Lenzburg
Einwohnerratspräsidentin: «Ansonsten droht Lenzburg zur Schlafstadt zu werden»

30 Jahre jung und bereits «höchste Lenzburgerin» – Linda Kleiner, SP, nimmts gelassen. Dafür sagt sie klar, dass die Region im Kanton mehr Gewicht bekommen soll. Und es bestehe die Gefahr, dass Lenzburg zur Schlafstadt wird.

Ruth Steiner und Fritz Thut
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Linda Kleiner, neue Einwohnerratspräsidentin (SP) von Lenzburg.

Linda Kleiner, neue Einwohnerratspräsidentin (SP) von Lenzburg.

Emanuel Freudiger

Ist Ihnen bekannt, wie viele Frauen vor Ihnen den Einwohnerrat bereits präsidiert haben?

Ja, ich bin die dritte Frau. Eine meiner Vorgängerinnen kommt ebenfalls aus der SP. Sabina Binggeli, sie präsidierte den Rat Ende der neunziger Jahre.

Wie wird bei Ihnen das weibliche Element im Ratsgeschehen spürbar?

Ich werde den Rat auf meine Art führen, ohne dabei Gedichte zu zitieren. Weiter werde ich die Kultur des lösungsorientierten Dialogs, der in Lenzburg vorherrscht, weiter pflegen. Natürlich habe ich einen andern Blick auf Lenzburg als jemand, der zwanzig Jahre älter ist als ich.

Linda Kleiner

Die Einwohnerratspräsidentin spaziert am liebsten durch die Gassen der Stadt. Die 29-jährige Kauffrau ist bereits seit 25 Jahren in Lenzburg daheim. Sie arbeitet in einem Schweizer Detailhandelsunternehmen als Leiterin Vertragsmanagement. In Ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit Lesen, Reisen, Yoga und natürlich der Politik. Sie ist Mitglied der sozialdemokratischen Partei. Seit 2006 sitzt sie im Einwohnerrat und ist Mitglied der Jugendkommission. Zudem ist sie im Vorstand vom Verein Wohnen 16plus aktiv. (Str)

Sie sind eine noch sehr junge Präsidentin. Betrachten Sie dies als Handicap?

Nein. Ich nehme zwar an, dass da und dort wegen meiner Jugendlichkeit mögliche Bedenken vorhanden sind. Ich betrachte jedoch gerade diese Skepsis als ganz spezielle Herausforderung, der ich mich gerne stelle.

Wann haben Sie sich für die Kandidatur zur «höchsten Lenzburgerin» entschieden?

Das hat sich an einer Fraktionssitzung relativ kurzfristig herausfiltriert. Die Sozialdemokraten hatten damals eine amtsjunge Fraktion. Und ich, trotz meines Alters, war bereits ein «alter Hase». Stadtammann Daniel Mosimann ausgeklammert, bin ich mit zwei Amtsperioden bereits die amtsälteste SP-Politikerin. Schlussendlich blieb als Alternative einzig die Weitergabe des Amts an eine andere Fraktion übrig.

Im Interview vor zwei Jahren mit der az erklärten Sie, von Ihrem Amtsvorgänger Roger Strozzega viel lernen zu wollen. Was genau haben Sie von ihm mitnehmen können?

Natürlich habe ich ihm genau auf die Finger geschaut, habe ihn gut beobachtet. Doch ist die Sitzungsführung nur eine von vielen Aufgaben. Ein ganz wichtiger Punkt wird sein, Szenarien bereitzuhalten für den Fall, dass etwas nicht nach Plan verläuft.

Sie werden 30 Jahre alt und sind damit das zweitjüngste Mitglied, das den Vorsitz des Einwohnerrats innehatte. Vor Ihnen werden künftig einige Mitglieder mit den Jahrgängen Ihrer Eltern sitzen. Bereitet Ihnen das Kopfzerbrechen?

(Schmunzelt) Nein, gar nicht. Ebenso hoffe ich, dass auch die reiferen Jahrgänge keine Probleme mit diesem Umstand haben.

Auf welche Aufgaben freuen Sie sich ganz besonders?

(Lacht) Am meisten freue ich mich aufs Jugendfest. Dieses fällt nämlich genau auf meinen 30. Geburtstag. – Die Leitung der Einwohnerratssitzungen wird sicher eine grosse Herausforderung und ist mit viel Aufwand verbunden. Gespannt bin ich auf die vielschichtigen repräsentativen Aufgaben. Da wird sich mir eine ganz neue Welt eröffnen.

Apropos viel Aufwand. Sie sind seit 10 Jahren bei einem nationalen Detailhändler im Management tätig. Trägt Ihr Arbeitgeber das politische Engagement mit?

Mein Arbeitgeber ist informiert. Es ist jedoch klar, dass das Amt neben meinem Vollzeitjob Platz haben muss. Ich rechne damit, den einen oder andern Ferientag für die politische Tätigkeit einzusetzen.

Welche politischen Themen interessieren Sie besonders?

Die Schule und die Bildung im Allgemeinen. Da freu ich mich ganz besonders, dass wir mit der Schulstandortreform und den Bauprojekten im Lenzhard-Campus und auf dem Angelrainareal konkrete Projekte haben, die uns die nächsten beiden Jahre beschäftigen werden. Objektiv betrachtet ist es eine grosse Chance, die sich uns hier bietet. Auch wenn bei mir als ehemaliger Bezirksschülerin beim Verlust der heutigen Bez etwas Wehmut mitschwingt. Wichtig ist es auch, dass wir den Schülern die bestmöglichen Voraussetzungen für einen sicheren Schulweg schaffen.

In der vergangenen Legislatur haben aussergewöhnlich viele Einwohnerräte das Mandat niedergelegt. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Diese Entwicklung ist sehr bedauerlich, braucht es doch einen Moment, bis man sich in die Dossiers eingearbeitet hat. Ich finde, man sollte sich vorher überlegen, ob die notwendige Kapazität dazu vorhanden ist.

Im Gespräch vor zwei Jahren haben Sie den Charme des Städtchens speziell hervorgehoben. Was halten Sie von der zunehmenden Urbanität?

Die Integration der neuen Stadtteile «im Lenz» und «Widmi» werden uns fordern. Lenzburg wird den Neuzuzügern Angebote unterbreiten, ob sie diese annehmen und hier heimisch werden wollen, ist jedoch jedem Einzelnen überlassen. Ich denke, bei 10 000 Einwohnern werden wir den Plafond erreichen, den die Stadt erträgt. Doch wird der Ort, egal wie gross er dereinst wird, für mich seinen speziellen Charme immer behalten.

Welches sind für Sie die Vorteile eines zunehmenden Wachstums der Stadt?

Die Funktion als Zentrumsgemeinde ist sowohl Vorteil wie auch Herausforderung. Mit der wachsenden Bevölkerung sind auch Arbeitsplätze bereitzustellen. Ansonsten droht Lenzburg zur Schlafstadt zu werden.

Welches sind die grössten Nachteile?

Der drohende Verlust der spezifischen Eigenheiten der Stadt. Doch ist es, wie bereits erwähnt, eine Frage des Willens der Neuzuzüger, Lenzburg kennen- und lieben zu lernen. Und für uns Alteingesessene bietet sich wiederum die Chance, neue Gesichter kennenzulernen. Insofern ist diese Optik auch nicht als reiner Nachteil zu werten.

Wie wollen Sie als aktive Freischärlerin Neuzuzüger für das Brauchtum begeistern?

Wir Marketenderinnen kämpfen nicht mit Schiessgewehren, wir haben andere Waffen. Ich begrüsse die Bemühungen der Ortsbürger, die Traditionen am Neuzuzügeranlass vorzustellen. Doch muss man als Neuzuzüger auch der Typ sein, sich für die Aktivitäten begeistern zu lassen.

Wie wichtig ist es für das regionale Zentrum Lenzburg, dass das Schiff «Lebensraum Lenzburg Seetal» in Fahrt kommt?

Wir sind eingebettet zwischen Aarau und Baden. Es ist wichtig, dass die Region im Kanton mehr Gewicht bekommt. Lenzburg hat in dieser neuen Organisation als regionales Zentrum eine Führungsrolle einzunehmen, die es mit dem Stadtammann Daniel Mosimann als «Lebensraum»-Präsident auch wahrnimmt.

Welches sind die dringendsten Themen Lenzburgs, die in der Organisation «Lebensraum Lenzburg Seetal» diskutiert werden müssen?

Die Rolle der Zentrumsgemeinde ist mit hohen zusätzlichen finanziellen Belastungen verbunden. Ich hoffe durch die Zusammenarbeit im Lebensraum diesbezüglich auf Solidarität der Gemeinden. Beispielsweise im Hinblick auf die Gestaltung des Bahnhofplatzes müssen wir versuchen, die Partner stärker ins Boot zu holen.

Sie wurden 2005 auf Anhieb in den Einwohnerrat gewählt. Haben Sie weitere Ambitionen auf der politischen Bühne?

Ein Grossratsmandat reizt mich wohl weniger. Ich kann mir gut vorstellen, in den Rat zurückzukehren und wieder meine Meinung zu äussern. Auf lokaler Ebene ist später ein Exekutivamt durchaus denkbar. Mit 32 Jahren wird man kaum bereits in den Ruhestand gehen können. Grundsätzlich bin ich nämlich eine treue Seele.