Staufen

Es drohte ein trauriges Weihnachtsfest – doch unter dem Baum fand sie das Lachen wieder

Trudi Sommer wohnt heute in Egliswil, zugespielt hat sich die Geschichte in Staufen.

Trudi Sommer wohnt heute in Egliswil, zugespielt hat sich die Geschichte in Staufen.

1963 überschattete ein Todesfall das Weihnachtsfest von Trudi Sommers Familie in Staufen.

Am Morgen des Heiligabends 1963 zog sich Trudi die Decke über den Kopf und wollte sterben. So traurig war sie. Darüber, dass ihr Bruder Hans-Peter nicht mehr da war; erst im September war er tödlich verunglückt, nur gerade 16 Jahre alt. Und traurig darüber, dass deswegen keiner Weihnachten feiern wollte. Was war das Leben ohne Weihnachten? Und so lag Trudi im Bett unter ihrer Decke und weinte.

«Dann kam meine grosse Schwester ins Zimmer, zog die Vorhänge vor den Fenstern auf, umarmte mich und sagte: ‹Aufstehen, grosse Überraschung›», erzählt Trudi Sommer. Heute ist sie 67 und wohnt in Egliswil, anno 1963 war Trudi Sommer elf Jahre alt und wohnte mit ihrer Familie in Staufen. «Meine Schwester war frisch verheiratet, aber in dieser schweren Zeit oft bei uns», erzählt sie weiter.

Statt Engelshaar hing Watte am Baum

Also kletterte sie aus dem Bett und hielt die Augen geschlossen, so, wie die Schwester sie geheissen hatte. So tapste sie ins Wohnzimmer. «Oh, war das schön, als ich meine Augen öffnen durfte», schwärmt sie noch heute. «Da stand doch ein Weihnachtsbaum!»

Ihre älteren Geschwister hatten den Baum um Mitternacht in die Stube gebracht und ihn über und über mit Watte geschmückt, weil sie kein Engelshaar fanden. Alles nur für die kleine Schwester. «Bis heute ist das der schönste Weihnachtsbaum, den ich jemals gesehen habe.»

Aber da war noch mehr: Unter dem Baum lag ein grosses Geschenk. Für Trudi. Und dann zauberten Schwester und Vater auch noch ein herrliches Essen auf den Tisch. «Meine Traurigkeit war restlos verflogen, so viel Gfreuts auf einmal», sagt sie.

Auspacken durfte sie das Geschenk nach dem Essen. «Es waren der schon so lange gewünschte Puppenwagen und eine Puppe, die aussah wie ein echtes Baby. Jetzt weinte ich vor Glück.» Und als ihr dann die Schwester noch verriet, dass sie und ihr Mann ihr erstes Kind erwarteten, schien der Heiligabend perfekt. Das Tüpfchen auf dem i aber kam erst noch.

«Nach dem Essen gingen wir zur Kirche auf dem Staufberg und setzten uns in die vorderste Bank. Als der Pfarrer kam, gab er jedem von uns die Hand», erzählt Trudi Sommer. Natürlich hatte sie ihre Puppe mitgenommen, und als der Pfarrer fragte, wie denn das Bäbi heisse, habe sie ihre Familie angeschaut und «Hans-Peterli» geflüstert.

«Da hat der Pfarrer die Puppe auf den Arm genommen und laut und deutlich gesagt: ‹Ich taufe dich auf den Namen Hans-Peter›». Die ganze Kirche habe gelacht, ihre Familie geweint. Vor Trauer, vor Rührung, vor Glück. «Dann sangen wir alle zusammen ‹Oh, du Fröhliche›. Ich war so glücklich und fröhlich, wie ich es all die Monate davor nie gewesen war. Und ab diesem Moment war ich es wieder.»

Das Hans-Peterli ist im Laufe der Jahrzehnte abhanden gekommen. Aber diese Geschichte, diese Freude über ihre Geschwister und Eltern, die ihr als Häufchen Elend Weihnachten versüsst haben, die nimmt ihr niemand. Nie und nimmer.

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