Seon
Erst mit 33 hörte er die Vögel pfeifen – jetzt hat er das Malermeister-Diplom

Der hörbehinderte René Keller kann Lippen lesen. Vor wenigen Jahren erhielt er - nach einer Operation - ein 15'000 Franken teures Wunder der Medizin, dank dem er deutlich besser hört. Das hat seine Lebensqualität deutlich erhöht.

David Egger
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Der hörbehinderte Malermeister René Keller bessert die Ecke einer Wand aus.Kleines Bild: Der äussere Teil des sehr teuren Cochlea-Implantats.
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Der äussere Teil des sehr teuren Cochlea-Implantats.
Dieses 15 000 Franken teure Wunder der Medizin hat Kellers Hörfähigkeit markant verbessert.
René Keller

Der hörbehinderte Malermeister René Keller bessert die Ecke einer Wand aus.Kleines Bild: Der äussere Teil des sehr teuren Cochlea-Implantats.

Sandra Ardizzone

Der Stahlkessel schepperte laut wie ein Presslufthammer, als Elsbeth Keller ihn vor 35 Jahren auf den Boden der Waschküche knallte. Ihr eineinhalbjähriger Sohn René tat keinen Wank. So merkte seine Mutter, dass etwas nicht stimmte mit ihm. Seine Hörschnecke war nicht mehr intakt. Zerstört als Nebenwirkung der Antibiotika, die René Keller wegen Asthma einnehmen musste. Nun war er gehörlos.

Seit der Diagnose sprach René Kellers Umfeld Schriftdeutsch, damit ihm das Lippenlesen leichter fiel. Heute hört der in Seon wohnhafte René Keller wieder, versteht und spricht auch Schweizerdeutsch: Er besuchte acht Jahre lang die Sprachheilschule in Münchenbuchsee, wechselte später an den «Landenhof», eine Schule für Schwerhörige in Unterentfelden. Und 2011 wurde er schliesslich operiert und erhielt ein sogenanntes Cochlea-Implantat, das aus zwei Teilen besteht.

Der externe Teil haftet magnetisch am Kopf und überträgt die akustischen Signale an eine implantierte Spule, die via Elektroden den noch intakten Hörnerv stimuliert.

Dieses 15'000 Franken teure Wunder der Medizin hat Kellers Hörfähigkeit markant verbessert. «Nach der Operation hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben die Vögel pfeifen. Das war echt schön», sagt Keller. Das tönt idyllisch, ist aber nur die Hälfte der Wahrheit.

Im Pausenraum des Malergeschäfts Furter in Oberentfelden nämlich, gleich neben einem Pin-up-Girl, tickt eine tellergrosse Wanduhr laut vor sich hin. «Dieses Geräusch kannte ich vorher nicht. Es ist extrem nervig.» Das Doofe daran: Die Uhr tickt ab Mai noch lauter. Zumindest in René Kellers Ohren. Dann erhält er auch bei seinem linken Ohr ein Cochlea-Implantat. Er hört dann noch besser – und läuft gleich zweifach Gefahr, dass der äussere Teil des Implantats an einer Gerüststange hängen bleibt, weil es magnetisch ist. Einmal ist ihm das schon passiert.

Wer mit René Keller spricht, muss in seine Augen schauen, wenn er verstanden werden will. Nur dann kann Keller die Lippen gut lesen.

Im Restaurant fällt er auf

Doch nicht nur seine Gesprächspartner schauen ihn konsequent an, sondern auch Fremde. Sie sind irritiert: vom Cochlea-Gerät an seiner rechten Kopfseite, von der Gebärdensprache, die er manchmal zuhilfe nimmt, wenn er mit seiner gehörlosen Frau spricht, und von seiner Sprache: Sein Schweizerdeutsch ist noch nicht perfekt. Die starrenden Blicke von Fremden haben ihn früher fürchterlich aufgeregt, sagt er. Normal ins Restaurant gehen und mit seiner Frau den Abend geniessen: unmöglich. «Wenn mich Kinder anstarren, verstehe ich das. Aber von Erwachsenen finde ich es mit der Zeit unanständig.»

Bei seiner Arbeit für das Malergeschäft Furter in Oberentfelden trifft er aber oft auf Kunden, die sich an hörbehinderte Menschen gewöhnt sind, wegen des «Landenhofs» in Unterentfelden.

Diesen März erlangte Keller das Malermeister-Diplom, er hat nun die gleiche Ausbildung wie sein Chef Markus Furter. Dieser sagt: «René ist der beste Stellvertreter, den ich mir vorstellen kann. Nur das Telefon kann ich nicht auf ihn umleiten.» Denn Keller kann zwar telefonieren, aber nur mit Menschen, deren Stimme er schon sehr gut kennt. Bei allen anderen ist er darauf angewiesen, auch die Lippen zu sehen.

Bei der Malermeister-Ausbildung die Lippen des Schweizerdeutsch sprechenden Lehrers zu lesen, und das erst noch in einem Raum mit 20 Menschen: Das war für Keller nicht möglich. Und so sass im Unterricht jeweils gleich neben ihm eine Dolmetscherin, die das Gesagte in hochdeutsche Lippenbewegungen übersetzte. Zuerst wehrte sich die IV dagegen, dann übernahm sie doch noch die Kosten dafür.

Heute ist René Keller, Vater eines 7 Jahre alten leicht hörbehinderten Sohnes, mal im Büro und mal auf der Baustelle unterwegs. Er bezeichnet sich selber als zielstrebigen Perfektionisten. So geht er zum Beispiel bei Abdeckarbeiten sehr genau vor. «Das ist wichtig, dann muss ich nachher nicht putzen.» Und sein Chef sagt: «René ist auf Details erpicht. Bei solchen Sachen trennt sich die Spreu vom Weizen.»

In seiner Freizeit spielt Keller für den Gehörlosen-Sportclub Aarau, mit dessen Futsal-Team er schon mehrmals Schweizermeister wurde. Für die Spiele müssen alle Spieler ihre Implantate und Hörgeräte entfernen, der Chancengleichheit zuliebe. Und so hören sie es nicht, wenn sie den Ball gegen den Pfosten hämmern.

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