Die Kontroverse um das Schulhaus, die Probleme mit dem Wachstum: Birrwil erlebt turbulente Zeiten. So muss in drei Wochen Gemeinderat Heinz Neeser (68, parteilos) ersetzt werden. Er ist im Gefolge der Diskussionen um den Schulhaus-Neubau ausserplanmässig zurückgetreten. Ein Einziger hat sich offiziell für seine Nachfolge angemeldet: der Berufsschullehrer Alexander Pirchl (51, parteilos). Er hat im Dorf politisch schon viel bewegt.

Grossgewachsen, mit meliertem Haar und wachen Augen steht er an einem nebligen Novembermorgen bei der «Schifflände» von Birrwil. «So wenig Wasser habe ich hier noch nie gesehen», sagt er: «Mittelfristig wird Birrwil auch für seine Wasserversorgung eine neue Lösung suchen und mit Nachbargemeinden zusammenarbeiten müssen.» – «Zusammenarbeit», das ist beinahe ein Reizwort in Birrwil. Im Dorf, das trotz Wachstum so viel abgeben soll.

Bauland will ihm der Kanton nehmen (Bürger an der Sommergmeind: «Das ist doch Gemeindesache!»). Und die für die ganze Region wichtige Seetalstrasse legt der Kanton für den Durchgangsverkehr aus statt fürs lokale Dorfleben («Aber das ist doch unsere Strasse!»). Ebenso die Obere Wannenstrasse, die eher ein asphaltierter Weg ist und direkt ins ruhige Dorfzentrum mit Beiz, Schule und Gemeindehaus führt. «Es wäre schön, den Dorfcharakter zu bewahren», meint denn auch Alexander Pirchl: «Etwas anderes fände ich unfair vom Kanton.» Und nun soll der Beitritt zur Kreisschule Süd folgen. Birrwil hätte dann nur noch einen Schulrat, zusammen mit Nachbar Beinwil am See. «Dort hätten wir dann vier, fünf Schüler. Was, wenn wir die Einzigen sind, die etwa eine Randstundenbetreuung wünschen? – Das wird nicht umgesetzt werden», antwortet Pirchl gleich selbst. «Zusammenarbeiten», das heisst für viele Birrwiler: weniger Selbstbestimmung, weniger Lebensqualität. Manche sind konsterniert, fühlen sich überfordert.

Einen politischen Diskurs führen

Alexander Pirchl will das ändern. Seit zweieinhalb Jahren betreibt der Berufsschullehrer deshalb den Blog «Der Berbuer», der sich um das lokale Dorfleben dreht. Pirchl schreibt über Politik, sammelt Leser-Ideen für die Belebung vom Dorfplatz oder produziert ein Video, das erklärt, wie eine Melioration funktioniert. Leser werten, kritisieren und kommentieren. Und sie sind einige: 180 Abonnenten hat Pirchls Newsletter, selbst an Gemeindeversammlungen kommt es vor, dass sich Redner auf seine Artikel beziehen.

Nach den Turbulenzen im Dorf will Pirchl beruhigend wirken, dazu beitragen, dass der Gemeinderat möglichst gut funktioniert. Und dann wünscht er sich mehr Information für die Bevölkerung. «Sich nicht mehr auf das Vorgeschriebene beschränken, sondern auch von sich aus informieren», sagt er. Mehr Gemeindenachrichten, gelegentliche Zwischenberichte an die Bevölkerung. «Halbjährlich an der Gemeindeversammlung fertige Traktanden zur Annahme oder Ablehnung präsentieren, das reicht nicht.»

Ein Mann mit grosser Erfahrung

Pirchl war es auch, der an der vergangenen Sommergmeind mitentscheidend gegen den Beitritt zur Kreisschule Süd argumentiert hat. Dabei ist er gar nicht gegen den Beitritt, Nachteile hin oder her: «Es ging darum, dass wir vor einem Entscheid doch unsere Möglichkeiten abklären sollten.» Die Stimmbürger beauftragten den Gemeinderat damit, bis zur nun anstehenden Gemeindeversammlung Alternativen in der Region abzuklären. Die angefragten Schulen zeigten kein Interesse und so kommt der Beitritt nun erneut vor die Gemeinde. Für Pirchl war es kein Votum gegen die Kreisschule Süd, sondern ein Votum für mehr Information. Für seine bestimmten, aber sachlichen Auftritte an Gemeindeversammlungen wird Alexander Pirchl schon lange geschätzt.

«Ich habe immer Nein gesagt, wenn mich jemand fragte, ob ich in den Gemeinderat will», erzählt er. Das war auch Herbst des letzten Jahres so, als die Erneuerungswahlen anstanden. Was hat sich geändert? «Lange war ich der Überzeugung, dass ich in der Legislative gut aufgehoben bin, weil ich dort dazu beitragen kann, dass die Waage zwischen den zwei Gewalten ausgeglichener ist». Doch wegen der Turbulenzen der vergangenen Monate und den häufiger werdenden Anfragen beschloss er schliesslich doch noch eine Kandidatur. «Ich will Ruhe in den Gemeinderat bringen», sagt er. «Dabei spüre ich eine extreme Verantwortung, die Leute erwarten sehr viel.»

Alexander Pirchl will sich für die allfällige neue Aufgabe auf seine Erfahrung stützen, auf das, was er kann. Der studierte Musiktherapeut hat in verschiedenen Bildungskommissionen an kantonalen und schweizerischen Lehrplänen mitgearbeitet. An der Berufsschule Brugg lehrt er angehende Kinder- und Behindertenbetreuer in Zusammenarbeit und Konfliktbewältigung.

Alexander Pirchl ist mit Tina (43) verheiratet und hat einen Sohn (14).