Lenzburg

Freischaren werfen die Flinten nicht ins Korn

Die Lenzbruger Freischaren werfen ob der Waffeninitiative ihre Flinten nicht ins Korn. Foto: HH

Die Lenzbruger Freischaren werfen ob der Waffeninitiative ihre Flinten nicht ins Korn. Foto: HH

Das Jugendfest-Brauchtum mit Freischaren-Manöver wird trotz der Waffeninitiative (über)leben. Davon ist deren Präsident überzeugt. Auch vor einer drohenden Anti-Messer-Initiative ist ihm nicht Bange.

Wie auch die Volksabstimmung über die Waffeninitiative herauskommt: Das Lenzburger Jugendfest-Brauchtum mit dem einzigartigen Freischaren-Manöver wird so oder so überleben. Das erklärt die selbstbewusste Freischaren-Generalität nach Abwägung aller Risiken und Nebenwirkungen, welche die Volksinitiative «Für den Schutz vor Waffengewalt» für die Bewahrer der seit 158 Jahren gepflegten Tradition mit sich bringt.

«Wenn die Waffeninitiative angenommen wird, müssen wir uns selbstverständlich auf die veränderten Verhältnisse und Bedingungen einstellen», erklärt General Urs F. Meier cool. Für einmal keine der für die Freischaren sonst typisch vollmundigen Floskeln. Für die Zuversicht der Führungsriege spricht die bisherige Praxis, welche den Forderungen der Initiantinnen bereits weitgehend entspricht. Und das sind die Fakten:

Gut ausgebildetes Kadettenkorps

Das aus jugendlichen Freiwilligen rekrutierte Kadettenkorps mit über 200 Schülerinnen und Schülern wird von der Freischaren-Commission ausgerüstet, bewaffnet und in mehreren Übungen durch Instruktoren ausgebildet. Das Kadettengewehr Ordonnanz 1897, hergestellt von der Eidgenössischen Waffenfabrik Bern, ist seinerzeit speziell «für die soldatische Ausbildung von Schülern und Jugendlichen» geschaffen worden.

Damit können nur Einzelschüsse mit Markiermunition der Armee abgegeben werden, was viel Schall und Rauch verursacht, wie es zum Drehbuch des «Lenzburger Landschaftstheaters» gehört. Es wird notabene im «Gefecht» prinzipiell von beiden Seiten nur in die Luft geschossen und nicht auf Menschen gezielt. Die etwa 250 Kadettengewehre werden im Arsenal Ost sicher aufbewahrt und gewartet.

Freischaren mit Vorbildung

Die schätzungsweise 500 Freischaren setzen sich vor allem aus ehemaligen Kadetten mit entsprechender Waffenschulung zusammen, welche die Seite gewechselt haben. Der noch junge Zug der Flintenweiber rekrutiert sich ebenfalls aus ehemaligen Kadetten mit Vorbildung.

Die übrigen Erwachsenen, davon darf man ausgehen, sind militärisch gedrillt und sind das Waffenhandwerk gewohnt. Auch die Freischaren werden von der Commission ausgerüstet, und zwar mit historischen Langgewehren und Karabinern Ordonnanz 1911. In diese Flinten werden ebenfalls nur Markierpatronen abgespitzt. Die etwa 500 Schiesseisen sind ebenfalls gesichert im Arsenal Ost der Freischaren-Commission aufbewahrt.

Einzelne Freischaren rücken mit der persönlichen Waffe ein, welche allerdings den offiziellen historischen Typen entsprechen müssen. Für die Instruktion, die Waffenschulung und die Sicherheitsvorschriften sorgen die jeweiligen Zugführer mit strenger Zucht und Ordnung – auch wenn es im spektakulären Schau-Spiel dann anders wirkt.

Tradition bleibt erhalten

Das Fazit von Freischaren-Präsident Martin Steinmann: «Unter einem möglichen neuen Regime sind wir ohne weiteres in der Lage, die gesetzlichen Auflagen zu erfüllen und damit die über hundert Jahre alte Tradition zu erhalten.» Und wenn das bereits angedrohte Messer-Tragverbot im Ausgang verschärft wird? «Dann müssten die honorablen Freischarengeneräle und das stolze Kadettenkader halt ohne Säbel, Hieb- und Stichwaffen ins Landschaftstheater ziehen», schmunzelt Steinmann zum nächsten «Damoklesschwert», das drohend über der Freischaren-Tradition schwebt.

Gewandmeisterin ohne Winterschlaf

Um im Manöver «schöne Bilder zu malen», müssen alle zwei Jahre nebst den 250 Kadetten-Blusen für die gegen 500 Freischaren und Marketenderinnen schmucke historische Uniformen und kunterbunte Kostüme bereitgestellt werden.

Nachdem letztes Jahr der Kostümverleih Heinrich Baumgartner AG in Luzern die Tore geschlossen hat, sah sich die Freischaren-Commission vor die Herausforderung gestellt, selber für den textilen Fundus zu sorgen. Um das Brauchtum sicherzustellen, wurde kurzerhand ein Kontingent von rund 300 Kleidungsstücken aufgekauft, damit weiterhin Sonderbunds-Monturen, Guiden französischer Könige, Janitscharen, Monegassen, Andalusier, Schotten, Tiroler, Tongaer und andere exotische Söldner nebst den aus eigenen Beständen eingekleideten Indianern, Herolden, musikalischen DDR-Matrosen, Beduinen und Marketenderinnen das Spielfeld auf der Schützenmatte bevölkern. Die Investition für die Kleidungsstücke beläuft sich auf 100000 Franken. Grund genug, dem textilen Arsenal gehörig Sorge zu tragen.

Das neu geschaffene Amt der professionellen Gewandmeisterin für die Hege und Pflege hat Sabina Stöckli übernommen. Nachdem die insgesamt gegen 600 Gewänder nach dem Jugendfest 2010 in der Mühlematt-Turnhalle eingelagert waren, ist sie mit ihrem Team Susanne und Claudia Buri, Kathrin Bumann und Marianne Steinmann diesen Winter daran, jedes einzelne Kleidungsstück zu prüfen und wenn nötig zu reparieren: «Das Gefecht hat Spuren hinterlassen, auch sind die Männer heute stattlicher als früher, was die Wämser aus den Nähten platzen lässt.»

Die Einzelteile werden ausgemessen, fotografiert, katalogisiert und die Liste computerisiert, damit 2012 jeder Teilnehmer ein «massgeschneidertes» Kostüm fassen kann. Nach der chemischen Reinigung bei Jürg Randon werden sie dann in der Zivilschutzanlage der Berufsschule eingelagert. Bisher haben die Gewandfrauen 120 Stunden investiert.

Die Generalität hält dazu fest: «Wir sind im Gegensatz zur angeblich besten Armee der Welt in der Lage, Freund und Feind ohne Ausnahme auszurüsten und auszubilden.» Die Freischaren werfen die Flinten nicht ins Korn.

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