Post-Kahlschlag

«Es tut weh, wie die Post mit ihren Kunden umspringt»: Zu Besuch bei zwei langjährigen Posthaltern

Mario Brem (rechts im Bild) und Heiri Pfaff im Gespräch mit der «Aargauer Zeitung».

Mario Brem (rechts im Bild) und Heiri Pfaff im Gespräch mit der «Aargauer Zeitung».

Der Reinacher Heiri Pfaff war viele Jahre lang Posthalter in Birrwil, Mario Brem leitete die Poststelle in seinem Wohnort Fahrwangen. Ein Gespräch über geschlossene Postfilialen, selbstfahrende Postautos – und einen «Express»-Brief, der eine grosse Reise machte.

Herr Brem, vor zwei Wochen platzte die Bombe: 43 Poststellen im Kanton droht das Aus, das ist jede zweite reguläre Filiale. Hat Sie das überrascht?

Mario Brem: Ich war schockiert, vor allem weil grosse Ortschaften betroffen sind. Die Schliessungswelle erreicht damit eine neue Dimension. Ich hoffe, dass sich die Aargauer Regierung wehrt.

Warum Sie auch überrascht, Herr Pfaff?

Heiri Pfaff: Ja, und ich bin erschrocken – obwohl wir von der Post schon einiges gewohnt sind. Sie will die Basler Hauptpost schliessen, stellen Sie sich das vor! Ich weiss nicht, was in den Köpfen der Post-Leitung vorgeht.

Sie arbeiteten beide über 40 Jahre für die Post, zuletzt als Posthalter. Schmerzt Sie das Vorgehen der Post?

Brem: Wir beide schätzen unsere ehemalige Arbeitgeberin, doch heute zählen nur noch Zahlen. Mir tut es weh, wie die Post mit ihren Kunden umspringt. Zu unserer Zeit stand der Kunde an erster Stelle. Heute ist es umgekehrt: Die Post sagt dem Kunden, was er zu tun hat. Als Kunde kann ich nicht mal eine Poststelle anrufen. Ich lande über eine 0800er-Nummer in einer Zentrale. Das macht die Leute hässig. Und mich traurig.

Der 78-jährige Mario Brem war 15 Jahre lang Postangestellter in Dietikon ZH. 1971 wurde Brem Posthalter in Büttikon, 1989 übernahm er die Filiale an seinem heutigen Wohnort Fahrwangen. Seit 2002 ist Mario Brem pensioniert.

Mario Brem

Der 78-jährige Mario Brem war 15 Jahre lang Postangestellter in Dietikon ZH. 1971 wurde Brem Posthalter in Büttikon, 1989 übernahm er die Filiale an seinem heutigen Wohnort Fahrwangen. Seit 2002 ist Mario Brem pensioniert.

Pfaff: Was Mario sagt, stimmt. Als Posthalter waren wir mehr oder weniger selbstständige Unternehmer und am Umsatz beteiligt. Das motivierte uns, wir pflegten deshalb die Kundschaft. Viele Kaderstellen waren zudem mit ehemaligen Pöstlern besetzt. Die Kreispost-Direktion machte sogar Krankenbesuche …

Brem: … das pflegt man leider nicht mehr.

Pfaff: Dann kam die Akademisierung: Die Post wurde nicht mehr von Pöstlern geführt. Eine Express-Sendung von meiner Poststelle in Birrwil nach Mosen musste nun über Lenzburg, Aarau, Olten und Luzern umgeleitet werden. Zuvor hatte ich den «Express» der Seetalbahn mitgegeben. In Mosen holte der Posthalter diesen am Bahnhof ab. Das hat funktioniert.

Der 84-jährige Heiri Pfaff arbeitete 21 Jahre im Postdienst vom Waffenplatz Aarau. 19 Jahre lang war er Posthalter in Birrwil, 1996 wurde Pfaff pensioniert. Er lebt heute in Reinach.

Heiri Pfaff

Der 84-jährige Heiri Pfaff arbeitete 21 Jahre im Postdienst vom Waffenplatz Aarau. 19 Jahre lang war er Posthalter in Birrwil, 1996 wurde Pfaff pensioniert. Er lebt heute in Reinach.

Heute würde das nicht mehr funktionieren: Seit 2000 ist der Umsatz der Briefpost am Schalter um über 60 Prozent gesunken, bei den Päckli um rund 50 Prozent. Es macht doch Sinn, wenn die Post Strukturen anpasst.

Brem: Absolut! Eine Poststelle mit ein paar Dutzend Kunden pro Tag macht keinen Sinn. Die Post-Leitung geht jedoch mit dem Kopf durch die Wand und hört den Menschen nicht zu.

Pfaff: Wir haben auch viele Veränderungen erlebt. Das Tempo, das die Post derzeit aber anschlägt, ist unglaublich. Sie überrollt Kunden und verunsichert Angestellte. Es ist klar: Ältere sterben weg und es kommen Junge, die anders aufwachsen. Irgendwann läuft wohl alles elektronisch. Die Post sollte trotzdem behutsamer vorgehen. Wer die Menschen vergisst, ist zum Scheitern verurteilt.

Service public aus einer anderen Zeit: Die letzte Fahrt der Postkutsche von Teufenthal nach Dürrenäsch 1926.

Service public aus einer anderen Zeit: Die letzte Fahrt der Postkutsche von Teufenthal nach Dürrenäsch 1926.

Die Post tut nichts Unrechtes: Laut Gesetz müssen 90 Prozent der Bevölkerung innert 20 Minuten eine Postfiliale erreichen können.

Pfaff: Man muss die lokalen Bedürfnisse berücksichtigen. Dann kommt man vielleicht zum Schluss, dass es in jedem Tal oder in jeder Region mindestens eine Poststelle braucht, zum Beispiel im Oberen Seetal. Zum Glück rüttelt der Kahlschlag der Post langsam die Politik in Bern wach. Ich hoffe, dass sich diese Entwicklung mindestens verlangsamt.

Brem: Die Post hat sich vom Service public verabschiedet. Es muss doch nicht jede Poststelle Gewinn schreiben. Das sagt auch Post-Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller. Doch der Abbau beschleunigt sich: Immer mehr landwirtschaftliche Siedlungen werden nicht mehr bedient. Früher erhielten Bauern noch Geld, weil sie ihre Post im Dorf abholen mussten.

Pfaff: Gleichzeitig frage ich mich: Ist es Aufgabe der Post, selbstfahrende Postautos zu entwickeln und im Wallis zu testen? Man buttert viel Geld in Bereiche, die nicht Aufgabe der Post sind – und baut bei der Grundversorgung ab.

Herr Pfaff, Sie haben 1995 die Pensionierten-Vereinigung der Aargauer Posthalter gegründet und waren viele Jahre deren Obmann, 2014 wurde Mario Brem Ihr Nachfolger. Wie ist die Stimmung unter den Pensionierten?

Pfaff: Viele wollen von der Post nichts mehr wissen. Es ist nicht mehr ihre Post. Sie kommen wegen der Kameradschaft zu den Treffen im Frühling und Herbst. Wir unternehmen Ausflüge und besuchen einander. Wir führen damit die sozialen Aufgaben der früheren Kreispost-
Direktion weiter.

Brem: Und dann gibt es solche wie uns zwei, die noch immer stark verbunden sind mit der Post. Ich sage stets: Wir haben immer noch gelbe Blutkörperchen.

Pfaff: Dieser Spruch gefällt mir (lacht).

Sie haben tatsächlich noch viel Post im Blut, Herr Brem: Mit Kollegen sammelten Sie über 2600 Unterschriften für die Fahrwanger Poststelle. Die Post will Ihren früheren Arbeitsplatz schliessen. Hand aufs Herz: Widerstand bringt doch nichts.

Brem: Doch, ich bin davon überzeugt. Ich engagiere mich, weil die Post Fahrwangen für die Region wichtig ist. Sie ist die letzte im Oberen Seetal. Als ich hier Posthalter war, hatte ich viele Kunden aus Bettwil und Schongau, wo es nur eine Postagentur gibt. Inzwischen haben auch die anderen Nachbarn Sarmenstorf und Meisterschwanden keine Post mehr.

Sie gelten als Kämpfer. Als die Post Papeterie-Artikel und Süssigkeiten ins Sortiment aufnahm, stellten Sie sich quer. Warum?

Brem: Die Papeterie im Dorf gehörte zu meinen Kunden. Ich konkurrenziere doch meine Kunden nicht! Ich verkaufte stattdessen Billette für die Wohlen-Meisterschwanden-Bahn. Das hat rentiert. Mein Standpunkt ist: Die Post soll keine zusätzlichen Dienstleistungen anbieten, die bereits andere Läden erbringen.

Pfaff: Fahrwangen ist ein typischer Fall. Die Post schaut zu wenig hin, welchen Stellenwert eine Poststelle für die Region hat. Stattdessen argumentiert sie mit gesamtschweizerischen Zahlen. Eine Region braucht doch mindestens eine Poststelle, vor allem für das Gewerbe. Auch wenn die Rechnung nicht ganz aufgeht.

Brem: Wir wissen ja nicht mal, wie schlecht es den Poststellen wirklich geht. Die Post hält die Zahlen unter Verschluss. Freunde von mir haben deshalb selber gezählt, wie viele Kunden die Post Fahrwangen hat.

Postbeamte mit Postauto und Zug beim Bahnhof Teufenthal-Dürrenäsch (undatierte Aufnahme).

Postbeamte mit Postauto und Zug beim Bahnhof Teufenthal-Dürrenäsch (undatierte Aufnahme).

Ihre Kollegen sassen mit dem Schreibblock vor der Fahrwanger Post?

Brem: Ja, sie haben sich freiwillig gemeldet und bei Stichproben Statistik geführt. Es waren durchschnittlich 190 bis 200 Kunden pro Tag. Ich war zudem in den vergangenen Monaten fast täglich in der Filiale. Meistens waren zwei bis drei Personen da, ab und zu bildete sich eine längere Schlange. Natürlich gab es Lücken, was nicht erstaunt: Früher waren wir auch verantwortlich für die Briefzustellung. Wir überbrückten mit dieser Arbeit Pausen am Schalter. Heute ist die Zustellung ein separater Geschäftsbereich, der nichts mit der Postfiliale zu tun hat. Sie müssen sich das mal vorstellen: Heute arbeiten die Poststellen-Leiterin und die Briefträger in verschiedenen Teams. Klappt etwas bei der Zustellung nicht, muss die Poststellen-Leiterin in Lenzburg anrufen, während die Briefträger im Nebenraum arbeiten.

Pfaff: Kein Wunder, rentieren Poststellen nicht mehr, wenn man Teile auslagert ...

Wäre eine Postagentur statt einer regulären Filiale denn so schlimm? Eine Agentur – in einem Volg zum Beispiel – hat auch Vorteile. Längere Öffnungszeiten zum Beispiel.

Brem: Das Modell mit den Post-Agenturen ist gut, muss aber besser werden. Ich habe mir viele Agenturen angesehen. Die Post sollte das Personal besser schulen. Zudem muss der Post-Bereich wegen des Postgeheimnisses klar vom Laden abgetrennt werden. Wenn mir die Verkäuferin an der Kasse einen eingeschriebenen Brief vom Steueramt aushändigt, geht das den Nachbarn in der Warteschlange nichts an.

Pfaff: Das Postgeheimnis war uns heilig. Heute ist es faktisch abgeschafft.

Die Deutsche Post führt noch eine einzige Filiale selber, jene an ihrem Hauptsitz. Glauben Sie, dass dies langfristig auch der Schweiz blüht?

Brem: Ich hoffe es nicht. Wenn man den Trend anschaut, geht es aber in diese Richtung. Die Post baut zwar Agenturen und Automaten auf, diese sind aber kein vollwertiger Ersatz. Es braucht mindestens regionale Poststellen. Da gibt es keine besseren Lösungen. Nur billigere.

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