Bezirksgericht Lenzburg

Freund oder Betrüger? Vermögensverwalter hebt 176'000 Franken vom Konto dementer Frau ab

Nach dem Tod der Seniorin flogen die hohen Bezüge auf.

Nach dem Tod der Seniorin flogen die hohen Bezüge auf.

Er hätte das Vermögen einer betagten Frau verwalten sollen. Doch es gibt Ungereimtheiten. Deshalb sass ein Mann vor dem Bezirksgericht.

Es sollte ein Freundschaftsdienst sein: Ein 65-jähriger Berner hat für eine befreundete Familie die Vermögensverwaltung der betagten Mutter übernommen, nachdem bei ihr eine mittelschwere Demenz diagnostiziert worden war. Schon sechs Tage nach Unterzeichnung der Vollmacht hob er von einem Konto 26'000 Franken in bar ab. Es folgten weitere Bargeld-Bezüge, die sich laut Staatsanwaltschaft zu einer mutmasslichen Deliktsumme von 176'535.05 Franken summierten.

Geld, das der frisch pensionierte Versicherungs-Makler für sich selber ausgegeben haben soll. Der Anwalt der Klägerin, der Tochter der inzwischen verstorbenen Seniorin, kommt sogar noch auf eine deutlich höhere Deliktsumme, weil bei Einzahlungen auf eines der involvierten Konti nicht nachgewiesen werden kann, von wem das Geld stammt.

Nach dem Tod der Seniorin flogen die hohen Bezüge auf, 2013 bat der eingeschaltete Anwalt den nun Angeklagten das erste Mal um Unterlagen zur Kontoführung. Über die folgenden Jahre soll er nur einmal einige Unterlagen offengelegt haben, weshalb es schliesslich zur Anzeige kam. Nun musste sich der Besitzer von drei Immobilien – im Suhrental und in der Innerschweiz – vor dem Bezirksgericht Lenzburg verantworten. Und die Verhandlung gestaltete sich schwierig, denn der Angeklagte kann für die Bargeldbezüge nicht nachweisen, dass er das Geld im Sinne der Besitzerin eingesetzt hat – und die Anklage kann eine Veruntreuung ebenfalls nicht nachweisen.

Der Angeklagte behauptet, mit dem Geld Mittagessen mit der Erbgemeinschaft, Ausflüge mit der betagten Frau und die Renovation ihres ehemaligen Hauses finanziert zu haben. Dieses wurde für 300 000 Franken an eine Tochter verkauft. Der Angeklagte will mit dem sechsstelligen Betrag, den er veruntreut haben soll, etwa Handwerkern «Benzin-» und «Mittagsgeld» bar in die Hand gedrückt haben. Quittungen gibt es keine, eben so wenig eine Buchführung.

«Em Müeti sollte es ja gut gehen»

Die Käuferin des Hauses war als Zeugin am Prozess anwesend, war aber unvorbereitet und konnte kaum eine Frage schlüssig beantworten. Nur eines wusste sie sicher: Die Handwerker, die will sie selber bezahlt haben. Doch auch hier wird es für das Gericht schwierig: Denn der vereinbarte Kaufpreis für das Haus über 300 000 Franken ist nie vollständig überwiesen worden, es fehlen 60 000 Franken.

Weiter ging es auch um verschiedene Einzahlungen für die Kosten des Alters- und Pflegeheims, in dem das mutmassliche Opfer gewohnt hat. In den Unterlagen der Banken ist nicht mehr nachvollziehbar, wer das Geld überwiesen hat. Der Angeklagte stützt sich auf Poststempel aus Schöftland, seinem damaligen Lebensmittelpunkt: «Das kann ja nur ich gewesen sein», meint er.

Darüber hinaus war er zum Zeitpunkt der Geldbezüge verschuldet. Sein Verteidiger versuchte, dieses mögliche Motiv damit zu entkräften, das der Beschuldigte als Besitzer von drei Immobilien gewiss auch auf andere Art und Weise hätte Geld beschaffen können, etwa über eine zusätzliche Hypothek. Allerdings tat dieser seinem Anwalt mit nonchalanten («Em Müeti sollte es ja gut gehen», «Jetzt hani kä Luscht me») und oft widersprüchlichen Aussagen keinen Dienst. Und selbst substanzielle Beträge wie sein eigenes Einkommen, seine Schulden und den Wert seiner Immobilien konnte er nur vage benennen.

Die hohen Bargeld-Bezüge haben zudem lange vor der angeblich finanzierten Renovation begonnen. Und: Der Versicherungsmakler gab sich gegenüber den Banken als «Allfinanz-Broker» aus. Bei den Finanzinstituten entstand dadurch der Eindruck, es handle sich um einen Treuhänder. Die Verteidigung suchte diese Auffälligkeit kleinzureden: Der Angeklagte sei ja «Broker», Versicherungs-Broker eben. Darauf, zu erklären, was der Begriff «Finanz» in der Selbstbezeichnung verloren hat, verzichtete sie allerdings. Da er kein professioneller Treuhänder sei, habe er auch keine Belegpflicht, womit sich die Sache ohnehin erübrigt habe: in dubio pro reo. Der Fall blieb bis zuletzt knifflig. Das Urteil wird in den nächsten Tagen schriftlich eröffnet.

Autor

Michael Küng

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