Seetal
Fuchskrankheit hält die Jagdaufseher auf Trab

Die Jagdaufseher im Kanton Aargau sind machtlos: Die hochansteckende Räude führt zum Massensterben der Füchse und bedroht auch die Haustiere.

Sebastian Wendel
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Die Jagdaufseher im Kanton Aargau müssen tatenlos zusehen. Im Kampf gegen die momentan stark grassierende Fuchsräude (die az Aargauer Zeitung berichtete) kommt ihnen das Jagdverbot, welches wegen der Paarungs- und Wurfzeit der Tiere seit Anfang März bis zum 16. Juni gilt, gänzlich ungelegen. Kranke Füchse dringen weiter als ihre gesunden Artgenossen in die Quartiere ein, um an Nahrung zu gelangen. Dort sind sie wegen des immens hohen Ansteckungsrisikos der Räude eine Gefahr für Hunde und Katzen.

«Leider machen es die Menschen den Tieren zu einfach, indem sie die Fresströge ihrer Haustiere, Abfallsäcke oder Lebensmittel im Freien stehen lassen», sagt Jagdaufseher Samuel Häusermann, «ich habe sogar schon gesehen, dass Füchse im Wohnzimmer gefüttert werden.»

Die Jäger dürfen während der Schonzeit nur jene Tiere schiessen, die eindeutig als räudig identifiziert werden. Laut den Wildhütern oft ein Ding der Unmöglichkeit, da die Krankheit an den Füchsen nur im Endstadium eindeutig identifizierbar ist. Viele augenscheinlich gesunde, aber bereits von der Krankheit befallene Tiere sind bis zur nächsten Jagdsaison nicht zum Abschuss freigegeben.

Samuel Häusermann ist Jagdaufseher des Seetals, dem «Räude-Hotspot» im Kanton. In der Jagdsaison bis Ende Februar haben er und Heinz Bruder, Revierförster und Jagdleiter in Seengen, jeden Fuchs, der ihnen vor Gewehr oder Pistole kam, erlegt. «Das müssen wir, denn in der Schweiz existiert eine viel zu hohe Fuchspopulation.» Laut Häusermann setzt eine gesunde Population das Tiefhalten des Bestands voraus. Wo zu viele Tiere sind, breiten sich viel eher Seuchen aus. Der Lenzburger bringt es auf den Punkt: «Auf der Fuchsjagd braucht es despektierliche Menschen. Mitleid mit den Tieren ist fehl am Platz.»

Bald meldepflichtige Krankheit?

Die Räude befällt regionale Populationen in einem 5-Jahre-Zyklus und bleibt bis zu 24 Monate. Ende Herbst 2009 trat die Seuche im Aargau wieder auf. Dominik Thiel, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Jagdaufsicht des Kantons Aargau, erinnert sich: «Im darauffolgenden Winter erreichten uns von den Jagdaufsehern 31 Räude-Meldungen.» Seit Anfang dieses Jahres indes nur 7. «Nach der anfänglichen Aufregung haben sich die Wildhüter wohl an die Räude gewöhnt und melden nicht mehr jeden Fall», erklärt Thiel. Das müssen sie laut Gesetz auch nicht. Räude steht – im Gegensatz zum Beispiel zur Tollwut – seit den 80er-Jahren nicht mehr auf der Liste meldepflichtiger und auszurottender Krankheiten. Trotzdem fordert die kantonale Jagdaufsicht die lokalen Aufseher regelmässig dazu auf, entsprechende Funde zu melden.

Wegen der Brisanz des Themas lanciert das nationale Institut für Fisch- und Wildtierzucht der Uni Bern in den nächsten Monaten eine schweizweite Umfrage zur Räude. So können laut Thiel besonders stark befallene Gebiete eruiert werden. Sollte die Räude nicht abklingen und sich weiter so rasant ausbreiten, erhalte sie bald einmal den Status «meldepflichtig».

Problem Impfskepsis

Räudige Füchse in Wohnquartieren bedrohen Haustiere. Durch Körperkontakt oder Fuchsexkremente nehmen Hunde und Katzen die Erreger auf. Die Grabmilbe, die die Räude auslöst, gräbt sich unter die Haut und legt Eier ab. Das Fiese an den Grabmilben ist, dass sie wochenlang ohne Wirt überleben können. Fuchsbauten sind nach dem Wegzug des Tieres 20 Tage lang ein Gefahrenherd.

Hunde sind wegen ihrer Verwandtschaft mit den Füchsen am gefährdetsten. Weniger häufig trifft es Hauskatzen. Ein infiziertes Haustier weist Symptome wie Haarausfall, Verkrustungen oder übermässige Verhornung auf.

«Wenn die Räude rechtzeitig erkannt wird, besteht für Haustiere keine Lebensgefahr», sagt Patrick Preisig, stellvertretender Kantonstierarzt im Aargau. Mit einer gängigen Parasitenbehandlung ist die Räude nach einigen Wochen überstanden. Die Staupe bereitet Preisig mehr Sorgen (siehe kleiner Text links). Von ihr blieb der Kanton Aargau bisher aber weitgehend verschont.

Patrick Preisig empfiehlt zur Vorbeugung die regelmässige Impfung des Tieres. Damit stösst er aber bei vielen Hundehaltern auf taube Ohren. «Die Skepsis wegen allfälliger Nebenwirkungen der Impfung ist gross. Viele Halter lassen erst impfen, wenn die Räude ihr Tier schon einmal befallen hat.» Laut Preisig kursieren zur Impfung etliche Pro- und Kontra-Theorien, aber leider habe keine davon bisher zu einer Impfpflicht geführt.

Räude kann auch helfen

Jagdaufseher Samuel Häusermann bezeichnet die Räude als reine Bedrohung für Wild- und Haustiere. «Der Wildhüter will eine gesunde Population.» Diese Ansicht teilt Patrick Preisig nur bedingt. Die Räude habe auch einen helfenden Charakter. «Das Massensterben hilft zusätzlich zur Fuchsjagd, die Population im Zaum zu halten.» In einem Punkt sind sich Tierarzt Patrick Preisig und Jagdaufseher Samuel Häusermann aber einig: In erster Linie liegt es am Menschen, die Ausbreitung der Räude zu bremsen.