Lenzburg

Erster Leiter Daniel Hug verlässt die Stadtverwaltung – allerdings nicht freiwillig

Daniel Hug im Gang des Rathauses, das 15 Jahre lang sein Arbeitsort war.

Daniel Hug im Gang des Rathauses, das 15 Jahre lang sein Arbeitsort war.

Als erster Verwaltungsleiter hat Daniel Hug der Stadt professionelle Strukturen verpasst. Seine unheilbare Krankheit zwingt ihn nun zur vorzeitigen Pensionierung

Die grossflächigen, selbst geschossenen Fotos mit dem farbenprächtigen Leben der Unterwasserwelt sind von den Wänden verschwunden. Das Pult ist aufgeräumt, die Büchergestelle leer. Einige wenige Erinnerungsstücke liegen im Büro noch herum, etwa an das 700-Jahre-Stadtrechtsjubiläum 2006 und die Fernsehsendung «SF bi de Lüt» 2011. Einzig das Schild «Daniel Hug, Leiter Stadtverwaltung» am Türeingang weist noch auf den Bürobenutzer hin.

Nach 15 Jahren verlässt Daniel Hug die Lenzburger Stadtverwaltung. Nicht freiwillig. Zwei Jahre vor der ordentlichen Pensionierung zwingt seine Krankheit den Doktor der Betriebswissenschaft der Universität Zürich in die Knie. Hug ist an Multiple Sklerose erkrankt. Vor vier Jahren hat er die niederschmetternde Diagnose erhalten.

Daniel Hug spricht offen über seine Krankheit. Anzeichen, dass mit seinem Körper etwas nicht stimmt, waren schon früher da, erzählt er. «Am Jugendfest 2011 bin ich im Rathaus regelrecht die Treppe hochgestolpert.» Dass es kein gewöhnliches Straucheln war, merkte Hug bald, als sich ähnliche Zwischenfälle wiederholten. Er bekam Schwierigkeiten beim Laufen, musste die Joggingschuhe an den Nagel hängen, ebenso seine Leidenschaft, das Tauchen. Die Hoffnung, die Krankheit medikamentös stoppen zu können, zerschlug sich bald. Schleichend frass sie sich immer weiter in seinen Körper und machte Daniel Hugs vorzeitigen Rückzug aus dem Berufsleben unumgänglich.

Für das Gespräch mit der AZ fährt der scheidende Leiter der Stadtverwaltung ein letztes Mal den Computer hoch, unterstreicht seine Aussagen mit Grafiken und Excel-Files, die im Verlaufe der Jahre entstanden sind.

Controller, Personalchef und mehr

Als Daniel Hug im September 2002 die Stelle als Leiter der Stadtverwaltung Lenzburg antrat, war sein Computer leer, Strukturen fehlten in der Verwaltung. Der neu geschaffene Job sollte den damaligen Stadtschreiber entlasten.

Das Controlling der städtischen Verwaltung wurde zu einer der Hauptaufgaben des neuen Stadt-CEOs. Hug zieht eine positive Bilanz. Stolz präsentiert er die Grafik mit der Entwicklung der finanziellen Situation Lenzburgs. Bei seinem Amtsantritt steckte die Stadt in tiefroten Zahlen: 27 Millionen Franken betrugen die Gesamtschulden. Vergangene Woche bei der Bilanzpressekonferenz konnte Finanzministerin Franziska Möhl ein Vermögen von 13 Millionen ausweisen. Tatsächlich haben in den letzten 15 Jahren einzig die 10 Millionen Franken, welche Lenzburg an die Ausfinanzierung der Aargauischen Pensionskasse leisten musste, den Schuldenabbau kurzfristig zu stoppen vermocht.

Gerade deshalb hat sich Daniel Hug furchtbar geärgert, als im vergangenen Dezember die FDP dem Stadtrat strukturelle Probleme in der Verwaltung vorwarf und mit einer Motion den städtischen Finanzhaushalt infrage stellte. Hug war derart aufgebracht, dass er, entgegen den sonstigen Gepflogenheiten im Einwohnerrat, als Auskunftsperson das Wort verlangte und seinem Ärger Luft verschaffte.

Die Motion war in Hugs Augen realitätsfern und unangebracht. Auch dass man im Vorfeld nicht darüber gesprochen habe, bedauert er noch heute. «Bevor das Papier eingereicht wurde, hat niemand das Gespräch mit mir gesucht.» Er hätte den Motionären gerne aufgezeigt, dass die Stadt Lenzburg mit 140 Mitarbeitenden auf der Lohnliste im Vergleich mit andern Städten gleicher Grösse «personell knapp bestückt ist». Und dass in der Verwaltung effizient gearbeitet werde, was von den Prüfungsorganen auch immer wieder schriftlich bestätigt werde. «Zum Teil sind es die gleichen Leute, welche die Motion unterzeichnet hatten», sagt Hug und schüttelt den Kopf. Daniel Hug war in der städtischen Verwaltung auch Personalchef und zugleich für die Personaladministration und die Führungsschulung zuständig.

Politik hat sich stark verändert

Dieser Schnellschuss der FDP-Fraktion sei jedoch nur ein Beispiel, wie in der städtischen Politik in den vergangenen 15 Jahren ein einschneidender Kulturwandel stattgefunden habe, hält Hug fest. Früher sei das Interesse von Einwohnerrat und Geschäftsprüfungs- und Finanzkommission (GPFK) an der Stadtverwaltung grösser gewesen als heute. Die Kommunikation zwischen den Parteien war konstruktiv und zukunftsgerichtet. Das habe sich radikal geändert, bedauert er. «Heute wird im Einwohnerrat sofort geschossen, trotz bürgerlicher Mehrheit im Stadtrat.»

Auf welche Errungenschaften ist Daniel Hug besonders stolz? Da muss er nicht lange überlegen und fängt an aufzuzählen: «Zum Beispiel die Regionalisierung des Zivilstandsamts für den ganzen Bezirk und der Regionalpolizei inklusive Fusion mit der Repol Seetal. Die Repol umfasst mittlerweile 22 Gemeinden. Hinzu kommt die Zusammenarbeit mit Nachbargemeinden bei der Steuer- und Bauverwaltung.» Ein Lächeln huscht über Hugs Gesicht, wenn er von den bereits erwähnten grossen Events, dem Stadtrechtsfest und «SF bi de Lüt», spricht. Beide haben den Stadt-CEO ebenfalls stark beschäftigt.

Kein Selbstmitleid

Das ist alles Vergangenheit: Heute diktiert der angeschlagene Körper Hugs Alltag. Die einfachsten Bewegungen sind beschwerlich geworden. Beispielsweise gehorcht das rechte Bein dem Befehl aus dem Kopf nicht mehr. Daniel Hug demonstriert, wie er beide Hände zu Hilfe nehmen muss, wenn er das Bein bewegen will. Sein Auto habe er deshalb behindertengerecht umbauen lassen, erzählt er. Jetzt kann er alle wichtigen Funktionen mit den Händen auslösen. Dadurch könne er sich eine gewisse Mobilität erhalten, sagt Hug. Ansonsten ist jeder Schritt eine Schinderei geworden. Und zeitaufwendig. Während ein gesunder Mensch die Treppe im Lenzburger Rathaus in kürzester Zeit überwindet, benötigt Daniel Hug mittlerweile zehn Minuten, um sich Stufe für Stufe bis in sein Büro im zweiten Stock hochzuhangeln.

Jetzt sagt Hug: «Ich mag nicht mehr.» Die Müdigkeit und die abnehmende Konzentrationsfähigkeit belasteten ihn zunehmend. Mit dem Schicksal hadern will er jedoch nicht. «Ich hatte fast 60 gute, gesunde Jahre.» Auch Selbstmitleid lässt er nicht aufkommen. Das würde Hugs Charakter nicht entsprechen. Dadurch behindere man sich selber nur noch zusätzlich, sagt er.

Jetzt ist am Horizont wieder ein Silberstreifen aufgetaucht. Ein neues Medikament, das kürzlich auf den Markt gekommen ist, könnte den Krankheitsverlauf verlangsamen. Für Daniel Hug ist das ein Hoffnungsschimmer, an den er und seine Familie sich im Moment klammern.

Meistgesehen

Artboard 1