Geschichte
Für diese englische Adelsdame wurde aus der Lenzburger Burg ein Schloss

Mit Lady Mildred kamen der englische Hochadel sowie elektrisches Licht und eine Zentralheizung auf Schloss Lenzburg. Ihre Familie pflegte Kontakte zum englischen Königshaus.

Janine Gloor
Merken
Drucken
Teilen
Lady Mildred Marion Bowes-Lyon brachte den englischen Hochadel nach Lenzburg.

Lady Mildred Marion Bowes-Lyon brachte den englischen Hochadel nach Lenzburg.

zvg

Lady Mildred Marion Bowes-Lyon war es gewohnt, in einem Schloss zu wohnen. Die Tochter eines schottischen Grafen kam 1868 im Glamis Castle zur Welt. Als Lady Mildreds Mann Augustus Edward Jessup 1893 die Lenzburg kaufte, dürfte die adlige Gattin wenig beeindruckt gewesen sein. Im Gegenteil. «Damals hat das Schloss keinen guten Eindruck gemacht», sagt Geschichtsvermittlerin Angela Dettling. Der Südturm war zerfallen, das Schloss drohte zur Ruine zu werden.

Jessup investierte viel Geld in die Restauration. Damit seine Frau standesgemäss wohnen konnte, wurden elektrisches Licht und eine Zentralheizung eingebaut. Doch allzu luxuriös darf man sich die Verhältnisse kurz vor der Jahrhundertwende nicht vorstellen. «Das Schloss war und ist sehr zugig, der Wind pfeift durch die Fensterritzen», sagt Dettling.

Schloss Lenzburg

Schloss Lenzburg

Zur Verfügung gestellt

Die Historikerin beschäftigt sich schon seit mehreren Jahren mit Lady Mildred Marion. Seite für Seite durchforscht sie das Tagebuchs von Mildreds Vater, um mehr über das Leben der Lady herauszufinden. «Der Graf hat sein Leben lang jeden Tag einen Eintrag gemacht.» Chronologisch hielt er fest, wer gerade zu Besuch war, ob es regnete oder die Sonne schien und von wem er Post erhalten hatte. Mit viel Geduld hat Dettling so einiges über Lady Mildred erfahren. «Sie schien schon als Kind an einer Atemwegserkrankung zu leiden», sagt Dettling.

Solche Necessaires hatte der Hochadel zu dieser Zeit auf den Reisen mit dabei

Solche Necessaires hatte der Hochadel zu dieser Zeit auf den Reisen mit dabei

AZ

Den Winter verbrachte Lady Mildred vielleicht auch aus diesem Grund nicht auf der kalten Lenzburg, sondern im Ferienhaus ihres Mannes an der französischen Riviera oder im italienischen Bordighera. Überhaupt reiste sie viel herum, für eine Frau von ihrem Stand war das jedoch nichts aussergewöhnliches. «Lady Mildred war sehr verbunden mit ihrer Familie», erzählt Angela Dettling. Die Familienmitglieder besuchten sich gegenseitig oder trafen sich im Süden.

«Und wenn die Anreise schon so viel Zeit in Anspruch nahm, blieb man gleich ein paar Wochen.» Auch waren die Bowes-Lyons des Öfteren in Lenzburg zu Besuch, selbst wenn Mildred gar nicht zu Hause war. «Habe mich entschieden, den Goffersberg zu kaufen», schrieb Mildreds Vater in sein Tagebuch. Aus welchen Gründen es offensichtlich nie zu dieser Transaktion gekommen ist, notierte er nicht.

Verbindung zum Königshaus

Die Familie Bowes-Lyon gehört zum alten englischen Adel. Schon einmal hatte ein Mitglied in die Königsfamilie eingeheiratet, man kämpfte in Kriegen für den Hof. Gekrönt wurde diese Verbindung, als Mildreds Nichte König George VI heiratete. Sie hiess Elizabeth und war die Mutter der heutigen Queen. Doch die königliche Heirat fand mehr als zwanzig Jahre nach Mildreds Tod statt.

Kabinettsausstellung Serviertablett mit Glamis Castle, Lady Mildreds Geburtsort.

Kabinettsausstellung Serviertablett mit Glamis Castle, Lady Mildreds Geburtsort.

AZ

Über Lady Mildreds Charakter verrät das Tagebuch nicht viel. Am Markt im Städtli hat sie vermutlich nicht eingekauft. «Sie ist vielleicht mit der Kutsche durch die Stadt gefahren», vermutet Angela Dettling. Mildred verkehrte in ihren Kreisen, wie es sich für eine Lady ziemte. Mit einem englischen Colonel, der auf Schloss Wildegg lebte, wurden Einladungen zum Zmittag ausgetauscht. Angela Dettling vermutet, dass Lady Mildred eine zuverlässige Frau gewesen war. Sehr eng verbunden mit ihrer Familie. Auch die Ehe mit ihrem Mann sei eine glückliche gewesen. Geld war genug vorhanden, sodass die Eheleute sich den schönen Künsten widmen konnten.

Eine Oper komponiert

Diese Interessen gipfelten in einer gemeinsamen Oper. Lady Mildred, aus einer sehr musikalischen Familie stammend, komponierte die Musik, Jessup dichtete den Text. Die Oper heisst Ethelinda und wurde in Florenz uraufgeführt. Zuerst anonym, nach einigen Aufführungen bekannte sich die Lady zu ihrem Werk.

Immer wieder machte Lady Mildred ihre Gesundheit zu schaffen. Im Frühsommer 1897 erholte sie sich an der Wärme im Ferienhaus in Frankreich. «Mildred geht es wieder besser», schrieb ihr Vater in sein Tagebuch. Doch kurz darauf verstarb seine Tochter unerwartet. Lady Mildred wurde nur 28 Jahre alt. In der Dauerausstellung im Wohnmuseum sind drei Zimmer aus Lady Mildreds Zeit im überlieferten Zustand restauriert worden.

In der Kabinettausstellung auf dem Schloss sind verschiedene Gegenstände aus ihrem persönlichen Besitz ausgestellt. Doch abgesehen davon ist nicht viel übrig geblieben. Die Oper ist verschollen. Ein Royal hat sogar nach ihr gesucht. «Prinz Charles hat sich für die Oper interessiert, das ganze Stück wurde aber nie gefunden», sagt Angela Dettling. Mildreds letzter Nachfahre wurde im Zweiten Weltkrieg vom Himmel geschossen.

Doch Dettling hat noch nicht aufgegeben. «Ich bin überzeugt, dass Mildred ebenfalls ein Tagebuch geschrieben hat.» Wie gern hätte sie es in den Händen, um das Bild dieser aussergewöhnlichen Frau zu vervollständigen. Dettling fährt bald wieder nach Schottland, um weiterzuforschen. «Wenn ich dieses Tagebuch finden würde...» Sie macht eine Pause. «Das wäre ein Höhepunkt in meiner Arbeit.»