Lenzburg
Früher Flüchtling, heute leitet der Syrer die städtischen Wasseranlagen

Der Syrer Maykel war wenige Monate alt, als seine Familie in die Schweiz flüchtete. Heute leitet der 29-Jährige die Wasseranlagen der SWL Energie AG in Lenzburg. Fast hätte die Familie Hanna die Schweiz aber wieder verlassen müssen.

Ruth Steiner
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Der ehemalige syrische Flüchtling und Aramäer Maykel Hanna arbeitet heute bei der SWL Energie AG.

Der ehemalige syrische Flüchtling und Aramäer Maykel Hanna arbeitet heute bei der SWL Energie AG.

Mario Heller

Die anhaltende Hitzewelle macht auch Brunnenmeister Maykel Hanna zu schaffen. Und das im wahrsten Sinn des Wortes. Als Leiter «Anlagen» bei der SWL Energie AG ist er verantwortlich, dass aus den Lenzburger (und den am Netz ebenfalls angeschlossenen Niederlenzer und Wohler) Wasserhahnen jederzeit genügend kühles Nass fliesst.

Asylunterkunft Doktor-Meyer-Haus

Das der Stadt Lenzburg zugeteilte Kontingent Asylsuchender beträgt derzeit 18 Personen. Bisher konnten nur neun untergebracht werden. Wie der Stadtrat vor kurzem mitteilte, will man nun zwei Wohnungen im Doktor-Meyer-Haus an der Niederlenzerstrasse herrichten lassen, um weitere Flüchtlinge aufzunehmen. In den letzten Jahren waren die Räume als Notzimmer in Gebrauch gewesen.

Wohl nicht mehr überall bekannt sein dürfte, dass bereits früher in genau diesem Haus asylsuchenden Menschen Wohnungen zur Verfügung gestellt wurden. So war auch Familie Hanna 1987 die erste Zeit in Lenzburg hier einquartiert. (str)

Und davon braucht es bei den aktuellen Temperaturen viel, sehr viel. Maykel Hanna rechnet vor: «Normalerweise werden etwa 4 Millionen Liter benötigt. Derzeit fördern wir etwa die doppelte Wassermenge.» Noch konzentrierter als sonst gleitet Hannas Blick über die Bildschirme mit dem weitverzweigten Wassernetz der Stadt Lenzburg.

Maykel Hanna ist 29 Jahre alt. Die schwarzen Haare, die dunklen Augen und der bronzefarbene Teint weisen auf seine arabische Abstammung hin. Von Geburt an bestand für den Syrer jedoch wenig Hoffnung auf eine Zukunft im Nahen Osten. Schuld daran ist der christliche Glaube der Familie Hanna. Die Aramäer, denen die Familie angehört, waren einst die grösste Glaubensgemeinschaft im Nahen Osten. Grenzenlose Massaker und Glaubenskriege haben sie über Jahrhunderte hinweg arg dezimiert. Wer sich einer Islamisierung verweigert, wird auch heute noch radikal verfolgt. Diesem Schicksal habe auch seine Familie nicht entrinnen können, erzählt Maykel.

Mit Schlepper in die Schweiz

So kam es, dass er 1987 als wenige Monate altes Baby in einer Tragtasche in Vaters Armen in die Schweiz fliehen musste. Dem Schlepper, der die Familie mit vier kleinen Kindern und Baby Maykel zu Fuss über die Alpen lotste, habe Vater Touma 2000 Dollar bezahlen müssen. Schliesslich ist die Familie in Lenzburg gestrandet. Und hat hier Wurzeln geschlagen.

Vater Touma, heute 75 Jahre alt, ist stolz auf seine fünf Söhne. Aus allen sei etwas geworden. «Alle haben eine Arbeit.» Arbeiten sei wichtig und «gut für den Kopf», sagt der immer noch überaus vitale Mann. Der Pensionär ist zum Hobbygärtner geworden, der im Garten des Vierfamilienhauses, wo er heute mit seiner Frau wohnt, allerlei Gemüse anpflanzt für die eigene Familie und für andere. Regelmässig werden Salatköpfe, Gurken, Tomaten und Bohnen grosszügig verschenkt.

Der Wegweisung entronnen

«Wir sind dankbar, dass wir in diesem Land sein dürfen», sagt Vater Touma bescheiden. «Wir haben viel bekommen von den Leuten hier, jetzt können wir etwas zurückgeben. Tatsächlich war lange Zeit ungewiss, ob die Schweiz Familie Hanna Asyl gewähren wird. Vier Jahre lang hing das Damoklesschwert einer Ausschaffung über ihren Köpfen. Dabei waren sie in Lenzburg längst sesshaft geworden. Die grösseren Kinder gingen zur Schule, klein Maykel freute sich auf den Kindergarten. Täglich fuhr Vater Touma bei Wind und Wetter mit dem Puch-Töffli nach Birmensdorf ins Mövenpick zur Arbeit. Um die Familie durchzubringen, sagt er. Touma Hanna ist ein stolzer Mann. Seinen Söhnen hat er Disziplin, Bescheidenheit und Dankbarkeit als Tugenden mit auf den Weg gegeben.

Dann kam der Brief aus Bern mit der niederschmetternden Nachricht: Das Gesuch um Asyl war abgelehnt worden. Aber das Verdikt aus Bundesbern wurde in Lenzburg nicht einfach hingenommen. Es habe eine unglaubliche Welle von Solidarität mit seiner Familie ausgelöst, erzählt Maykel. Der Entscheid wurde gekippt, dank einer Petition mit 1800 Unterschriften und der Unterstützung humanitärer Stellen durften Hannas bleiben. Noch heute sei man miteinander freundschaftlich verbunden, heisst es aus Kreisen, die sich damals für die 7-köpfige Familie stark gemacht haben.

Karriere in der Freizeit

Und Maykel? Während der Schulzeit ist er seinen älteren Brüdern dem runden Leder nachgejagt, hat viel freie Zeit im Fussball-Klub verbracht. Mit der Zeit allerdings schielte er auf dem Feld immer mehr auf den Schiedsrichter. «Über das Spiel zu wachen, zu schauen, dass alles in geordneten Bahnen verläuft, das hat mir imponiert», erinnert er sich. Maykel Hanna tauschte die Fussballschuhe mit leichten Laufschuhen, wurde Schiedsrichter und pfiff Spiele bis in die 1. Liga.

Die Freizeitkarriere wurde dann gebremst durch die berufliche Weiterbildung. Der gelernte Sanitär-Installateur, seit acht Jahren bei der SWL Energie AG, wo er Rohrnetze montierte, drückte nochmals die Schulbank und liess sich zum Brunnenmeister ausbilden. «Wasser hat eine lebenswichtige Bedeutung», sagt er. «Es dient zur Erfrischung, Erholung, Hygiene, Wellness.» Jetzt ist Hanna Chef über die Lenzburger Wasseranlagen.

Verwurzelt und eingebürgert

Während er erzählt, hat er seine Hände oftmals gefaltet, spricht überlegt. Er sei ein friedliebender Mensch, wünsche sich, dass auch in Syrien endlich wieder Ruhe einkehre. Die Glaubenskriege hätten viel Leid geschaffen, es herrsche grosse Hoffnungslosigkeit, sagt er. Dabei würden viele Flüchtlinge lieber heute als morgen wieder in ihr Heimatland zurückkehren.

Nicht so die Familie Hanna: Sie hat ihre Verwurzelung mit dem neuen Zuhause ganz offiziell gemacht und vor einem Dutzend Jahre den Schweizer Pass beantragt. Und bekommen.