Lenzburg

Einwohnerrats-Präsident Sven Ammann: «Villicht wär i hüt de Gigi vo Arosa»

Der neue Präsident des Einwohnerrats Sven Ammann vor seinem Betrieb «s’Bärli» im Herzen der Stadt Lenzburg.

Der neue Präsident des Einwohnerrats Sven Ammann vor seinem Betrieb «s’Bärli» im Herzen der Stadt Lenzburg.

Weshalb Sven Ammann seinen schweren Skiunfall heute als glückliche Wende in seinem Leben bezeichnet und was das Amt als Präsident des Einwohnerrats Lenzburg mit seinem Beruf als Gastronom zu tun hat.

Bis Ende 2021 präsidiert Sven Ammann den Einwohnerrat Lenzburg. Zehn Jahre, nachdem er auf der Liste der FDP auf Anhieb den Sprung in den Einwohnerrat geschafft und den heutigen Stadtrat Andreas Schmid hinter sich gelassen hatte. Aus einer Unternehmerfamilie stammend, hat der heute 41-jährige Ammann schon als 24-Jähriger mit dem Kultlokal Nachtschicht in der Lenzburger Altstadt den Weg in die Selbstständigkeit gewählt.

Die Nachtschicht ist mittlerweile Vergangenheit. Ammann hat sich beruflich einige Meter weiter in die Rathausgasse verlagert und besitzt dort zusammen mit seiner Frau Sandra seit 2012 das Restaurant s’Bärli, 2015 folgte die Bar-Taverne Leopold. Einige Jahre haben die beiden zudem die Bar Jojo in Aarau geführt.

Im «s’Bärli» empfängt Sven Ammann am frühen Morgen zum Gespräch. Bevor er sich eine Tasse Kaffee gönnt, werden die Lebensgeister mit einem frisch gepressten Orangensaft geweckt. «Das Schlafen kommt etwas zu kurz bei meiner Frau und mir», sagt er fast ein wenig entschuldigend. Seit der Geburt der beiden Kinder, der heute achtjährigen Elin und dem dreijährigen Nika, sind die beiden Vollblutgastronomen noch mehr gefordert, um Betrieb und Familie unter einen Hut zu bringen. «Wir haben uns gegen eine Kita-Lösung entschieden. Meine Frau und ich teilen die Kinderbetreuung auf», sagt er. Im Notfall springen die Grosseltern ein. Auch wenn er und seine Frau die Angebote nicht in Anspruch nähmen, unterstütze er Bemühungen um externe Kinderbetreuung sowie die Schaffung von Tagesstrukturen und genügend Schulraum im stark wachsenden Lenzburg, sagt er.

Im Pech das grosse Glück gefunden

Nomen ist Omen: In der ersten von Sven Ammann präsidierten Ratssitzung am 12. März geht es gleich bei drei Traktanden um diese Themen: Zum einen um die Überweisung der Motion von FDP, CVP, EVP und BDP zur Schulraumplanung mit Tagesschulen in Lenzburg, zum andern beantwortet der Stadtrat eine schriftliche Anfrage von Ammanns Partei, der FDP, zur Schulraumplanung im Oberstufenzentrum Lenzhard. Zudem hat der Rat über einen 4,6-Millionen-Franken-Kredit zu befinden. Damit soll die ehemalige Bleiche saniert und für schulische Belange und Tagesstrukturen genutzt werden (AZ 22.2.).

Dass er dereinst zum höchsten Lenzburger aufsteigen beziehungsweise jemals ein politisches Amt übernehmen würde, sei in seiner Lebensplanung überhaupt nicht vorgesehen gewesen, erzählt Ammann. Zwei folgenschwere Ereignisse lenkten Sven Ammanns Leben jedoch in völlig neue Bahnen: Zuerst ein Skiunfall, und ebenso unerwartet kam die Liebe.

Mit dem Abtransport im Helikopter der Rega nach einem schweren Sturz mit dem Snowboard fand Ammanns Karriere als Snowboardlehrer in den Bündner Bergen ein jähes Ende. Ohne diesen Zwischenfall «wär i villicht hüt de Gigi vo Arosa», sagt er und lacht herzlich über den Vergleich mit dem Gassenhauer von Ines Torelli. Heute bezeichnet er den Unfalltag, den «13. März 2000, als Glückstag in meinem Leben. Ohne dieses Datum hätte ich meine Frau Sandra wohl kaum kennen gelernt.»

Die BNO-Revision fällt in Ammanns Amtszeit

Das kam so: In Arosa hatte Ammann vorgehabt, einen Treffpunkt für Saisonniers, wie er einer war, einzurichten. Der Name existierte bereits: Nachtschicht. Dieser Traum sollte nun in Lenzburg realisiert werden. Das kaufmännische Rüstzeug holte der Jungunternehmer sich in der Handelsschule in Aarau. In den Schulbänken sass Sandra Stadler. Die junge Frau aus Hirschthal zog schon bald einmal nach Lenzburg. Und Stadlers Vater Peter, seit vielen Jahren Gemeindeammann in Hirschthal, zündete beim künftigen Schwiegersohn das Feuer für die Politik.

«Ich freue mich auf das Amt», sagt Ammann. Als Präsident wolle er dem Lenzburger Einwohnerrat ein guter Gast­geber sein. «Das ist die Aufgabe, die mir liegt und die ich mit viel Leidenschaft erfülle», zieht der Geschäftsmann Parallelen zur Gastronomie.

Diplomatie und Geschick wird er brauchen, es stehen happige Geschäfte an, die für viel Gesprächsstoff sorgen werden. Allen voran die Revision der Bau- und Nutzungsordnung (BNO). Mit rund dreijähriger Verspätung soll sie im Verlaufe dieses Jahres dem Einwohnerrat vorgelegt werden. «An die BNO sind so viele Geschäfte gekoppelt», sagt Ammann, «zum Beispiel der neue Bahnhof und die Umgebung, die Sanierung und Aufwertung der Bahnhofstrasse.» Doch ist er überzeugt, dass die Debatten anständig und re­spektvoll über die Bühne gehen werden. «So, wie man es sich vom Lenzburger Ratsgeschehen gewohnt ist.» Ammann kann gut leben damit, dass man deswegen in Lenzburg zeitweise etwas spöttisch von «Kuschelparlament» spricht.

So erlebt der Gastronom das wachsende Lenzburg

Sven Ammann freut sich auf die Repräsentationsaufgaben, die mit dem Amt verbunden sind. Auch wenn er aus beruflichen Gründen wohl nicht alle annehmen könne. Einzige Ausnahme bilden die zwei Jugendfeste. Egal, wie hoch es zu- und hergeht im Restaurant am schönsten Tag im Lenzburger Veranstaltungsjahr, an den zwei kommenden Jugendfesten wird man im Betrieb auf den Chef verzichten müssen. «Ich freue mich riesig darauf, diesen Tag einfach geniessen zu dürfen.»

Seit der neue Präsident im Einwohnerrat sitzt, ist Lenzburg um 2500 Einwohner (+ 30 Prozent) gewachsen. Wie bekommt Sven Ammann dies in seinen verschiedenen Rollen zu spüren? «Als Unternehmer stelle ich fest, dass die Gästeschar im Verlaufe der vergangenen Jahre vielfältiger geworden ist. Als Politiker habe ich mich praktisch die gesamte bisherige Amtszeit in irgendeiner Form mit der Schule und Schulraum beschäftigt.» Den Familienvater hingegen tangiere der zunehmende Betrieb im Stadtzentrum weniger. Als die Kinder kamen, sind Ammanns in ein Lenzburger Aussenquartier gezogen.

Mit Ausnahme des Abstechers in die Bündner Berge hat der 41-Jährige praktisch sein ganzes Leben in Lenzburg verbracht. Das soll im Moment so bleiben. Ammann schliesst jedoch nicht aus, dass er und seine Frau dereinst die Stadtgrenzen doch noch sprengen werden. Traumdestinationen hat er keine. «Ob Arosa oder Karibik würde in diesem Fall kaum eine Rolle spielen», sagt er und lacht. Im Moment sind derartige Gedanken Seifenblasen. Die Familie hat Vorrang. Und die Politik: An der Einwohnerratssitzung vom 12. März sitzt Sven Ammann erstmals auf dem Präsidentenstuhl.

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