Hallwilersee
Eingefärbt: Die Balchen sehen im Jahr 2014 rot

Die Fischerei im Hallwilersee ist ein hartes Geschäft, wer Balchen fischen will, muss Fisch-Eier aufziehen und aussetzen. Mit der Einfärbung aller ausgesetzten Eier will man eruieren, ob sich Fische natürlich vermehren.

Fritz Thut
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«Delphin»-Berufsfischer Ernst Fischer unterwegs auf dem Hallwilersee.

«Delphin»-Berufsfischer Ernst Fischer unterwegs auf dem Hallwilersee.

Jiri Reiner

Ein diesiger Spätherbst-Morgen. Das Grau-in-Grau passt zum Jahr. Ernst Fischer wirft den Motor an, und das kleine offene Boot tuckert über den Hallwilersee. Speziell für den Fototermin der az hat er am Vorabend in der Nähe des Ufers und eines Schiffsteges einige Netze ausgelegt, die er nun einholt.

Schon bald zappelt ein erster Fisch in den Maschen. Ein Egli. Es folgen weitere. Egli schlüpfen bereits wenige Tage nach der Laichablage. «Seegras ist gut», sagt Fischer; hier können sich die Jungtiere ernähren, aber auch verstecken und so wachsen. Bis sie sich im Netz verheddern. «Die Egli sind zu schlau, um auf den Wurm zu gehen», sagt Fischer.

Neben dem beliebten Speisefisch klaubt der Berufsfischer auch wenige Alet, ein Prachtexemplar einer eher seltenen Schleie (fürs Aquarium im Verkaufslokal beim Meisterschwander «Delphin») und eine Rotfeder aus dem Netz. Mittlerweile nieselt es, doch auf der Rückfahrt zum «Delphin» herrscht Zufriedenheit: «Ein ganz guter Fang; da möchte ich nicht anfangen, zu jammern», so Ernst Fischer.

Gefangene Felchen im Hallwilersee

Gefangene Felchen im Hallwilersee

Nordwestschweiz

Einbruch beim «Brotfisch»

Doch dieser Morgen ist die grosse Ausnahme. Ansonsten haben die Fischer am Hallwilersee nicht viel zu lachen. Die paar Egli im Netz sind zwar schön, doch der «Brotfisch» hier ist der Balchen, der sonst häufig Felchen genannt wird. Und Balchen haben ab Oktober bis Ende Jahr im Hallwilersee Schonzeit.

Die Egli machen übers Jahr betrachtet nur einen tiefen einstelligen Prozentanteil des Umsatzes aus. Und die Balchen-Ertragszahlen haben sich in den letzten Jahren auf einem tiefen Niveau stabilisiert (vgl. Grafik der Fangzahlen zwischen 1996 und 2013).

Von Erträgen wie Mitte der 90er-Jahre mit beispielsweise über 76 Tonnen im Spitzenjahr 1995 können die Fischer vom Hallwilersee momentan nur träumen. «2014 war wieder schlecht; nur im September gab es einigermassen gute Fänge, vorher war nahezu nichts», zieht Berufsfischer Ernst Fischer die betrübliche Bilanz.

Sein Birrwiler Berufskollege Heinz Weber vom Westufer hat schon 2009 in einem Interview mit dem Organ der «Tafelgesellschaft zum Goldenen Fisch» festgehalten, dass die Fänge der Berufsfischer nicht mehr ausreichen, um den Balchen-Bedarf der Seerestaurants zu decken: «Seit 1999 sind die Fänge derart stark rückläufig, dass dies nicht mehr möglich ist.»

Dritter Anbieter von Balchen aus dem Hallwilersee ist der Sportfischerverein Hallwilersee. «Etwas besser als 2013», schätzt Martin Fischer den Ertrag dieses Jahres ein.

Keine natürliche Vermehrung

30 Millionen...

...Felchen-Eier wurden in diesem Jahr in solchen Aufzuchtgläsern in den Brutanstalten der beiden Hallwilersee-Berufsfischer Ernst Fischer und Heinz Weber sowie beim Sportfischerverein Hallwilersee vor dem Aussetzen mit dem Farbstoff Alazarinrot markiert. Dies entspricht der Gesamtmenge des 2014 ausgesetzten Laichs. Bei den geschlüpften Fischen und später beim Verzehr von Balchenfilets ist die Markierung unbedenklich; sie ist nur im Fischkopf, im sogenannten Otolith (Gehörknöchlein), nachweisbar. (tf)

Genau dies soll nun im Rahmen eines gross angelegten Projekts untersucht werden. Alle Brutfischchen des Jahrgangs 2014 wurden im Laichstadium mit roter Farbe markiert (vgl. Box links). Inzwischen haben die überlebenden Fische eine Grösse von mehreren Zentimetern erreicht.

Zu Kontrollzwecken werden in den nächsten Wochen hundert Balchen des aktuellen Jahrgangs gefangen und anschliessend untersucht: «Jeder Jung-Felchen ohne Markierung ist ein Zeichen, dass es im See auch zur natürlichen Vermehrung kommt», sagt David Bittner, Fachbereichsleiter Fischerei im kantonalen Departement Bau, Verkehr und Umwelt. Die ersten Ergebnisse dieser Untersuchungen werden im Dezember erwartet.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

30 Millionen Felchen-Eier wurden rot eingefärbt.

30 Millionen Felchen-Eier wurden rot eingefärbt.

Nordwestschweiz

Felchen als Bodenlaicher finden hier auf dem Seegrund weder genügend Sauerstoff noch genügend Plankton als Futter. Rudolf Müller vom Büro Limnos kommt in der vom Kanton in Auftrag gegebenen «Untersuchung über die Entwicklung der Felchen-Eier im Hallwilersee 2014» zum Schluss: «Die Ergebnisse ... lassen aktuell keine erfolgreiche Fortpflanzung der Felchen im Hallwilersee erwarten.»

Diese Skepsis teilen die Praktiker, die täglich am und auf dem See arbeiten. Ernst Fischer hat beobachtet: «Ab 12 Meter Tiefe hat es keinen Sauerstoff mehr.» Dafür verschmutzen hier Algen die Netze derart, dass sie mit einem Hochdruckreiniger geputzt werden müssen. «Die Burgunderblutalgen verhindern die Planktonbildung», hat Ernst Fischer eine Theorie für die nachhaltig tiefen Balchen-Erträge. Eine Rückkehr zu den hohen Fangzahlen Mitte der 90er-Jahre scheint derzeit unrealistisch.

Doch auch hier stirbt die Hoffnung zuletzt: «Jedes Jahr ist anders; der letzte milde Winter hat wieder eine neue Situation ergeben», so Ernst Fischer. Resignieren kommt für ihn nicht infrage: «Wer die Hoffnung aufgibt, kann sich eh abschreiben.»

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