Schloss Lenzburg

Frauen wurden gefoltert und hingerichtet

Totenschädel in der Ausstellung. Fotos: Pascal Meier/Museum Aargau

Totenschädel in der Ausstellung. Fotos: Pascal Meier/Museum Aargau

An der Vernissage «Zuo Lentzburg gerichtet» wurde auch die Rechtsprechung des Berner Aargaus beleuchtet. Besonders Frauen hatten wenig zu lachen. Der Hexerei bezichtigt, landeten sie auf dem Scheiterhaufen oder wurden wegen Kindsmord hingerichtet.

Elsi Achermann hat nichts mehr zu verlieren. «Sie lassen mich elendiglich versäufen», wehklagt sie. Der szenische Auftakt an der Vernissage vom Donnerstagabend zeigt, was 1595 wirklich geschah: Elsi Achermann wird im Aabach ertränkt, weil sie sechs Kinder aus dubiosen Bekanntschaften hatte. Im Schlossgefängnis wird sie so lange gefoltert, bis sie ihre Unzucht und blutschänderische Beziehungen gesteht.

Andere Frauen erlitten ähnliche Schicksale. Der Hexerei bezichtigt, landeten sie auf dem Scheiterhaufen oder wurden wegen Kindsmord hingerichtet.

Blutige Berner Zeit. War sie wirklich so blutig? Dieser Frage ging Martin Killias, Professor für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie aus Lenzburg in seinem Vortrag unter anderem nach. Es sei enthauptet, gehängt, gerädert, ertränkt oder verbrannt worden. «Und dies öffentlich als makabres Schauspiel für eine grosse Menschenmenge. Killias relativiert jedoch: «Zwischen 1560 und 1580 wurden auf 10000 Einwohner berechnet durchschnittlich 2 Menschen hingerichtet.»

Knaben auf dem Scheiterhaufen

Vergleiche zu heute können natürlich nicht mehr gezogen werden. Die Rate der vollzogenen Todesurteile liege Killias zufolge aber deutlich tiefer als die Rate der Personen, die heute im Gefängnis landen. «Auf 10000 Einwohner kommen heute in Europa 15 bis 20 Personen, die zu einer unbedingten Freiheitsstrafe verurteilt werden.» Ins Gefängnis geht heute, wer entweder vorbestraft ist oder eine schwere Tat begangen hat.» In solchen Fällen wurde früher die Todesstrafe verhängt. «Es spricht vieles dafür, dass wir heute unvergleichlich mehr Leute bestrafen als vor 1800, diese aber weniger schlimmen Strafen unterwerfen.» Früher seien die Strafverfahren ineffizienter und selektiver gewesen als heute. «Wehe aber jenen, die es erwischte.»

Martin Killias sprach die Rolle der Frauen im Strafrecht an. Im Berner Aargau war unter den Hingerichteten jede vierte Person eine Frau. Hexerei und Kindstötung waren die häufigsten Todesurteile. Doch landeten nicht nur Frauen auf dem Scheiterhaufen: Oft seien junge Knaben, die homosexuell waren oder geschlechtlichen Verkehr mit Tieren hatten, verbrannt worden.

Historikerin Elisabeth Joris aus Zürich öffnete weitere Türen zum düsteren Frauenkapitel: Ein selbstständiges Leben für Frauen sei bis weit ins 20. Jahrhundert nicht in Betracht gekommen. Ihre Existenz war bedingt durch wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit, sagte Joris. «Bei ausserehelichen Sexualbeziehungen mit oder ohne Kinder verlor die Frau die Ehre, nicht aber der Verführer. Frauen wurden weggewiesen, Männer kaum.» Frauen der Oberschicht hatten es leichter. Sie galten als tugendhaft – auch wenn sie im Versteckten Abtreibungen vornahmen.

Statt Disputation Blumen

Der Leiter der kantonalen Abteilung Kultur Hans Ulrich Glarner hätte den beiden Referenten noch lange zuhören mögen. Gar wünschte er sich eine «Disputation mit Publikumsurteil».

Doch reichte die Zeit gerade aus, um den beiden einen Blumenstrauss zu überreichen. Das Ensemble Pablo umrahmte die Vernissage musikalisch.

Danach war die Ausstellung «Zuo Lentzburg gerichtet» offen. Ein Zeitstrahl zu den Themen Todesstrafe, Folter und Delikte führt bis zur Rechtspraxis des 21.Jahrhunderts. Gänsehaut bereitet die Forschungsstation mit Skelettfunden aus einer vor kurzem ausgegrabenen Richtstätte in Lenzburg.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1