Gut gelaunte Finanzminister sind in Krisenzeiten eine rare Rasse. In Lenzburg ist es in diesem Jahr anders: «Unser Abschluss strahlt wie die Sonne draussen», eröffnete Stadträtin Franziska Möhl die Medienorientierung über die Lenzburger Finanzzahlen des letzten Jahres.

Diese präsentieren sich in der Tat sehr eindrücklich. Der Umsatz liegt mit 55,1 Millionen Franken 3,6 Mio. über dem Budget. Weil man beim Aufwand die Zahlen sehr sorgfältig im Blick behielt, liegen die Abschreibungen um 4,3 Mio. über dem Budget und erreichen mit 9,7 Mio. den zweithöchsten Wert in der Lenzburger Geschichte nach 2009, als man sogar eine Spur besser abschloss.

Nettoschulden mehr als halbiert

Dank diesem «ausserordentlichen Erfolg» (Möhl) sinkt die Nettoschuld der Einwohnergemeinde Lenzburg erstmals seit den frühen 90er-Jahren wieder unter 10 Millionen Franken. Im Extremjahr 1998 lagen die Nettoverbindlichen auf der Rekordhöhe von 33 Millionen Franken.

Noch eindrücklicher lässt sich das Gesamtergebnis des letzten Jahres mit der Nettoschuld pro Einwohner illustrieren: Innert eines Jahres konnte dieser Wert von 1913 auf 839 Franken reduziert, mithin also mehr als halbiert werden (vgl. Grafik). Der Höchststand lag hier bei 4419 Franken; nun hat man erstmals den Wert von 1984 wieder unterschritten.

Selbstredend sind verschiedene Faktoren für den ausserordentlich guten Rechnungsabschluss verantwortlich. Beim Vergleich der Steuereingänge mit den Budgetwerten zeigt sich, dass die Erträge bei den natürlichen Personen (Einkommens- und Vermögenssteuern) mit einer positiven Abweichung von weniger als einem Prozent äusserst exakt vorausgesagt wurden.

Die Tatsache, dass die Steuerkraft pro Einwohner im letzten Jahr um 61 Franken auf 2748 Franken gesteigert werden konnte, werten die Verantwortlichen als erste Auswirkungen des angestrebten «qualitativen Wachstums». Doch schönreden will man diese Zahlen nicht, denn im kantonalen Vergleich sind sie immer noch nicht berauschend.

Resistente Wirtschaft

Keine solche Ziellandung wie bei den natürlichen Personen gab es bei den Aktiensteuern, doch eine Abweichung von 2,4 Millionen Franken nach oben lässt sich die Lenzburger Finanzministerin gern gefallen. Die Abweichung von fast 63 Prozent gegenüber dem «zielgerichtet erstellten Budget» stellt der lokalen Wirtschaft ein äusserst gutes Zeugnis aus. Der breite Branchenmix und die Absenz von von der Krise besonders gebeutelten Betrieben haben zu diesem Ergebnis geführt.

«Wir müssen die Aktiensteuern besonders gut beobachten», warnt Daniel Hug, der Leiter Stadtverwaltung, im Hinblick auf die in Lenzburg übli-
chen Trimester-Zwischenergebnisse, vor übertriebener Euphorie.

Ausgaben im Griff

Nicht nur die zusätzlichen Millionen aus der Wirtschaft haben den Erfolg ermöglicht. Franziska Möhl: «Wir haben den Aufwand eigentlich überall im Griff.» Der tiefere Nettoaufwand – lediglich die Abteilungen Soziale Wohlfahrt und Verkehr verzeichneten Budgetüberschreitungen im Promillebereich – ist der strikten Ausgabedisziplin, dem laufenden Controlling und der «Sensibilisierung aller Mitarbeiter» (Hug) zu verdanken.

Die Lenzburger Finanzverwaltung unter Leiter Beat Lüscher hat in diesem Jahr zusätzlich die vorgezogene Umstellung auf das neue Rechnungsmodell zu bewältigen. Den politischen Behörden hingegen stellen sich bald ganz andere Aufgaben: Solch gute Rechnungsabschlüsse wecken überall Begehrlichkeiten. Mit dem Hinweis auf die anstehenden Grossinvestitionen im Schulbereich dämpft Möhl schon vorsorglich ab: «Wir müssen gleich weiterfahren wie bisher.» Trotzdem: An einer Klausur wird der Stadtrat in nächster Zeit den Finanzplan etwas modifizieren.