Nie stellte der Einwohnerrat am Donnerstag bei seiner engagierten Diskussion um das Familienzentrum die Institution infrage. Im Gegenteil: Die Räte strichen deren Notwendigkeit für die Stadt hervor. Vorstand und Freunde des Familienzentrums hätten in den letzten Jahren des Aufbaus der Institution ungeheuer viel Freiwilligenarbeit geleistet. Daniel Fischer von der GLP sprach von einer beispiellosen Erfolgsstory. «Für viele ist das Zentrum zu einem Anker in ihrem Leben geworden.»

Trotz Erfolg fehlt es dem Trägerverein an Geld. Er schafft es nicht, Geld für erforderliche Sanierungen des Hauses am Walkeweg beiseitezulegen oder Kapital zu bilden. Deshalb klopfte er beim Stadtrat an und bat um finanzielle Hilfe. Was dieser ablehnte. Er stellte dem Einwohnerrat den Antrag, die geforderten jährlich wiederkehrenden 40 000 Franken an die Personalkosten für die Betriebsführung sowie einen einmaligen Investitionsbeitrag von 50 000 Franken abzulehnen.

Dieses Ansinnen hiessen die Räte nicht gut. Vielmehr stimmten sie dem Kompromiss-Antrag der GLP mit 22 zu 10 Stimmen zu, den Betriebsbeitrag von 40 000 Franken auf zwei Jahre zu beschränken. Nach dieser Zeit soll das Familienzentrum Rechenschaft ablegen und der Rat erneut über die finanzielle Hilfe abstimmen.

Ausserdem darf das Familienzentrum mit dem Investitionsbeitrag von 50 000 Franken rechnen. Das Geld soll für ein neues Dach am Haus am Walkeweg verwendet werden.

Einige Einwohnerräte sprachen von fehlender finanzieller Transparenz im Familienzentrum. «Wie sieht es mit Sponsorengeldern aus?», lautete die meistgestellte Frage. Daniel Frey (EVP) empfahl dem Trägerverein, die Ein- und Ausgabestruktur vermehrt zu beachten. «Das Familienzentrum wurde Opfer seines eigenen Erfolgs.»

Michael Häuselmann (SVP) fragte sich, ob Struktur, Gebühren, Einnahmequellen und Angebot im Familienzentrum stimmen. Auch spielte er auf das grosse Angebot der familienergänzenden Betreuung in Lenzburg an. «Benötigen die Kinder immer mehr davon oder nutzen sie es einfach, weil es vorhanden ist?» Zur Freiwilligenarbeit, die das Zentrum leistet, meinten er und weitere Räte, dass auch andere Einrichtungen in der Stadt kostenlos arbeiteten.

Man dürfe nicht mit der linken Hand kaputtmachen, was mit der rechten Hand erschaffen worden sei, sagte Marianne Tribaldos (CVP). «Davon sind wir nicht weit entfernt, wenn das Familienzentrum kein Geld mehr hat», warnte sie.

Sabine Sutter, ebenfalls CVP und Mitinitiantin des Familienzentrums, sagte, andere soziale Einrichtungen in Lenzburg würden ebenfalls unterstützt. Solche Vergleiche hörten die Räte ungern. «Wir dürfen Äpfel und Birnen nicht leichtsinnig miteinander vergleichen. Damit spritzen wir Gift», sagte Jürg Haller (FDP).

Die Lenzburger müssen im nächsten Jahr nicht mehr Steuern zahlen: Bei der Budgetberatung im Einwohnerrat blieb die GLP-Fraktion mit ihrem Antrag auf eine Steuerfusserhöhung von 108 auf 111 Prozent allein auf weiter Flur. In der vorgängigen Diskussion hatten verschiedene Einwohnerräte ihrem Unmut über den wachsenden Personalbestand Luft verschafft.

«Von einem strukturell bedingten Defizit kann keine Rede sein», stellte Marcel Spörri (EVP) als Präsident der Geschäftsprüfungs- und Finanzkommission (GPFK) in der Eintretensdebatte fest. Die Stadt erwirtschafte auch im nächsten Jahr einen Ertragsüberschuss, hielt er fest. Dass dieser nicht für alle geplanten Investitionen reiche, hänge mit der Höhe der Investitionen zusammen: «Schulbauten kosten nun mal viel Geld, sind aber die beste Investition in die Standortattraktivität.»

Während sich Lea Grossmann (FDP) über die neuerliche Nicht-Senkung des Steuerfusses «sehr enttäuscht» zeigte, zeigte Michael Häusermann (SVP) auf, wieso die laufenden Ausgaben immer wachsen: «Seit sieben Jahren geht der Stellenplan immer nach oben.» Diesmal seien ihm die 120 zusätzlichen Stellenprozente bei der Bauverwaltung «ins Auge gesprungen». Da in absehbarer Zeit mit einer Abkühlung des gegenwärtigen Planungs- und Baubooms zu rechnen sei, verlangte Häusermann die Befristung dieser Aufstockung auf vier Jahre. Nicht zuletzt nach dem Hinweis von Stadtammann Daniel Mosimann, dass die Stadt auch künftig «gute Dienstleistungen erbringen» wolle, wurde der SVP-Antrag mit 11 Ja zu 17 Nein abgelehnt.

Rigoroser legten sich die Grünliberalen ins Zeug. Martin Geissmann stellte den Antrag, den Personalbestand der Stadt auf dem Niveau von 2014 «einzufrieren». Als Alternative sei der Steuerfuss auf 111 Prozent anzuheben. Beide GLP-Anträge vereinten jeweils nur die vier eigenen Stimmen auf sich. Das Budget des Stadtrates, über das das Volk im November ebenfalls abzustimmen hat, wurde mit 28 zu 5 gutgeheissen.

Bei der Detailberatung erlaubte sich GPFK-Präsident Spörri angesichts der um 50 Prozent angehobenen Aufstockung der Beiträge an Kinderkrippen eine persönliche Anmerkung: «Ich beobachte mit Sorge, dass jene Familien, die sich dafür entscheiden, ihre Kinder selber zu betreuen und dem Staat nicht auf der Tasche sitzen, immer mehr benachteiligt werden.» Dass der Stadtrat hier Familien mit einem Einkommen bis 130 000 Franken unterstütze, sei «doch sehr grosszügig».