Aktenzeichen xy

«Es brennt! Es brennt!» – Die ersten Filmszenen zum Vierfachmord in Rupperswil

«Es brennt!»: Nachbarn werden auf den Rauch aufmerksam, Carla Schauers Eltern rennen zum Haus.

«Es brennt!»: Nachbarn werden auf den Rauch aufmerksam, Carla Schauers Eltern rennen zum Haus.

Vier Monate, nachdem in Rupperswil vier Menschen ermordet wurden, stellt ein Team im Auftrag des ZDF nahe München die Tat nach. Unser Besuch am Set zeigt eine Arbeit zwischen Zeitdruck und Mitgefühl.

Grauer Rauch steigt aus dem Fenster des Hauses bei München. Ein Feuerwehrauto steht blinkend in der Einfahrt. Es regnet und schneit gleichzeitig.

Der Regenschirm ist zwar so gross wie der Sonnenschirm in einer Gartenbeiz, aber Kameramann, Lichttechniker und Regisseurin haben nicht ganz Platz darunter.

Der Tontechniker trägt Lederhut und Mantel, Schal und Handschuhe. Die Kameras tragen Regenschütze. Aber niemand flucht über das Wetter. Man wird bezahlt zum Arbeiten, nicht zum Jammern.

«Wir drehen, Ruhe!»

«Bettina?», ruft eine Assistentin die Regisseurin zu sich. «Der Chefmaskenbildner möchte dich gerne kurz sprechen!» Kurz darauf ist Bettina Braun zurück auf ihrem Platz unter dem Schirm. Es kann weitergehen.

Was sich an diesem Dienstag in einem Münchner Vorort abspielt, ist die Nachbildung des Unfassbaren: Am 21. Dezember 2015 wurden in einem Doppel-Einfamilienhaus in Rupperswil Carla, Davin und Dion Schauer und Simona Fäs ermordet. Weil dichter grauer Rauch aus dem Obergeschoss stieg, hatten Anwohner Alarm geschlagen.

Carla Schauer bringt ihren Hund zu einer Kollegin.

Carla Schauer bringt ihren Hund zu einer Kollegin.

Später fand die Feuerwehr die vier Opfer im Obergeschoss: gefesselt, erstochen. Bis heute wissen die Ermittler und die Angehörigen nicht, wer zu so etwas fähig ist. Noch wurde kein einziger Verdächtiger verhaftet, obschon sich eine 40-köpfige Sonderkommission nach wie vor nur mit dem Verbrechen, das als «Fall Rupperswil» national Schlagzeilen macht, beschäftigt.

«Ihr seid so weit?», fragt Regisseurin Bettina Braun ihre Mannen hinter Kamera und Licht. «Ja, wir sind so weit!» Doch zuerst muss jemand durch. Die junge Frau, die im Haus neben dem Drehort wohnt, kommt gerade mit Rucksack und Velo nach Hause. Dann ruft jemand: «Wir drehen, Ruhe! Und bitte!» Vor dem Haus stehen eine Schauspielerin und ein Schauspieler. Ihre Namen sollen nicht in der Zeitung stehen. Sich mit einem echten Mordfall exponieren: Das wollen nicht alle. Sie verkörpern die Eltern von Carla Schauer. Und wollen am Morgen des 21. Dezember Weihnachtsgeschenke vorbeibringen.

Ein Nachbar beobachtet eine Veränderung am Haus der Schauers.

Ein Nachbar beobachtet eine Veränderung am Haus der Schauers.

Eine Nachbarin ruft: «Es brännt! Es brännt!» – «Das isch ja bi dä Carla!», ruft der Vater. «Jesses Gott! Jesses Gott!» Sie rennen auf das Haus zu, stossen die Türe auf, der Rauch drängt sie zurück. Verzweifelt warten sie auf die Feuerwehr. Szenen, die so unvorstellbar tragisch sind, hat man an diesem Apriltag, vier Monate danach, plötzlich zwei Meter vor eigenen Augen. Ein Polizist, der in dieser Szene keinen Einsatz hat und in der trockenen Garage steht, fragt das Crew-Mitglied neben sich bewegt: «War das wirklich so?»

Nummern-Tausch: So werden aus deutschen Autos solche mit Aargauer Kennzeichen.

Nummern-Tausch: So werden aus deutschen Autos solche mit Aargauer Kennzeichen.

Etwas später wird Bettina Braun in einer Pause sagen: «Ich drehe seit Jahren ‹Aktenzeichen›, aber dieser Fall Rupperswil ist auch für mich etwas Besonderes. Selten habe ich einen Fall gehabt, wo die Täter so kaltblütig vorgingen» (siehe Interview rechts). Die Crew ist sich dessen bewusst. Nichts wird unnötig ausgeschmückt. Einzig dort, wo die Ermittler noch kein gesichertes Wissen haben, müssen die Fernsehmacher ausmalen. Aber auch dort nur in Absprache mit den Ermittlern.

Kaum Zeit zum Nachdenken

Ina-Maria Reize-Wildemann, Jackett, Foulard, Lesebrille, behält die Übersicht. Auf der Redaktion im wenige Kilometer entfernten Ismaning koordiniert sie alle Drehs. Ihr Pult ist aufgeräumt, im Regal stehen geordnet «Kriminalisten-Fachbuch KFB: Kriminalistische Kompetenz», Band 1 und 2. Sie sagt: «Wir sehen uns als Fernsehmacher, die ihr Know-how den Ermittlern zur Verfügung stellen.» An die Wand gelehnt steht eine eingerahmte Titelgeschichte: «Fall nach 29 Jahren gelöst!» Nach einer «XY»-Sendung packte einer aus – er hatte einst seinem Kumpel beim Verscharren der Leiche geholfen. «Dafür machen wir unsere Arbeit.»

Zeit, über die Tragik nachzudenken, bleibt kaum. Szene um Szene wird aufgebaut, bei Bedarf geprobt und abgedreht. Der Umgangston ist freundlich, aber deutlich. «Peter, gibt mal mehr Rauch da oben!», tönt es etwa. Als ein Zeitungsausträger die Zeitung nicht so hinlegt, wie sich der Kameramann das vorstellt, zeigt es dieser gleich selber vor. Oder: «Die Polizei! Wir brauchen die Polizei wieder!» Zwei Männer in blauen Jacken der Kantonspolizei Aargau stellen ihre Kaffeebecher ab, gehen auf Position. Sie sind echte Polizisten – aus Bayern. Das Löschfahrzeug gehört der Feuerwehr Geiselbullach, einer der Feuerwehrmänner ist der Sohn des Requisiteurs.

Die Kennzeichen mit «FFB» für Fürstenfeldbruck werden durch nachgemachte AG-Kennzeichen ersetzt. Auf der Fahrertür ein Logo: «Feuerwehr Aargau». Nach dem letzten Einsatz werden die Plaketten abgenommen. «Aargau ist weg», meldet der Feuerwehrmann seinem Kommandanten. «Gut, dann können wir uns wieder einsatzbereit melden.» Es ist kurz vor 20 Uhr. Die Regisseurin sagt: «Danke fürs Frieren!» Dann ist «Mittagspause», nach dem Znacht geht es in den Nachtdreh. Es hat aufgehört zu regnen.

Realisation: Elia Diehl

Cards: Vierfachmord Rupperswil – Fakten und Thesen

Autor

Mario Fuchs

Mario Fuchs

Meistgesehen

Artboard 1