Lärmempfindlichkeit

Erst ein anonymer Drohbrief, jetzt eine Petition: Das traditionelle Geisselklöpfen sorgt in Seengen für Unmut

Die Chlausklöpf-Wettbewerbe, wie hier auf dem Metzgplatz in Lenzburg, haben eine grosse Anhängerschaft. (Bild: 19.12.17)

Die Chlausklöpf-Wettbewerbe, wie hier auf dem Metzgplatz in Lenzburg, haben eine grosse Anhängerschaft. (Bild: 19.12.17)

In der Seenger Bevölkerung kommt Lärmempfindlichkeit auf. Erst ein anonymer Drohbrief und jetzt eine Petition, die wieder zurückgezogen wird: Das traditionelle Geisselklöpfen sorgt in der Gemeinde für Stunk.

In der vergangenen Woche ist bei den Seenger Chlausklöpfern Post eingegangen. In einem anonymen Brief wird die langjährige Tradition an den Pranger gestellt. «Das Klöpfen ist zur Unsitte geworden und erinnert zum Beispiel an Terroranschläge», zitierte «Tele M1» über den Inhalt des Schreibens. In den Sozialen Medien war das Unverständnis über diese Aussage bereits gross.

Gestern drohte dem Brauchtum weiteres Ungemach. Auf der Onlineplattform www.petitio.ch wurden «Ruhezeiten ohne Geisselklöpf-Lärm» gefordert. Es werde zuwenig auf die Mitbürger geachtet, beklagt sich Danijel Gavrilovic aus Lenzburg, der die Petition, unterstützt von Familie und Freundeskreis, lanciert hat. Die aktuelle Pandemiesituation bereite Stress genug, schreibt der Petitionär.

Das Geisselknallen führe dazu, dass die Bürger in Lenzburg auch abends und sonntags keine Ruhe mehr finden. Gavrilovics’ Forderung: Über die Mittagszeit von 12 bis 13 Uhr und abends von 18 Uhr bis morgens um 8 Uhr sollen die Geisseln in Zukunft ruhen. An Sonn- und Feiertagen soll künftig gar nicht mehr geklöpft werden.

Klöpfzeiten im Polizeireglement geregelt

Das Geisselklöpfen ist ein Brauch, der in diversen Gemeinden in der Region Lenzburg regelmässig in der Vorweihnachtszeit gepflegt wird. Die Zeit, in welcher die Geisseln geschwungen werden dürfen, ist jedoch begrenzt. In diesem Jahr ist dies in Lenzburg vom 1. November (in andern Gemeinden etwas später) bis am 10. Dezember der Fall.

«Zu welchen Tageszeiten geklöpft werden darf, ist im Polizeireglement der Gemeinden im Einsatzgebiet der Regionalpolizei Lenzburg festgehalten», erklärt der Co-Präsident des Ausschusses der Lenzburger Chlausklöpfer, Manuel Silva, auf Anfrage.

Samstag, 7. November 2020 — Ganze Sendung

Aktuell von TeleM1: Sendung vom 7. November 2020

Der zeitliche Rahmen für das Geisselklöpfen ist unter Paragraf 10 «Lärmschutz» definiert: Dort steht, dass während der Saison abends bis um 22 Uhr und morgens ab sechs Uhr geklöpft werden kann. Eine Sonderbewilligung liegt für den Chlausmarktmorgen vor. Auf ihrer Website haben die Chlausklöpfer folgende Richtlinien festgelegt: «Am frühen Morgen, über den Mittag und am Abend nach 21 Uhr klöpfen wir nicht.»

Kein Verständnis für die Beschwerden

Co-Präsident Manuel Silva bedauert die Schlagzeilen, welchen die Chlausklöpfer derzeit ausgesetzt sind. «Das Brauchtum ist eine friedliche Angelegenheit und soll die Gemeinschaft fördern. Dieses mit Gewalt und Terror zu vergleichen, ist an den Haaren herbeigezogen», sagt er zum anonymen Schreiben und schüttelt den Kopf.

Silva betont, die Chlausklöpfer leisteten in der Öffentlichkeit sehr viel Aufklärungsarbeit rund um die Tradition. Und er appelliert an das Verständnis jenes Teils der Bevölkerung, welcher dem Geisselklöpfen nicht so nahe stehe. «Wir hoffen auf ein Zeichen von Solidarität dieser Mitbürgerinnen und Mitbürger.»

Jeweils am dienstags wird gleichzeitig geklöpft

Auch die Geisselklöpfer sind von der Pandemie betroffen und können in diesem Jahr das Programm nicht wie geplant absolvieren. Der Regional-Wettbewerb im Dezember musste gestrichen werden. Es wird ein Online-Wettbewerb durchgeführt. Zudem schwingen die Klöpfer in der Region jeden Dienstag im November gleichzeitig die Geissel. Ein «Konzert» findet heute Abend von 19 bis 19.30 Uhr statt.

Petitionär hat es sich nun anders überlegt

Gestern Morgen hat die AZ mit Danijel Gavrilovic ein Gespräch zu seiner Online-Petition geführt. Am Nachmittag mochte er seine Aussagen nicht mehr bestätigen. Nach Rücksprache mit seinem Freundeskreis sei er zum Entschluss gekommen, die Situation vorerst zu beobachten, hält er in einer Mail fest. Und: «Wir hatten jetzt doch das Gefühl, dass wir hier einen wichtigen Teil der Tradition begrenzen würden.» Gavrilovic will seine Petition nun zurückziehen.

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