Seetal

Gegen rückläufige Erträge: 27 Millionen Felchen-Winzlinge werden in Hallwilersee gekippt

Patrick Trautmann und Ernst Fischer von der Fischerei Delphin, Meisterschwanden, Martin Fischer vom Sportfischerverein Hallwilersee und Richard Stadelmann von der Fischerei Hallwilersee, Birrwil (v.l.) in der Delphin-Brutanlage. In tiefen Zugergläsern werden die befruchteten Eier zu Brütlingen herangezogen.

Patrick Trautmann und Ernst Fischer von der Fischerei Delphin, Meisterschwanden, Martin Fischer vom Sportfischerverein Hallwilersee und Richard Stadelmann von der Fischerei Hallwilersee, Birrwil (v.l.) in der Delphin-Brutanlage. In tiefen Zugergläsern werden die befruchteten Eier zu Brütlingen herangezogen.

Die Fischer im Seetal kämpfen mit vereinten Kräften gegen die rückläufigen Erträge aus dem Hallwilersee.

Das lässt jedes Geniesserherz höherschlagen: Vor sich die goldbraun gebackenen Fischknusperli, fangfrisch vom Tag, serviert mit einem Klacks Tartaresauce. Das Ganze garniert mit einem romantischen Sonnenuntergang über dem Hallwilersee.

Bis der Fischklassiker auf den Teller kommt, braucht es mehr als einen Fischer, der frühmorgens auf den See hinausfährt und die am Vorabend ausgelegten Netze wieder einzieht; von wo die Fische später in der Bratpfanne landen. Heutzutage betreibt der Hallwilersee-Fischer ein datenbankgestütztes Fisch-Monitoring: Der Felchenbestand im Hallwilersee wird laufend überwacht, dessen Wachstum und Vitalität werden verfolgt und die Population durch Aussetzen von Jungfelchen erhalten, erklären die vier Herren am runden Tisch im «Delphin», Meisterschwanden. Bis im Mai soll im Hallwilersee die für Laien schier unglaubliche Zahl von rund 27 Millionen Felchen-Brütlingen ausgesetzt werden.

Gegen rückläufige Erträge: 27 Millionen Felchen-Winzlinge werden in den Hallwilersee gekippt

Patrick Trautmann von der Fischerei Delphin erklärt, was in den Gläsern zu sehen ist.

  

Fischer spannen oft zusammen

Grundsätzlich sind die Männer Konkurrenten: Ernst Fischer und Patrick Trautmann von der Fischerei Delphin in Meisterschwanden, Richard Stadelmann von der Fischerei Hallwilersee in Birrwil und Martin Fischer vom Sportfischerverein Hallwilersee. Der gelebte Fischer-Alltag sehe jedoch anders aus. Da werde oft zusammengespannt, der Umgangston sei ein kollegialer, sagen die Fischer. Das Monitoring der Felchenpopulation beispielsweise sei sehr aufwendig und im Alleingang unmöglich zu bewältigen, erklären die Fischspezialisten.

Die Fischerei auf dem Hallwilersee ist in drei Reviere aufgeteilt. Doch: Die Geschichte mit den Revieren ist so eine Sache. Martin Fischer legt eine Karte vom Hallwilersee auf den Tisch. Hier sind Territorien zwar deutlich eingezeichnet. Doch auf dem See gibt es keine Abschrankungen, welche die Sektoren optisch voneinander abtrennen. So sei es kaum zu vermeiden, dass man dann und wann in «fremden Gewässern» fische. Martin Fischer lacht. «Wir sehen das nicht so eng», gibt er sich einvernehmlich, und die andern nicken.

Untersuchung brachte ernüchternde Resultate

Die Erträge sind rückläufig: «Pro Jahr ziehen wir total rund 45'000 Felchen aus dem See», sagt Patrick Trautmann. «Das sind rund 9 Tonnen», ergänzt Richard Stadelmann. Diese Zahlen sind weit entfernt von den Spitzenzeiten in den 90er-Jahren, als man ein Mehrfaches erntete.

Nebst Felchen zappeln in den Netzen der Hallwilersee-Fischer zwischendurch auch der Hecht, das Egli, der Wels und die Seeforelle. Die Fischer betonen jedoch, dass im Hallwilersee kaum mehr ein nennenswerter Fang möglich wäre ohne den grossen Aufwand, der zum Erhalt der Fischpopulation betrieben wird.

Zu diesem Ergebnis hat auch eine Untersuchung geführt, die von 2014 bis 2017 in Zusammenarbeit mit dem Kanton (Abteilung Jagd und Fischerei) durchgeführt wurde. Dabei wurden Felchen mit rotem Farbstoff markiert, um sie von den aus natürlicher Fortpflanzung stammenden Tieren aus dem See zu unterscheiden. Die Resultate seien ernüchternd ausgefallen, sagen die Hallwilersee-Fischer: «95 Prozent der Fänge hatten einen ‹roten Kopf›», sagt Trautmann.

Der Felchen ist der Brotfisch im Hallwilersee

Mit der Untersuchung wurde deutlich gemacht, dass sich die Felche im See bis heute nicht natürlich fortpflanzen kann. Die Hintergründe liegen in der starken Überdüngung in der Vergangenheit. «Der einst praktisch tote Hallwilersee – wie auch der benachbarte Baldeggersee im Kanton Luzern – wird seit über 30 Jahren künstlich belüftet, was zu einer wesentlichen Verbesserung der Situation führte», sagen die Fischer. Trotzdem könnten sich die Felcheneier bis heute auf dem Seegrund mangels Sauerstoff nicht erfolgreich entwickeln.

Der Hallwilersee ohne Felchen? Undenkbar. «Die Bedeutung der Felchen im See ist gleichzustellen mit der Bedeutung des Herings im Meer», erklärt Richard Stadelmann. «Der Felchen ist der Brotfisch für Raubfische, Vögel, Würmer und Krebse; ebenso für die rund 700 Sportfischer auf dem Hallwilersee.» Auch für sie sei die «Bale» der meist gefangene Fisch. Und so werden in allen drei Fischereien fleissig Eier aufgezogen, damit auch in Zukunft die für die Biodiversität im See und für das Ökosystem Hallwilersee zentrale Felchenpopulation erhalten werden kann.

Patrick Trautmann führt durch die Brutanlage der Delphin Fischerei. In langen schmalen Gläsern wimmelt und zappelt es, von blossem Auge ist kaum etwas zu erkennen. Es sind Felchen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien; vom befruchteten Ei bis zum wenige Millimeter grossen Jungfisch. «Eine Umwälzungspumpe versorgt die Eier beziehungsweise die Brütlinge laufend mit frischem sauerstoffreichem Seewasser», erklärt Patrick Trautmann. Dann geht es nicht mehr lange, bis die Winzlinge ihren 900'000 Kollegen folgen, die vor wenigen Tagen im Hallwilersee ausgesetzt wurden.

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