«Frauen vor»

Franziska Romana von Hallwyl: Mutige Flucht ins kurze Eheglück

Als Franziska Romana von Hallwyl tritt die Schauspielerin Eleanor Buechler in Erscheinung. alex spichale

Als Franziska Romana von Hallwyl tritt die Schauspielerin Eleanor Buechler in Erscheinung. alex spichale

Serie «Frauen vor» (3): Franziska Romana von Hallwyl, die Aufmüpfige, führte ein abenteuerliches Leben. Sie verliebt sich in Abraham und macht mit ihm einiges durch, um endlich heiraten zu können. Das Glück währt jedoch nur kurz...

Man schreibt das Jahr 1773: Am Hof von Kaiserin Maria Theresia in Wien debütiert die 15-jährige Franziska Romana von Hallwyl, eine – wie es heisst – «der vollendetsten Schönheiten, herrlich gewachsen, der Blick ihrer klaren, blauen Augen ebenso mild wie kräftig und von ungemeiner Innigkeit ...»

Ihr Vater, Franz Anton Graf von Hallwyl, ist kaiserlicher Geheimrat, das Vermögen ihrer Mutter macht Franziska zu einer der reichsten Erbinnen in ganz Wien. Getauft ist sie nach der mittelalterlichen Ordensgründerin Francesca Romana, der Schutzpatronin der Frauen. In einem Stadtpalais hinter dem Stephansdom wächst Franziska Romana zusammen mit einem Stiefbruder und der 15 Jahre älteren Stiefschwester Leopoldine auf, die beide aus der ersten Ehe der Mutter stammen.

Verwandte leben weniger komfortabel

In weitaus weniger komfortablen Verhältnissen leben die Verwandten in der Schweiz. Zwar gehört Johannes von Hallwyl das Stammschloss der Familie, ansonsten ist die Familie aber alles andere als vermögend. Der 1746 geborene Sohn Abraham Johann tritt 16-jährig in ein Berner Regiment in französischen Diensten ein, quittiert nach vier Jahren als Leutnant den Dienst und geht auf Reisen.

Seine früh verwitwete Mutter muss manches Darlehen aufnehmen, um dem Tunichtgut ein standesgemässes Leben zu finanzieren. Als Abraham 1771 in die Heimat zurückkehrt, wird er vom Rat von Bern zum Hauptmann im ersten oberaargauischen Regiment gewählt – und musste gleichentags wegen einer Scheidung vor Gericht erscheinen. Abraham hat mit der Frau eines Hauptmanns ein Kind gezeugt und wurde zu einer zehntägigen Gefängnisstrafe verurteilt, seine Geliebte zu 20 Tagen.

Obwohl ihm jeder weitere Kontakt zu der inzwischen Geschiedenen verboten ist, zeugt er mit ihr ein weiteres Kind. Zurück ins Jahr 1773. Nach der Taufe seiner zweiten Tochter reist Abraham nach Wien – ein Verwandtenbesuch mit ungeahnten Folgen. Franziska Romana verliebt sich auf Anhieb unsterblich in ihren Cousin. Ihr Vater führt Abraham in die Gesellschaft am Hofe ein, wo er und Franziska rasch zum Traumpaar avancieren.

Als Abraham nach mehreren Monaten abgereist ist, merkt Franziska, dass sie schwanger ist, offenbart ihren Eltern aber nur, dass sie Abraham unbedingt heiraten will. Ihre Eltern sind jedoch strikte dagegen: Viel zu arm ist der Vetter aus der Schweiz. Franziska fleht und bettelt vergebens.

Flucht mit vierspänniger Kutsche

Da bleibt nur eins:Flucht! Klammheimlich organisiert die geliebte Halbschwester Leopoldine eine vierspännige Kutsche. Am Abend des 2. Februar 1775 fahren die beiden Schwestern statt zu einer Lichtmess-Andacht in Richtung Schweiz, wo sie sechs Tage später eintreffen, nur wenige Stunden vor ihren Häschern. Die Eltern haben die Flucht der Töchter unverzüglich den kaiserlichen Behörden gemeldet und, da unerlaubte Emigration gegen das Gesetz verstösst, wird von Staates wegen sofort die Verfolgung aufgenommen. In der Schweiz können die Häscher jedoch nicht zugreifen. Als die Eltern der Geflohenen auch auf diplomatischem Weg nichts erreichen, enterben sie ihre beiden Töchter umgehend. Dieser Entscheid wird auch später nie mehr rückgängig gemacht.

Die Schweiz ihrerseits verweigert dem reformierten Abraham eine Heirat mit der katholischen Franziska. Das Paar zieht kurzerhand weiter nach Frankreich und gibt sich am 16. Februar 1775 in der Grafschaft Montbéliard das Ja-Wort. Aber weiteres Ungemach folgt auf dem Fusse: Durch die Ehe mit einer Katholikin verliert Abraham nicht nur seine Berner Land- und Bürgerrechte – auch sein Besitz fällt an die Regierung. Noch im selben Jahr tritt Franziska deshalb zum reformierten Glauben über und alles ist wieder im Lot.

Abraham stirbt mit 33

Ausser ihrer Schwangerschaft: Sie verliert Zwillinge, wird aber rasch erneut guter Hoffnung. Im Januar 1776 kommt Sohn Albrecht zur Welt, im Juli 1777 Karl und im Januar 1778 Gabriel. Knapp zwei Jahre später, am 16. November 1779 stirbt Abraham. Er ist 33, Franziska 21. «Diesen an Verzweiflung grenzenden Jammer habe ich in meinem ganzen Leben nie gesehen und gehört ... Hier war mehr als Schiller und Goethe, mehr als Roman und Trauerspiel; hier war Leben und Wirklichkeit», schilderte Jakob Steinfels, der Pfarrvikar von Seengen, den Zustand von Franziska am Totenbett ihres Mannes.

Fortan trägt Franziska Witwenkleider, 57 Jahre lang, bis zu ihrem Tod. Mehrmals zieht sie eine Rückkehr nach Wien in Erwägung, wohnt zwischendurch bei Freunden – der Familie Usteri in Zürich und der Familie Rothpletz in Aarau. Auf Schloss Hallwyl lebt es sich, nachdem mit der Helvetischen Revolution 1798 die Zehntenpflicht der Bauern endet, mehr schlecht als recht.

Franziska verzichtet auf Adelstitel

Franziska verzichtet auf ihren Adelstitel und wird Bürgerin von Brugg. Sie ist eine unermüdliche Briefschreiberin und pflegt ein grosses Beziehungsnetz, zu dem herausragende Persönlichkeiten wie Heinrich Pestalozzi und Johann Karl Lavater gehören. 1600 an sie gerichtete Briefe befinden sich heute noch im Familienarchiv Hallwyl. Von ihrer Hand sind knapp 300 Briefe erhalten, verfasst auf Französisch, wie sich das für eine Frau ihres Standes gebührt hat.

Die meisten Briefe schreibt sie an ihre Söhne, die einen lockeren Lebenswandel führen und vor allem Frauen im Kopf haben. So sehr die Mutter sich auch bemüht, die drei standesgemäss zu versorgen – es gelingt ihr nicht. Als sie am 6. März 1836 im Alter von 78 Jahren stirbt, lebt nur noch ihr Zweitgeborener, Karl. Dessen Frau hat ihn verlassen, weil er der Tochter zur Hochzeit nicht einmal eine Aussteuer geben konnte. Bis zu ihrem Tod hatte ihm danach seine betagte Mutter Franziska Romana den Haushalt geführt.

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