Hendschiken

«Es ist harte Knochenarbeit»: Nach üblen Hetzkampagnen bläst die neue Frau Ammann zum Aufbruch

«Ich bin eine extreme Teamplayerin», sagt Sabina Vögtli, wenn sie über ihre Tätigkeit als Gemeindeammann spricht. Claudio Thoma

«Ich bin eine extreme Teamplayerin», sagt Sabina Vögtli, wenn sie über ihre Tätigkeit als Gemeindeammann spricht. Claudio Thoma

Anonymen Flugblattaktionen gegen diverse Kandidierende erschüttern die kleine Gemeinde letzten Herbst. Nach den Gemeinderatswahlen ist Sabina Vögtli (SP) als einzige Bisherige im Rat verblieben. Seit Anfang Jahr ist sie Gemeindeammann und legt einen unglaublichen Entwicklungswillen und ein sportliches Tempo an den Tag.

Nachdem das 1200-Seelen-Dorf Hendschiken im Vorfeld der Gemeinderatswahlen im letzten Herbst durch anonyme Flugblattaktionen gegen diverse Kandidierende erschüttert worden war, ist SP-Gemeinderätin Sabina Vögtli am Schluss als einzige Bisherige im Rat verblieben – und anschliessend mit einem grossen Mehr zur neuen Frau Gemeindeammann gewählt worden.

In das Amt, das sie ursprünglich gar nicht angestrebt hatte. Denn eigentlich war sie auf die Legislaturperiode 2018–21 zur neuen Hendschiker Frau Vizeammann gewählt worden. Als einzige Bisherige habe sie den Sachverhalt nach dem 1. Wahlgang neu beurteilt und entschieden, als Gemeindeammann anzutreten, sagt sie rückblickend.

Die Kandidatur stellte das klar bürgerlich geprägte Hendschiken vor eine Herausforderung: Eine Linke und eine Frau als Ammann – beides ist Neuland für das Dorf. Wohl nicht zuletzt deshalb hat die 56-Jährige nicht unbedingt ein Resultat in dieser Klarheit erwarten dürfen. «Umso mehr freue ich mich auch jetzt noch über das Ergebnis», sagt Sabina Vögtli.

Seit Anfang Jahr im Amt, legt sie einen unglaublichen Entwicklungswillen und ein sportliches Tempo an den Tag. Die ersten neuen Nägel sind bereits eingeschlagen worden: Der Hendschiker Talk, eine Gesprächsrunde mit der gesamten Dorfbevölkerung, gehört dazu. Man wolle mehr Transparenz und Nähe schaffen zwischen Einwohnern und Gemeinderat, hatten die neu gewählten Exekutivmitglieder schon kurz nach den Wahlen beschlossen. «Die Bevölkerung ist innerhalb weniger Jahre um rund 30 Prozent gewachsen. Man kennt sich nicht mehr im Dorf», erklärt Vögtli. Für eine wie sie, die in Hendschiken aufgewachsen ist und das «Grüezi» auf der Strasse noch hochhält, geht das gar nicht.

Die jüngste Neuerung betrifft das «Gmeindeversammlungs-Büechli». In Hendschiken musste die bisherige Papierversion dem technologischen Fortschritt weichen, Details zu den Geschäften können nun auf der kürzlich überarbeiteten Website www.hendschiken.ch abgerufen werden (siehe separate Box). Auf Papier gibt es einzig noch die Traktandenliste mit dem Stimmrechtsausweis.

Am kommenden Mittwoch, 13. Juni, präsidiert Sabina Vögtli ihre erste Gemeindeversammlung. Wenn sie wenige Tage vor dem Anlass im Sitzungszimmer auf der Gemeindeverwaltung sagt: «I bi scho chli ufgregt», so führt dies zu einem eher ungläubigen Staunen. Die Frau, die einem im Gespräch gegenübersitzt, macht einen entschlossenen, überzeugten Eindruck. Eine, die weiss, was sie will. Sie spricht schnell mit klaren Worten.

Steiler Einstieg für ganzen Rat

Dabei lässt Vögtli keinen Zweifel offen. Hier geht es nur um eines: Um das Wohl von Hendschiken und seiner Bevölkerung. Wenn man sie so reden hört, so ist die Farbe des Lippenstiftes einziger Hinweis auf die rote (politische) Haltung.

Sabina Vögtli und ihre vier neuen Gemeinderatsmitglieder sind gefordert. Alle hätten die Challenge angenommen und ihre Aufgaben vorbildlich angepackt, windet sie ihren Gemeinderatsgspänli ein Kränzchen. «Für alle ist der Einstieg in das neue Amt extrem steil gewesen. Verbunden mit harter Knochenarbeit.» In den vergangenen Monaten sei das Gremium zusammengewachsen, stellt Vögtli zufrieden fest. Eine wichtige Voraussetzung für eine Führungsfrau wie sie, die sagt: «Ich bin ein Teamplayer und baue auf meine Ratskolleginnen und -kollegen.»

Zu den grösseren anstehenden Brocken in der Gemeinde zählt die Revision der Bau- und Nutzungsordnung, der Kreditantrag sollte bis zur Wintergmeind vorliegen. Doch grosse Sprünge liegen in Hendschiken sowieso nicht drin. Bei einem Steuerfuss von 125 Prozent, einer Steuerkraft von 1665 Franken pro Kopf und einer Schuldenlast von rund 3,4 Millionen Franken ist das Dorf nicht auf Rosen gebettet.

Eine Ur-Hendschikerin

Sabina Vögtli-Fischer ist in Hendschiken aufgewachsen, hat ihren Kanti-Schulschatz Peter für den Ort im unteren Bünztal begeistern können und wohnt mit ihrer Familie heute im Elternhaus. Einem Mehrgenerationenhaus, in welchem schon ihre Grosseltern lebten. Heute bewohnt die Tochter mit ihrem Partner die Einliegerwohnung. Sabina Vögtli hat ihren Entscheid zur Kandidatur mit den Familienmitgliedern abgesprochen, denn mit diesem Amt sei man als gesamte Familie im Dorf ausgestellt, betont sie.

Seit sie Frau Gemeindeammann von Hendschiken ist, sind die freien Stunden spärlich geworden. Dann und wann liegt noch ein Sprung an die erst kürzlich renaturierte Bünz drin. Ausserdem hat Vögtli die Hörbücher entdeckt. In einem Buch blättern mag die studierte Historikerin im Moment nicht mehr. Nebst dem Bewältigen von Bergen von Gemeindeakten, transkribiert sie mittelalterliche Dokumente für das Staatsarchiv des Kantons Tessin und ist in einem Teilzeitpensum für den Parlamentsdienst des Kantons Aargau tätig. Die vielfältigen Aufgaben erfüllten sie, sagt Vögtli. Und das, obwohl dadurch ihre Agenda stark beansprucht ist – und Ehemann Peter nun ein paar zusätzliche Abende ohne seine Frau verbringen muss.

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