125-jähriges Jubiläum

Er hat die Geschichte der Bahnstrecke Wildegg-Lenzburg hautnah miterlebt: Ernst Jufer (75)

Die Bahnstrecke Wildegg–Lenzburg würde dieses Jahr 125 Jahre alt. Sie prägte das Leben von Ernst Jufer (75).

1895 stand Niederlenz nicht zum einzigen Mal Kopf: Eine eigene Eisenbahnstrecke! Dank dem Direktor der Seetalbahn, Theophil Schmidlin, kam gehörig Leben in das kleine Dorf. Und genau fünfzig Jahre später kam Ernst «Jimmy» Jufer zur Welt. Der heute 75-Jährige sitzt auf der Terrasse seines Elternhauses und zeigt auf eine hinter ihm liegende Häuserzeile: «Als Kind stand diese noch nicht, und wir sahen direkt auf den Bahnhof hinunter.» Um diesen hat sich in seiner Kindheit alles gedreht. Mit dem Feldstecher las der Vater die Tafel ab, auf der Spezialzüge verkündet wurden.

Der kleine Jimmy lieferte Vögel vom Postzug aus

Wenn etwa der Zirkus Knie durch Niederlenz ratterte, stand das halbe Dorf auf den Beinen. Langweilig wurde es nie: Der ansässige Viehhändler liess mit dem Zug Kühe kommen, die Industriewerke Kohle, und wenn der Postzug eine Expresslieferung brachte, schwang sich der kleine Jimmy auf das Velo und flitzte los, um sie auszuliefern. «Da waren auch Vögel für einen weiteren Händler dabei», lacht Jimmy Jufer. Später setzten die Lausbuben beim Spielen beinahe einen kleinen Zug aus Kohlewägeli in das Feuerwehrmagazin, die auf dem Dorfplatz darauf warteten, mittels Traktor zu einer Fabrik hochgeschleppt zu werden.

Der Mutter erzählte Jimmy, er wolle einmal Gramper werden, einer, der in mühseliger Handarbeit den Schotter ins Gleisbett zurückstösst. «Spinnsch, das git Rüggeweh!», trieb sie ihm das gleich wieder aus. Also wurde er Mechaniker und pendelte zur BBC nach Baden. «Eine spannende Arbeit, doch die anderthalb Stunden, die ich täglich im Zug sass, die reuten mich.» Und von Niederlenz wegziehen, das kam nie in Frage: Da waren seine Musikgesellschaft, der Bahnhof und die Freiwillige Feuerwehr: Jahre nach seinem Malheur mit den Kohlewägeli lernte er das Magazin doch noch von innen kennen. Bald erfuhr er, dass BBC auch eine Niederlassung in Lenzburg hat: «Und plötzlich konnte ich mit dem Velo zur Arbeit fahren und zu Hause Mittagessen», erzählt Jufer. Kurz darauf lernte er auch seine Frau kennen, man zog in eine Wohnung wenige Meter vom Elternhaus, und am Wochenende ging es auch schon mal mit dem Roten Pfeil in die schöne Schweiz hinaus: Jimmy Jufers Leben war perfekt.

Ein Dorf wird vom Netz genommen

1984 dann der für Jimmy Jufer traurige Schlusspunkt der Bahn, noch ein letzter Zug, dann war Schluss. So wollten es die SBB. «Wieso, haben wir nie verstanden, die Züge waren doch immer gut gefüllt», erzählt Jufer. Er stand auf dem Balkon seiner Wohnung, mit der Kamera in der Hand blickte er wehmütig zum Bahnhof hinab. Während Niederlenz unten an den Gleisen den letzten Zug mit Feuerwerk verabschiedete, fühlte sich Jufer elend. «Ich fühlte mich wie auf einer Beerdigung.» Doch zu ändern war es nicht mehr. Jufer verabschiedete sich vom gut befreundeten Bahnhofsvorsteher, und bald begann die Natur damit, die verlassenen Gleise zurückzuerobern. Immerhin kaufte ein Bekannter den SBB den Bahnhof ab und richtete ein Restaurant ein. «Das rechne ich Rolf Baumann hoch an. Die Züge sind weg, aber wenigstens hat Niederlenz noch seinen Bahnhof.»

Stolz ist Jimmy Jufer darauf, dass es auf «meinem Mist gewachsen ist», dass die Schienen anlässlich des 700-Jährigen der Gemeinde noch einmal in Betrieb genommen worden sind. Die SBB gab die Erlaubnis, der Zivilschutz rodete die Gleise, und kurz darauf dampfte tatsächlich noch einmal eine historische Eisenbahn über das Trassee, wie zu Zeiten des Direktors Theophil Schmidlin. Der war einmal so hässig auf Niederlenz, dass er das Dorf über Mittag kurzerhand von der Seetalbahn abschnitt: Auf Geheiss des Chefs mussten die Lokführer anno 1912 einfach durchfahren. Hintergrund war ein Streit um die beiden Kiesgruben im Dorf, die eine gehörte der Gemeinde, die andere der Seetalbahn. Die Gemeinde obsiegte vor Gericht, der Direktor rächte sich auf seine Weise. Etwa ein Jahr musste Niederlenz über Mittag ohne Bahn auskommen, bis sich Schmidlin endlich versöhnlich zeigte. Der Zufall wollte es, dass just auch noch ein Niederlenzer den ersehnten ersten Zug in den Bahnhof fuhr: Für das ganze Dorf gab es kein Halten mehr. Bis tief in die Nacht wurde getanzt und gefeiert. Jimmy Jufer würde es heute noch genauso halten.

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