Othmarsingen

«Es gibt zu wenig Hebammen mit starken Nerven» – Geburtshaus «Storchenäscht» vor dem Ende

«Das Gebursthaus ist kein Nest mehr», so Doris Erbacher (links), Hebamme und Gründerin «Storchenäscht».

Die Gründerin des Geburtshauses Doris Erbacher gibt ihre Suche nach einer Nachfolge auf. Sieben Jahre hat sie gesucht – erfolglos. Sie ist nun 71 Jahre alt und geht in Pension. Das Bedeutet das Ende für das «Storchenäscht». Das sei zwar schade, aber kein Drama.

In einem halben Jahr ist Schluss. Das «Storchenäscht» in Othmarsingen schliesst seine Tore. Der Grund: Doris Erbacher findet keine Nachfolge. Die Hebamme gründete das Geburtshaus 1984. Es war das erste der Schweiz. «Ich bin jetzt 71 und will doch auch pensioniert werden», sagte sie gegenüber Radio Argovia.

Seit 2012 ist das «Storchenäscht» in Othmarsingen zu Hause. Zuvor war das Geburtshaus fast 30 Jahre in Lenzburg.

Seit 2012 ist das «Storchenäscht» in Othmarsingen zu Hause. Zuvor war das Geburtshaus fast 30 Jahre in Lenzburg.

Schon 2011 stand das in Lenzburg gegründete «Storchenäscht» kurz vor dem Aus. Das Geburtsthaus musste Anfang Jahr gleich mehrere Probleme lösen. Zuerst flatterte die Nachricht ins Haus, dass das Gebäude an der Bahnhofstrasse in Lenzburg, in dem die Frauen seit 27 Jahren gebären konnten, 2012 einem Wohn- und Geschäftshaus weichen muss.

Neben der Suche nach neuen Räumlichkeiten war auch nicht klar, ob der Kanton das Geburtshaus mit dem Inkrafttreten des neuen Spitalgesetzes auf die Spitalliste setzen würde. Ohne Platz auf der Liste hätte das «Storchenäscht» kein Geld mehr von der Grundversicherung erhalten. Und zu guter Letzt wollte sich Doris Erbacher bereits zu diesem Zeitpunkt pensionieren lassen. Doch die Suche nach einem Hebammen-Team, das ihre Nachfolge übernehmen könnte, gestaltete sich schon damals schwierig.

Nachfolgerin blieb nur kurze Zeit

Ab September 2011 ging es dann wieder aufwärts, und eine gute Nachricht folgte auf die nächste. Zuerst setzte der Kanton das «Storchenäscht» auf die Spitalliste. Die Grundversicherung zahlt somit weiterhin den Aufenthalt der Frauen. Zwei Monate später fand Doris Erbacher mit Anita Hilario eine Nachfolgerin. Sie kaufte in Othmarsingen ein Haus und eröffnete im Juni 2012 darin das «Storchenäscht». Das einzige Aargauer Gebursthaus etablierte sich am neuen Ort gut, hiess es 2014. Im Oktober 2018 kam das 6000. «Storchenäscht»-Kind auf die Welt.

Ein weiteres Jubiläumsbaby wird es aber nicht mehr geben. «Ich höre definitiv auf, und das ‹Storchenäscht› geht sicher Ende Jahr zu», sagt Doris Erbacher auf Anfrage. Das habe mehrere Gründe. So ist Anita Hilario zwar nach wie vor Besitzerin der Liegenschaft in Othmarsingen, aber schon seit längerem nicht mehr Leiterin des Geburtshauses. Sie habe sich am Ende für die Familie entschieden, so Erbacher und ergänzt: «Ich habe sieben Jahre lang nach einer Nachfolge gesucht.» Die Suche sei schwierig, da vielen heute die Freizeit wichtiger sei. «Als Leiterin muss man 200 Prozent arbeiten, frei hat man fast nie», sagt Doris Erbacher. «Und es gibt zu wenig Hebammen mit starken Nerven.»

Die ersten Weihnachten ohne Arbeit

Ausserdem habe sich ihre Arbeit seit der Einführung der neuen Spitalfinanzierung 2012 stark verändert. «Mit der Spitalliste kam viel Bürokratie auf uns zu, und ich verbringe viel zu viel Zeit am Bürotisch.» Und sie ergänzt: «Das Geburtshaus ist kein Nest mehr, sondern ein Betrieb.» Zwar sei es schade, dass das «Storchenäscht» Ende Jahr seine Tore schliesst. «Aber mit 71 Jahren ist es Zeit, dass ich mich pensionieren lasse.»

Das Ende des «Storchenäschts» sei kein Drama. Schliesslich sei das nächste Geburtshaus 30 Kilometer entfernt in Zürich, weitere gibt es in Sursee oder Wittinsburg BL. Auch die zwölf Hebammen (zwei in einem 100-Prozent-Pensum, der Rest in Teilzeit angestellt) würden etwas finden, ist Erbacher überzeugt. «Denn Hebammen sind immer gesucht.» Ein Teil ist bereits an anderen Orten angestellt und hilft noch in Othmarsingen aus. Andere konzentrieren sich auf Hausgeburten und ambulante Praxisgeburten, sind als Belegshebamme oder freiberuflich tätig. «Sie bleiben mir treu bis zum 20. Dezember», sagt Doris Erbacher. Bis dann könne man noch gebären. «Danach feiere ich zum ersten Mal in Ruhe Weihnachten.»

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