentalkonzerten der klassischen Periode ist es nicht unüblich, dass der Solist zugleich dirigiert. Bei romantischen Violinkonzerten mit grosser Orchesterbesetzung ist das aber die grosse Ausnahme. Wie funktioniert das technisch?

Der Trick ist, dass man ein Orchester wählt, dem man blind vertrauen kann. Ein gutes Orchester kann ja auch ohne Dirigenten gut spielen (lacht). Natürlich habe ich etwa im Violinkonzert von Brahms als Solist buchstäblich alle Hände voll zu tun. Aber die wichtigen Dinge werden in den Proben einstudiert und geklärt. Was dann auf dem Podium geschieht, ist die Folge von intensiver Probearbeit. Dazu kommt, dass ich über eine sehr körperbetonte Spielweise verfüge. Durch mein gestenreiches Geigenspiel kann ich einem aufmerksamen Orchester vieles vermitteln, was für das Publikum vielleicht nicht auf Anhieb als Interaktion mit dem Ensemble erkennbar ist.

Gibt es auch Situationen, in denen Sie sich einen Dirigenten zurückwünschen würden?

Eigentlich nicht. Wenn ich von der Geige aus dirigiere, entstehen gerade durch die direkte Verbindung zum Orchester Dinge, die mit einem Dirigenten nicht möglich wären. So gesehen ist das Spielen ohne Dirigenten sogar einfacher. Doch ich trete als Solist ja nach wie vor auch mit Dirigenten auf. Es sind zwei grundverschiedene Musizierweisen, und ich möchte weder die eine noch die andere missen.

In Lenzburg bringen Sie neben Bruchs Violinkonzert zwei Werke von Beethoven zur Aufführung. Wie passen die beiden Komponisten zusammen?

Beide sind stark auf die Dramatik fokussiert. Und abgesehen davon hat schon Joseph Joachim, der bedeutendste Geiger des 19. Jahrhunderts, befunden, es existierten vier grosse Violinkonzerte - zunächst jenes von Beethoven, dann die drei weiteren von Mendelssohn, von Brahms und von Bruch. Das allein zeigt uns bereits eine innere, quasi geistige Verbindung von Beethoven zu Bruch an. Denn um Beethoven kam im 19. Jahrhundert kein Komponist herum, sie alle standen unweigerlich in seinem Einflussbereich.