Beinwil am See

Fast Food ohne Self Scanning im Löwensaal

Im «Weissen Rössl» geht es wie in einem Schnellimbiss zu und her: Auf der Hotelterrasse wird den Gästen das Essen in Kartonboxen serviert.

Im «Weissen Rössl» geht es wie in einem Schnellimbiss zu und her: Auf der Hotelterrasse wird den Gästen das Essen in Kartonboxen serviert.

Die Theatergesellschaft zeigt Benatzkys Operette «Im weissen Rössl» in einer neuen Inszenierung.

Noch ist der Vorhang geschlossen, links und rechts aber stimmen rote Geranien in Balkonkästen auf eine Sommerfrische im Salzkammergut ein. Der Vorhang geht auf, doch statt einer Ansichtskarten-Idylle mit Wolfgangsee und Bergen vor dem Hotel «Weisses Rössl» sieht sich das Publikum einer Wand von farbig beleuchteten Quadraten und ein paar dürftigen Gartentischen mit Klappstühlen gegenüber. Schlagartig ist klar: Was den grossen Musikhäusern recht, ist der Theater Gesellschaft Beinwil am See billig: Es wurde entstaubt.

Den Touristen wird auf der Hotelterrasse Fast Food in Karton-Essboxen aufgetischt. Auf das Self-Scanning allerdings muss notgedrungenermassen verzichtet werden, denn ohne Zahlkellner Leopold läuft in Ralph Benatzkys Operette handlungsmässig rein gar nichts und so schmettert denn Daniel Zihlmann als solcher «Bitte meine Herrschaften nur hübsch gemütlich» in die ständig wechselnden Farben der Quadrate. Es ist der erste von zahlreichen wunderbaren Ohrwürmern mit dem bekanntesten «Im weissen Rössl am Wolfgangsee».

Während Lichtdesigner Ueli Binggeli als Bühnenbildner beim Entstauben mit grossem Wedel hantierte, hat sich Regisseurin Monika Wild immerhin nicht vollends dazu durchgerungen. So lässt sie den schönen Sigismund zwar als Elvis Presley-Verschnitt mit kreischenden Girlies im Schlepptau auftreten, verzichtet aber nicht – dem Original getreu – auf den Besuch von Kaiser Franz Josef I. (Peter Eichenberger) – allerdings in Begleitung von vier Majoretten in roten Oberteilen mit weissen Tutus. Dass die «Rössl»-Wirtin (Szabina Schnöller) dem Monarchen die Butter aufs Frühstücks-Brötchen streicht, und dass aus leeren Kannen und Krügen Kaffee und Wein «eingeschenkt» wird, befremdet ebenso, wie die ständigen Umbauten auf offener Szene, wie auch die häufigen, oft unmotivierten Einsätze der vier Tänzerinnen bemühen.

Auch wenn das Orchester unter Leitung von Konrad Jenny nicht durchwegs zu überzeugen vermag und der Leopold des stimmlich arg forcierenden Daniel Zihlmann mehr von einem zornigen Hampelmann, als von einem liebeskranken Charmeur hat, so ist der Abend im Löwensaal kein verlorener. Denn da ist auch eine stattliche Zahl von wunderbaren Figuren zu erleben, deren Darsteller den «Staub» des 1930 uraufgeführten Singspiels mit Können und Grandezza tragen und die Benatzkys launige, einfallsreiche Melodien mit der gebotenen Leichtigkeit singen.

Der «Hemd-Hose-vorne geknöpfte» Trikotage-Fabrikant Gieseke (Urs Mühlethaler), dessen Tochter Ottilie (Stefanie Frei), Rechtsanwalt Siedler (Fabio De Giacomi), der sparsame Professor Hinzelmann (Christian Jenny) und seine lispelnde Tochter Klärchen (Simona Rigling) samt ihrem glatzköpfigen Sigismund (Thoma Leu) langweilen mitnichten als total gestrige Charaktere – im Gegenteil: Sie bringen mit ihrer Authentizität Schwung und Spass ins Geschehen und damit das erwartete Vergnügen in die Aufführung. Halt! Nicht vergessen werden dürfen zwei mitreissende Nachwuchs-Talente: Die Auftritte der 22-jährigen Julia Siegwart als Resi und dem 18-jährigen Gelsomino Romer als Piccolo sind wahre Kabinettstücklein.

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