Angehörige entlasten

Familienhilfe: Die Nachfrage ist gross

Anita Berger, Daniel Lukic und Barbara Zemann (v.l.) decken mit Spitex und Familienhilfe viele Bedürfnisse ab.

Anita Berger, Daniel Lukic und Barbara Zemann (v.l.) decken mit Spitex und Familienhilfe viele Bedürfnisse ab.

Spitex und Familienhilfe haben in der Region Lenzburg ein einzigartiges Pilotprojekt lanciert. Auf den Dezember 2017 wurde die Familienhilfe in die Spitex integriert. Damit konnte die Non-Profit-Spitex ihr Angebot auf Tätigkeiten ausweiten, die nicht im Profil der Spitex enthalten sind – mit Erfolg.

In vielen Haushalten in der Region kommt täglich jemand von der Spitex vorbei. Effizient erledigen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die notwendigen Arbeiten; sie pflegen und haushalten. Gerade ältere Personen würden sich wünschen, dass noch Zeit bliebe für eine Tasse Kaffee und ein bisschen Geselligkeit. Aber da werden sie enttäuscht. Die Antwort ist stets Nein, da die Spitex ausschliesslich Pflege- und Haushaltsarbeiten erbringen darf; und das nach einem strikten Zeitplan. «Für die Klienten war dies oft nicht nachvollziehbar», sagt Daniel Lukic, Leiter der Spitex Region Lenzburg. Er konnte diese Enttäuschung verstehen. Sehnen sich doch gerade ältere Menschen nach ein bisschen Gesellschaft.

Seit einem Jahr kann die Spitex Region Lenzburg nun auch das anbieten. Auf den Dezember 2017 wurde die Familienhilfe in die Spitex integriert. Damit konnte die Non-Profit-Spitex ihr Angebot auf Tätigkeiten ausweiten, die nicht im Profil der Spitex enthalten sind. Und der Bedarf für solche Angebote ist da, wie Lukic und sein Team feststellen konnten. Innerhalb von zehn Monaten hat die Familienhilfe 800 Einsätze und 1235 Stunden Arbeit geleistet. Die Familienhilfe wird von der katholischen Kirchgemeinde Lenzburg sowie der reformierten Kirchgemeinde Lenzburg-Hendschiken unterstützt, die Tarife richten sich nach dem steuerbaren Einkommen. Für einkommensschwache Personen werden subventionierte Stunden ab 21 Franken angeboten.

Gegründet wurde die Familienhilfe Lenzburg vor 50 Jahren. Damals zogen viele Familien nach Lenzburg, um in Fabriken wie der Hero zu arbeiten. «Die Familien hatten kein Umfeld, das zum Beispiel bei der Kinderbetreuung einspringen konnte», sagt Anita, die im Vorstand der Familienhilfe die Kirchgemeinden vertritt. Seither hat sich viel geändert. Familienstrukturen, Anforderungen und Bedürfnisse sind komplexer geworden. «Mit der Anbindung an die Spitex hat die Familienhilfe ein professionelles Umfeld gefunden», sagt Berger.

Angehörige entlasten

Die Familienhilfe wurde nicht bloss aufgenommen, sondern komplett neu strukturiert. «Wir haben uns überlegt, wo wir helfen können», sagt Berger. Lukic erzählt von einer Begegnung, die ihn geprägt hat: «Ich hatte ein Gespräch mit einem über 80-jährgen Mann, der 20 Jahre lang seine demente Frau gepflegt hat. Weil die Pflege so zeitaufwendig war, vernachlässigte er in dieser Zeit sein soziales Netz und stand nach ihrem Tod allein und ohne Freunde da.» Diese Begegnung habe ihn sehr geprägt, sagt Lukic.

Ein Ziel der Familienhilfe ist es, Personen bei der Pflege von Angehörigen zu entlasten. «Heute haben wir alles ausser Zeit», sagt Lukic. Die Familienhilfe kann diese geben. Während die Mitarbeiterinnen der Familienhilfe mit dem Grossvater einen Spaziergang machen oder mit der dementen Ehefrau ein Fotoalbum anschauen, können sich die Angehörigen eine Auszeit nehmen. «So können sie etwas unternehmen, das ihnen Spass macht», sagt Lukic. Danach seien die Batterien für die anspruchsvolle Pflege zu Hause wieder aufgeladen. «Rund 90 Prozent der Einsätze der Familienhilfe in den letzten 12 Monaten können dem Bereich Betreuung zugeschrieben werden», sagt Lukic. In der Pflege werden in der Schweiz jährlich rund 64 Millionen Stunden durch Angehörige geleistet. «Es ist wichtig, dass Angebote wie die Familienhilfe existieren, die Angehörige entlasten können.»

Die Familienhilfe entlastet auch im Familienalltag. Barbara Zemann ist Leiterin der Hauswirtschaft bei der Spitex und Bereichsleiterin der Familienhilfe. «Kürzlich war ich bei einer Mutter mit vier kleinen Kindern», sagt sie. «Sie war am Anschlag und schaffte es nicht, dass das Mittagessen pünktlich fertig war.» Die Familienhilfe hat gekocht.

Auch Begleitung gehört zum Angebot der Familienhilfe. Das ist wörtlich gemeint. «Ich gehe jeweils mit einer Dame zum Coiffeur», sagt Zemann. Nach der Dauerwelle wolle sie noch in ein paar Geschäfte. Die Familienhilfe ist für die ältere Dame die Möglichkeit, wieder einmal rauszukommen. «Die Familienhilfe schliesst eine Lücke im Betreuungsangebot und wirkt sich positiv auf die Restkosten der Gemeinden innerhalb der Spitex aus», sagt Lukic. Nun können bei der Spitex auch Mitarbeiterinnen gebucht werden, die als Familienhilfe Zeit anbieten. Sei es für Entlastung, Betreuung oder für eine Tasse Kaffee und ein Gespräch.

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