Stadt Lenzburg
Einkaufsmeile Altstadt: «Wir brauchen einen 5-Stern-Laden und einen Hero-Shop»

Zwei Gewerbetreibende und Liegenschaftsbesitzer fordern: Für die Belebung der Innenstadt müssenHauseigentümer, Ladenbesitzer, Konsumenten und Politiker gemeinsam am Karren ziehen

Ruth STeiner
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Dorothee Schwarz und Urs F. Meier: 2017 müssen die leeren Schaufensterflächen in der Rathausgasse verschwinden. Chris Iseli

Dorothee Schwarz und Urs F. Meier: 2017 müssen die leeren Schaufensterflächen in der Rathausgasse verschwinden. Chris Iseli

Chris Iseli

Es ist schon einige Zeit her, seit man in der Lenzburger Altstadt Milch, Brot, Äpfel und Bananen einkaufen konnte. 2003 schloss die Denner-Filiale (heute Büro Ryser). Noch etwas länger ist es her, seit das Art Cigar in das Lokal einzog, welches verwaist war durch den Auszug des Kaffee- und Schokoladespezialisten Merkur. Damit habe die Innenstadt zwei wichtige Frequenzbringer verloren, sagen Dorothee Schwarz und Urs F. Meier. Beide sind Liegenschaftsbesitzer in der Altstadt und vermieten Ladenlokale. Sie sind überzeugt: Damit die Leute wieder mehr Lust auf Shoppen in der Altstadt haben, braucht es mehr Anbieter mit hoher Magnetwirkung. Und noch einiges mehr.

Wenn Sie durch die Lenzburger
Altstadt gehen, gefällt Ihnen, was Sie da sehen?

Dorothee Schwarz: Es ist sehr schade, wie wenig Menschen hier flanieren. Ich bin auch schon mitten am Tag in der Rathausgasse gestanden und war mutterseelenallein.

Urs F. Meier: Wir müssen schauen, dass die leeren Ladenflächen verschwinden. Dass diese mit einem Angebot gefüllt werden, das Leute in die Altstadt bringt.

Was heisst das konkret?

Meier: Der Branchenmix muss erweitert werden, es kann nicht sein, dass einfach wieder eine weitere Kleider-Boutique eröffnet wird, wenn ein Geschäft zugeht. Angebote für den täglichen Bedarf würden ganz sicher Magnetwirkung haben.

Sie sprechen von Frequenzbringern. Haben sie konkrete Vorstellungen?

Meier: Ich denke an einen Satelliten eines Grossverteilers mit einem Basis-Angebot für den Alltagsgebrauch, wie man sie heute in kleineren Orten sieht. Der 5-Stern-Laden der Justizvollzugsanstalt Lenzburg (JVA) mit seinem eigenen breiten Angebot an saisonalen Gemüsen und Früchten, den selbst gemachten Joghurts und natürlich die weitherum beliebten Wähen jeden Mittwoch wären einzigartig für die Altstadt Lenzburgs. Ebenso ein kleines Verkaufslokal des Lebensmittelkonzerns Hero, der ja hier seinen Hauptsitz hat. Persönlich hätte ich ganz gerne eine gute Confiserie, wie sie einst das «Gurini» war.

Frau Schwarz, wie sähen Sie die Einkaufsmeile Altstadt gerne?

Schwarz: Ich sehe die Altstadt als ein Zentrum mit einem Ladenmix, das den Besuchern ein Erlebnis ermöglichen soll: Wo man sich treffen und austauschen, sich «umeluege» und natürlich etwas kaufen kann. Ich teile Herrn Meiers Ideen, was den Mix anbelangt. Ergänzend möchte ich Folgendes sagen: Vor zwanzig Jahren wurde die Rathausgasse verkehrsfrei. Das hat die Geschäfte mit grossen schweren Gütern im Angebot benachteiligt, wie sie die Schwarz Stahl früher beispielsweise mit Rasenmähern angeboten hat. Geleert hat sich die Altstadt auch, als Einkaufszentren und Fachmärkten in der Region aufkamen. Sie haben spürbar Frequenz abgezogen.

Nachfolge-Lösung bei Emilie C. Otz in Sicht

Zwar an der Aarauerstrasse angesiedelt und nicht direkt in der Innenstadt, gehört die Buchhandlung Emilie C. Otz unbedingt zum Kreis der traditionsreichen Ladengeschäfte in Lenzburg und wird in einem Atemzug mit dem Altstadt-Gewerbe genannt. Lange Zeit sah es ganz danach aus, als ob Ursula und Michael Brücker das Ladenlokal aus Altersgründen schliessen würden. Nun kommen andere Signale aus der Buchhandlung. Eine Nachfolge-Lösung sei in Planung, heisst es auf Anfrage. Doch will man sich im jetzigen Zeitpunkt weder zur neuen Ladeneigentümerschaft noch zum Übernahmezeitpunkt äussern. Dafür sei es noch zu früh. (str)

Die Schwarz Stahl AG sucht ebenfalls einen Nachmieter für das Haushalt Plus, deren Besitzerin verstorben ist. Welche Vorstellungen haben Sie?

Schwarz: In der Altstadt steht das Stammhaus der Schwarz Stahl AG. Darauf sind wir auch heute noch stolz. Für uns ist es deshalb wichtig, dass die neue Mieterschaft ein gutes Betriebskonzept hat. Ich könnte mir auch vorstellen, dass die nicht unerhebliche Gesamtfläche mit zwei oder gar drei Mietern belegt wird. Ein Shop-in-Shop-Konzept.

Herr Meier, Sie haben für Ihr Wohneinrichtungsgeschäft mit einer ehemaligen Lehrtochter eine junge Frau als Nachmieterin gefunden und der Stadt das Fachgeschäft gesichert.

Meier: Einen Gewerbebetrieb in der heutigen Zeit so übergeben zu können, ist ein Glücksfall. In unserem Laden wird der Kunde beraten und es werden Wohn-Accessoires verkauft. Ansonsten dient er als Kontaktstelle in der Stadt für unser Hauptgeschäft, die Innendekoration. Die eigentliche Dienstleitung erbringen wir jedoch beim Kunden daheim.

In einschlägigen Berichten werden die Online-Händler zum Totengräber der Detailhändler gemacht.

Schwarz: Das kann man so nicht sagen. Je nach Branche ist der persönliche Service in einem Laden gepaart mit einem Online-Angebot ein erfolgversprechendes Konzept.

Im letzten Jahr haben 13 Altstädte sich zu einer Interessensgemeinschaft Aargauer Altstädte formiert, welche den Altstädten neue Impulse geben wollen. Deren Präsident, alt Regierungsrat Peter C. Beyeler, bemängelte in einem Interview den Zustand der Altstädte. Gefragt seien schön renovierte Häuser und wenig Verkehr. Lenzburg hat diese Hausaufgaben längst gemacht.

Meier: Die Fassaden der Altstadt-Liegenschaften sind grossenteils gut unterhalten, das ist richtig. Das Problem liegt in den aktuell gültigen Bauvorschriften, die modernes Bauen im Moment leider verhindern. Leute, wie Martin Killias (az vom 3.12.), die zu viel Denkmalschutz betreiben, verhindern eine Belebung der Innenstadt und das urbane Leben.

Schwarz: Auch in historischen Bauten stellen die Leute Ansprüche an ein komfortables Leben. Viele Wohnungen entsprechen nicht mehr heutigen Standards.

Ein Mangel an modernem Wohnraum dürfte wohl kaum für eine schwach frequentierte Altstadt verantwortlich gemacht werden können.

Meier: In einem gewissen Sinn besteht schon ein Zusammenhang. Die Zeiten, als ein Laden die Wohnungen in den oberen Stockwerken finanzierte, sind definitiv vorbei. Heute ist es genau umgekehrt. Damit will ich sagen, dass die Lokalmieten bezahlbar sein müssen. Die Hauseigentümer dürfen die Mieter nicht mit einem horrenden Zins belasten, der ihnen kein Einkommen ermöglicht.

Das wäre dann eine Hausaufgabe für die Liegenschaftsbesitzer.

Meier: Richtig. Sie müssen sich in Bescheidenheit üben mit den Mietzinsen, sonst geht es nicht.

Herr Meier, Sie sprachen vorhin von einem Satelliten eines Grossverteilers als Frequenzbringer in die Altstadt. Das stand doch schon einmal zur Diskussion.

Meier: Richtig. Vor über 30 Jahren sollte auf dem heute als Parkplatz genützten Erlengut ein Coop angesiedelt werden. Das Unterfangen scheiterte, die erarbeitete Studie wurde bachab geschickt.

Das ist ein Seitenhieb an die Politik. Ist die Altstadt-Belebung etwa Aufgabe der politischen Behörde?

Meier: Nicht allein, aber die politische Behörde muss den Lead übernehmen. Der Wille der ‹Lädeler› ist da, es fehlt jedoch eine Führung. Und das ist meiner Ansicht nach Aufgabe der Politik.

Doch letztlich sind die Ladenbetreiber die Unternehmer. Was müssen sie tun, um mehr Kunden anzulocken?

Meier: Dazu müssten sich die Läden auf eine gemeinsame Öffnungszeit einigen. Der heutige Einkauf findet auch über den Mittag statt. Viele Leute strömen um diese Zeit in die Restaurants. Die sind um diese Zeit sehr gut frequentiert. Es ist falsch, wenn die Läden in dieser Zeit geschlossen sind. Sie müssen sich dem Konsumentenverhalten anpassen. Dasselbe gilt auch für die Öffnungszeiten am Abend. Der «lange Freitag», den die Centrums-Geschäfte nun versuchsweise einmal monatlich durchführen, ist ein richtiger Ansatz.

Schwarz: Da geh ich mit Ihnen einig. Auch wir haben unsere Öffnungszeiten im heutigen Handwerkerzentrum an der Murackerstrasse unseren Kundenbedürfnissen angepasst und öffnen an den Wochentagen bereits am Morgen um 7 Uhr.

Sie verlangen, dass Hauseigentümer, Ladenbetreiber und Politik besser zusammenspannen. Sind damit alle Probleme vom Tisch?

Meier: Es fehlt noch die Bevölkerung aus Lenzburg und der ganzen Region. Sie muss diese guten Ansätze der Ladenbesitzer würdigen, indem sie das Angebot nutzt.

Schwarz: Ich finde den Ansatz der Centrums-Geschäfte richtig. Sie fungieren wie ein grosses Shopping-Center und bündeln unter dem Centrums-Brand gemeinsame Aktionen. Das sollte die Kundschaft honorieren, in dem sie hier einkauft.

Noch hat es leere Schaufensterflächen in der Rathausgasse. Sie sind schon ein wenig ein Trauerspiel, da werden sie mir recht gegeben müssen. Besteht die Hoffnung, dass sich 2017 daran
etwas ändert?

Meier: Das ist nicht nur eine Hoffnung, sondern muss hehres Ziel sein.

Schwarz: Dieser Meinung möchte ich mich anschliessen. Ich glaube, dass unsere Altstadt eine Zukunft hat. Es ist ein Feuer der Centrums-Vereinigung spürbar da. Es ist an die Kundschaft, diese Bemühungen zu belohnen.

Dorothee Schwarz, lic. oec. HSG, ist Geschäftsführerin der Schwarz Stahl AG, Lenzburg. Gemeinsam mit Christoph Schwarz führt sie das Familienunternehmen in sechster Generation.

Urs F. Meier, führte 40 Jahre lang ein Innendekorationsgeschäft in der Aavorstadt. Vor wenigen Monaten hat er es Livia Seelhofer (27) übergeben.