Noch 300 Meter und sie wäre zu Hause gewesen. Am 6. November 2017 erfasste ein Auto die damals 19-jährige Elida Osmani auf einem Fussgängerstreifen in Lenzburg, die Teenagerin erlag wenige Stunden später im Spital ihren schweren Verletzungen.

Elida, die erst zweieinhalb Jahre vor ihrem Tod mit ihrer Familie in die Schweiz gekommen war, machte in Zürich eine Lehre als Verkäuferin. An diesem Abend war sie auf dem Heimweg. Kurz vor 21.00 Uhr stieg sie an der Haltestelle Neuhofstrasse in Lenzburg aus dem Bus und überquerte die erste Hälfte des Fussgängerstreifens. Ein Fahrzeuglenker hatte dort angehalten, um Elida sowie anderen ausgestiegenen Buspassagieren den Vortritt zu gewähren. Die junge Frau, die gemäss der Anklageschrift dunkel gekleidet war und «ihre Aufmerksamkeit auf das in ihrer Hand mitgeführte Mobiltelefon gerichtet» hatte, lief allen voran und ohne anzuhalten über die Fussgängerinsel direkt auf die zweite Hälfte des Fussgängerstreifens. Dort erfasste sie der Rentner mit seinem Volvo.

Elida-Todesfahrer soll in den Knast

Elida-Todesfahrer soll in den Knast: Tele-M1-Beitrag vom März 2019.

Rentner durfte nicht fahren

Er fuhr ungebremst in die junge Frau und diese wurde «meterweit» weggeschleudert, wie Bernhard Graser, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau, damals sagte. Genau waren es 19 Meter, wie der Anklageschrift zu entnehmen ist. Der Aufprall war massiv – die Windschutzscheibe sowie die Motorhaube des Volvos wurden durch die Kollision eingedrückt. Der Beschuldigte, ein heute 81-jähriger Mann aus Wohlen, fuhr laut einem Gutachten mindestens 58 km/h schnell. Besonders bitter ist die Tatsache, dass der Lenker an diesem Abend gar nicht am Steuer seines Autos hätte sitzen dürfen. Ihm war im Juni desselben Jahres der Führerschein entzogen worden. Dies, weil er im Jahr 2011 innerorts statt der erlaubten 50 km/h mit 80 km/h unterwegs war.

Der Mann muss sich am Donnerstag in einem sechsstündigen Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg verantworten. Dem Fahrer droht eine Haftstrafe von 15 Monaten. Nebst der fahrlässigen Tötung wirft ihm die Staatsanwaltschaft das Führen eines Motorfahrzeuges trotz Entzug des Führerausweises sowie die Missachtung der Höchstgeschwindigkeit innerorts vor. Auf der Hendschikerstrasse sind maximal 50 km/h erlaubt.

Mann leicht alkoholisiert

Ausserdem hatte der Rentner zum Zeitpunkt des Unfalls 0,2 Promille im Blut und passte seine Fahrweise nicht den Strassenverhältnissen an: «Der Beschuldigte fuhr leicht angetrunken auf den Fussgängerstreifen zu. Dabei war es dunkel, es regnete leicht und die Fahrbahn war nass», schreibt die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift. Der Beschuldigte habe seine Aufmerksamkeit gemäss eigenen Aussagen nicht vorwiegend auf den Bereich des Fussgängerstreifens, sondern auf die ungefähr 250 Meter entfernte Ampel gerichtet.

Kollision vermeidbar

«Hätte der Beschuldigte seine ganze Aufmerksamkeit dem Bereich des Fussgängerstreifens zugewendet, wäre die Kollision mit Elida vermeidbar gewesen», schreibt die Staatsanwaltschaft. Er hätte so bemerken können, dass sich auf der Gegenfahrbahn ein Bus befand, aus diesem Bus Personen ausstiegen und den Fussgängerstreifen überquerten. «Der Beschuldigte hat fahrlässig den Tod eines Menschen verursacht», so die Staatsanwaltschaft. Auch die übersetzte Geschwindigkeit wird ihm zur Last gelegt: «Gemäss Gutachten führte diese Geschwindigkeit zu einem Anhalteweg von 35,7 Metern. Damit war ein rechtzeitiges Anhalten, um Personen, die sich schon auf dem Fussgängerstreifen befanden oder im Begriffe waren, diesen zu betreten, den Vortritt zu gewähren, beinahe verunmöglicht», argumentiert die Staatsanwaltschaft.

Für die Familie der getöteten Elida sind die geforderten 15 Monate Freiheitsstrafe nicht genug: «Selbst wenn man ihn für 81 Jahre hinter Gitter stecken würde, davon kommt Elida nicht zurück», sagte ihr Cousin kurz nach dem Unfall gegenüber Tele M1.

Update folgt im Verlauf des Tages.

«Brutal»: Cousin trauert um die 19-Jährige, die in Lenzburg auf einem Fussgängersreifen angefahren worden ist.

«Brutal»: Cousin trauert nach dem tödlichen Unfall um die 19-Jährige Elida (November 2017).